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Interview "Hof des Monats Januar 2011" mit Anne Christoph und Felix Pfeiffer
von FYLGJA- 27412 Bülstedt

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Hof FYLGJA
der etwas andere Reiterhof...

'FYLGJA' ist ein isländisches Wort und bedeutet 'begleiten, geleiten'.
So verstehen Anne und ihr Team die Arbeit hier auf dem Hof - sie möchten die Menschen, die hierher kommen, ein Stück ihres Weges begleiten und geleiten - mit und ohne eventuelle Hindernisse.
Hier leben Islandpferde, schottische Highlandponies, sowie Shetlandponies. Angeboten werden neben der "heilpädagigischen Arbeit mit dem Pferd" und "Feldenkrais und Reiten" auch Reitunterricht, Reitkurse und Ferienfreizeiten sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Fahrunterricht und Fahrkurse mit abschliessender Prüfung bilden ein weiteres Highlight bei Fylgja. Es wird auch die Möglichkeite geboten das eigene Pony einzufahren.

Fleygur: Anne, Ihr nennt Euch selbst "den etwas anderen Islandpferdehof", warum? 

Anne: Erstens weil wir schon rein äußerlich nicht ganz einem typischen Islandpferdehof entsprechen, wir haben keine Ovalbahn, dafür aber z.B. einen Fahrplatz. Und bei uns leben neben den 9 Islandpferden auch noch sechs andere Ponies. Zum zweiten, weil die Schwerpunkte unseres Hofes erstmal nicht 'isitypisch' waren, bzw. sind. Beispielsweise unsere klassisch dressurmäßige Ausrichtung der Grundausbildung jedes Pferdes wurde damals, als wir hier anfingen, ziemlich skeptisch beäugt. Auch das Fahren mit unseren Islandpferden wurde anfangs skeptisch gesehen, sowohl von der 'Fahrer-Szene' als auch von der 'Isi-Szene'. Die einen fanden die Mehrgänge der Isis unpassend und hinderlich, die anderen befürchteten, genau diese gingen durch's Fahren verloren. Auch bei den Anfängen der Körperarbeit auf dem Pferd und der Reittherapie fielen wir etwas aus dem Rahmen dessen, was man sich unter einem 'Islandpferdehof' vorstellte. Wir sind eben schon immer 'etwas andere' Wege gegangen als die meisten Islandpferdehöfe und so ist dieser Slogan entstanden.

Fleygur: Felix, ein Schwerpunkt Eurer Arbeit ist Feldenkrais und Reiten. Wir selbst haben auch schon Erfahrungen mit Freldenkrais auf dem Pferd sammeln können und waren sehr beeindruckt, inwiefern es helfen kann, den Grundstein für neue Bewegungsmuster bzw. veränderte Körperhaltungen zu legen .
Auf Eurer Webseite zitiert Ihr Moshé Feldenkrais, der gesagt hat „Wenn ich weiß was ich tue, kann ich tun was ich will“. Kannst Du unseren Lesern erklären, was er damit meinte?

Felix: Der Halbsatz `Wenn ich weiß was ich tue...´ bezieht sich auf das ´innere Auge´, also unsere Wahrnehmung im Bereich der Muskeln, Gelenke, und Sehnen. Diese Sinneseindrücke sind uns im Alltag nicht weiter bewusst. Es sei denn, wir haben z.B. in den Schultern Schmerzen oder einen Muskelkater. In der Feldenkrais-Arbeit wird die Wahrnehmung dieser sogenannten kinästhetischen Reize in besonderer Weise trainiert. Man lernt also mehr und mehr zu spüren, in welcher Art und Weise man seine Bewegungen ausführt. Das bedeutet, dass man z.B. wahrnimmt, mehr Kraft als nötig eingesetzt zu haben oder das Muskelgruppen mitarbeiten, die nichts mit der eigentlichen Bewegung zu tun haben. Beispielsweise ziehen Reiter die Schultern hoch oder haben insgesamt zu viel Spannung in den Schultern. Manchmal werden noch die Kiefer aufeinandergepresst oder die Atmung wird flacher u.s.w. Diese individuellen Muster passieren automatisch, man nimmt sie in der Regel nicht oder nur kaum wahr- oder eben erst an den Folgeerscheinungen, wie einem unguten Körpergefühl oder Schmerzen. Demgegenüber kann jemand, der ´weiß was er tut´ sich ökonomischer, leichter, freier bewegen. Ein Ballettänzer oder Musiker kann es nur zur Vollendung bringen, wenn er in ganz besonderer Weise in der Lage ist, alle Muskelgruppen mit einem notwendigen Minimum an Spannung harmonisch miteinander zu koordinieren. Dann kann er ´tun was er will´.

Fleygur: Das klingt einleuchtend, inwieweit wirkt sich Feldenkrais dann auf das „Reiten“ aus, bzw. was bewirkt es in der alltäglichen Reitpraxis?

Felix: Der Reiter kommuniziert mit dem Pferd über seinen Körper, über Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen. Wird der Reiter in seiner Körperwahrnehmung sensibler, wird auch seine gesamte Hilfengebung feiner und differenzierter. Darüber, dass dem Reiter seine beweglicheren und eingeengten Bewegunsrichtungen bewusster werden und die Beweglichkeit mit der Zeit wächst, wird sich z.B. die ewig schlechtere Seite verbessern oder es entsteht ein neuer, weicherer und angenehmerer Bewegungsfluss im Aussitzen oder Leichttraben. Der Reiter sitzt und bewegt sich balancierter, entwickelt eine feinere leichtere Kommunikation mit dem Pferd und beginnt nicht nur sich, sondern auch das Pferd mehr zu spüren. Das Reiten bekommt eine ganz neue Qualität.
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Fleygur: Wie sieht denn so eine Feldenkraisstunde bei Euch aus? Kannst Du mal ein Beispiel nennen, was man dabei auf und mit dem Pferd macht?

Felix: Der Blick wird auf bestimmte Bewegungsabläufe gerichtet. Eine wesentliche Übung betrifft z.B. das Bewegungszentrum um das Becken herum. Also von den Hüftgelenken bis zum unteren Rücken. Eine Weile wird das innere Auge auf das Bewegungsgefühl der inneren Seite gelenkt: Wie frei und wie tief pendelt das innere Bein. Dann wechselt der Focus auf das andere Bein. Oft hat der Reiter dann das spontane Gefühl eines Unterschieds. Allein dieser Prozess der Wahrnehmung verbessert häufig schon die gebremstere Seite, da sich das gesamte neuromuskuläre System evolutionär auf Effektivierung ausgebildet hat. Dieses Prinzip der Ökonomisierung von Bewegungen durch ständiges Aus- und Neuprobieren wird notwendigerweise bereits im Kindesalter durch die Etablierung von Automatismen abgelöst. Allerdings sind diese Automatismen oft durch das Imitieren von unvorteilhaften Bewegungsmustern oder Haltungen oder durch Unfälle ineffektiv und auf die Dauer schädlich. In der Feldenkraisarbeit geht es nun darum, sich die günstigen sowie ungünstigen Routinen bewusst zu machen und das in uns schlummernde Potential der neuromuskulären Ökonomisierung wieder nutzbar zu machen. Bezogen auf die Wahrnehmungsübung des Bewegungszentrums wird dann die Reitstunde fortgesetzt, indem der Schüler animiert wird von seiner guten Seite zu lernen:´Halte dir nochmal dieses geschmeidige und freie Pendeln deiner guten Seite vor dein inneres Auge. Und stell dir nun vor, dass sich auch die andere Seite so anfühlen könnte.´ Dass die imaginative Übertragung eines Bewegungsgefühls die andere Körperseite verändern kann, haben Neurobiologen mittlerweile mit den modernen bildgebenden Verfahren nachgewiesen. In einem weiteren Lernschritt wird der Schüler angehalten die Bewegung der gebremsteren Seite durch die aller kleinste und feinste aktive muskuläre Mitarbeit zu verändern. Immer wieder dient die Wahrnehmung der besseren Seite dabei als Unterstützung und Vorbild.

Fleygur: Euren Reituntericht richtet Ihr an Menschen, die einen "alternativen" Zugang zur Arbeit mit dem Pferd suchen. Wie sieht diese Alternative bei Euch aus?

Anne: Wir selbst sind und waren immer offen für verschiedene Ansätze in der Pferdehaltung und -ausbildung und haben in den ganzen Jahren mit unseren Pferden von den verschiedensten LehrerInnen viel gelernt. Ich selbst bin mit der 'Pony Post' (später 'Freizeit im Sattel') groß geworden und habe viele Anstöße und Themen, die die fs anregte, interessiert aufgenommen, Kurse bei RekenlehrerInnen mitgemacht und mir eigentlich immer etwas daraus mitgenommen. So habe ich auch schon ganz früh Linda Tellington-Jones kennengelernt und später z.B. das Chiron-Reiten, das Westernreiten und das Centered Riding, u.a.m. ausprobiert. Seit inzwischen fast sechzehn Jahren haben wir bei verschiedenen SchülerInnen von Richard Hinrichs Reitunterricht. Diese ganzen Erfahrungen haben mich geprägt, immer offen für Neues zu bleiben und sie fließen auch in unseren Reitunterricht ein, der nicht nur für den/die ReiterIn effektiv und angenehm sein soll, sondern auch für das Pferd. Pferdeschonung und artgerechte Ausbildung sind uns ein ganz besonderes Anliegen. Wir unterrichten daher am liebsten in Einzelstunden, da wir dann ganz individuell auf Pferd und ReiterIn methodisch eingehen können.

Fleygur: Anne, neben Islandpferden setzt Ihr auch Highlandponies und Shetlandponies im Unterricht ein. Du sagst, für Reit- und FahranfängerInnen hälst Du z.B Islandpferde (ausgenommen reine Dreigänger) auch für nicht geeignet. Warum siehst Du das so?

Anne: Ich erlebe selbst immer wieder, wie anspruchsvoll Gangreiten ist und wieviel Gymnastik ein Gangpferd sein Leben lang braucht, um seine Gänge pferdeschonend zeigen zu können. Für mich ist das Gangreiten so etwas wie die Krone der Reiterei! Erst wenn ein Islandpferd geschmeidig und durchlässig in allen Grundgangarten an den Hilfen steht, dh. die Seitengänge beherrscht und sich damit beliebig im Schwerpunkt verschieben lässt, beginnt bei uns auf dem Hof das Gangreiten. Wahre Natürtölter mal ausgenommen, aber die sind ja auch sehr rar gesät. Damit sind jedoch AnfängerInnen schlichtweg überfordert. Die sind erstmal lange Zeit ausschliesslich mit sich selbst, ihrem Sitz und ihrer Hilfengebung beschäftigt, da kommt ein anspruchsvolles Gangpferd zu kurz. Das Ergebnis sieht man häufig, festgezogene Pferde, die ausser Schweinepass nicht mehr viel können. Hier kann man den AnfängerInnen auch keinen Vorwurf machen, denn sie haben zunächt weder das Verständnis noch das Können, dem mehrgängigen Islandpferd das zu bieten, was es für sein Gangpotential braucht. Und genau aus diesem Grund empfehlen wir solche Pferde nicht für ReitanfängerInnen. Dreigängige Islandpferde mit Schritt, Trab und Galopp sind für ReitanfängerInnen hingegen ideal, denn so ausgeglichene Charaktere wie bei der jahrhundertelangen konsequenten (zumindest in Island!) Islandpferdezucht gibt es nur bei wenigen anderen Pferderassen. Beim Fahren ist es ähnlich. Fahren ist mit Gangpferden besonders schwer, denn die Anlehnung erfordert sehr viel Fingerspitzengefühl, was FahranfängerInnen zunächst einmal nicht haben, denn sie sind mit den Leinengriffen und anderen 'Basics' beschäftigt. Ein dreigängiges Islandpferd hingegen mit sicherem Trab ist kein Problem für FahranfängerInnen.

Fleygur: Bei Euch kann man ja das "Fahren mit Islandpferden" auch erlernen. Nur ganz wenige Höfe bieten das Fahren mit Islandpferden als Kursangebot, z.B. auch mit Abzeichen an. Wann hat Euch der Fahrbazillus erfasst und was macht den besonderen Reiz beim Fahren aus?

Anne: Genau genommen hat mich zuerst der Fahrbazillus gepackt, ich bin schon von klein an immer mal auf einer Kutsche mitgefahren und später durfte ich auch bei einigen FahrerInnen mal selbst fahren, vor allem Shetties und Islandpferde. Aufgrund meiner Körperbehinderung hat es jedoch lange gedauert, bis ich eine/n FahrlehrerIn gefunden habe, der mir angeboten hat, einen Fahrabzeichenkurs zu absolvieren. Das war erst 2001 möglich. Da hat es mich endgültig gepackt und dann ging es ziemlich intensiv weiter. Im nächsten Jahr absolvierte ich schon mein Bronzenes Fahrabzeichen, Felix absolvierte seine Abzeichen und im Herbst 2005 seinen FN Trainer C. Von unseren Pferden haben wir inzwischen schon etliche eingefahren, weitere folgen noch.

Felix: Seit 2004 bieten wir Schnupperfahrwochenenden an und seit 2006 auch Fahrabzeichenkurse. Seit dieser Zeit geben wir auch Einzelfahrunterricht und bilden Fahrponies für andere aus, bisher hauptsächlich Shetlandponies und Islandpferde.

Anne: Der Reiz beim Fahren ist für mich, dass es eine ganz andere Form der Arbeit mit dem Pferd ist. Es macht mir großen Spaß, mit dem Pferd auf dem Fahrplatz dressurmäßig zu arbeiten, genauso wie ich das gemütliche 'Geschuckeltwerden' durch die Landschaft genieße - ein Reisetempo, das mir entspricht! Aber auch mit meiner Shettystute mit der Gig durch's Gelände zu flitzen lässt mein Herz höher schlagen. Was ich besonders am Fahren schätze und warum wir vor allem unsere Pferde fahren, ist der physische Ausgleich zur Arbeit als Reitpferd. Beim Fahren werden vor allem die Rücken- und Bauchmuskeln optimal trainiert bei gleichzeitiger Entlastung des Rückens ohne Reitergewicht. Ich habe immer wieder beobachtet - bei unseren und bei Gastpferden, dass fast alle Pferde lieber gefahren als geritten werden. Das Ziehen entspricht ihrem Körperbau viel eher und ist daher augenscheinlich angenehmer für sie. Vorausgesetzt natürlich auch hier, dass sie behutsam ausgebildet und trainiert werden, Kutsche und Geschirr optimal angepasst sind und es zu keiner Überforderung kommt.

Felix: Ein besonderer Reiz ist inzwischen seit einigen Jahren auch der Einsatz des Fahrens im HPA. Hier können unsere ReitschülerInnen einmal etwas ganz anderes erleben, z.B. im engen Miteinander auf der Kutsche oder beim eigenen Lenken des Pferdes vor der Kutsche. Und wie jetzt im Winter steht Schlittenfahren hoch im Kurs bei allen. Kutschfahrten sind ein häufiger Geburtstagswunsch und eine Kutschbegleitung wird zudem auch bei längeren Ausritten eingesetzt, um die FußgängerInnen mitzunehmen. Insgesamt eine große Bereicherung für das HPA!

Fleygur: Anne, Du bist auch Psychotherapeutin und seit vielen Jahren als Reittherapeutin tätig. Außerdem bietest Du eine Zusatzausbildung in "Heilpädagogischem Arbeiten mit Pferden" an. Für wen ist diese Ausbildung geeignet und welche Berufschancen eröffnen sich den Teilnehmern dadurch?

Anne: Die Zusatzausbildung HPA ist geeignet für Menschen aus sozialen Grundberufen (ErzieherIn, Soz.Päd., PsychologIn, ErgotherapeutIn, HEP, u.ä.), die bereits über genügend Pferdeerfahrung verfügen und das HPA in ihre Arbeit einbauen möchten, bzw. sich mit HPA beruflich verändern möchten. Sie findet 2011 zum siebzehnten Mal statt und wird inzwischen von mir und Felix gemeinsam geleitet. Was jede/r TeilnehmerIn anschliessend mit der Zusatzausbildung macht, bleibt ihm/ihr überlassen. Viele haben das HPA in ihre Arbeit integriert, etliche auch erstmal nebenberuflich damit angefangen. Einige haben sich als HPA-Betrieb sogar selbständig gemacht, wobei wir das in den heutigen Zeiten eigentlich niemandem mehr empfehlen, denn in Zeiten knapper Budgets der Krankenkassen, Kommunen und anderer Träger, sowie Geldmangel in den Familien selbst ist das ein hartes Brot!


Fleygur: Mit welcher Person aus dem "Pferdebereich" würdest Du denn gerne mal bei einem längeren Ausritt ein Gespräch führen und zu welchem Thema?

Anne: Ich würde gerne mal mit Richard Hinrichs einen Ausritt machen und über die Gesunderhaltung des Freizeit-/Gangpferdes durch gezielte Gymnastizierung sprechen oder mit Michael Freund eine Ausfahrt machen zum selben Thema bezogen auf den Fahrsport.

Fleygur: Danke für das Interview. Wir hoffen, dass wir es auch wirklich noch einmal schaffen, Eure Einladung zu einem Schnupperkurs im Fahren anzunehmen.