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Interview "Hof des Monats Februar 2010" mit Sabine Opitz-Wieben 
vom Reiter- und Erlebnisbauernhof Groß Briesen - 14806 Groß Briesen

hier geht es zur Fleygur Website vom Reiter- und Erlebnisbauernhof Groß Briesen


Inmitten von Sand, Kiefern und unbegrenzten Reitmöglichkeiten liegen der Reiter- und Erlebnisbauernhof Groß Briesen und das Gestüt für Islandpferde Laekurhof in 14806 Groß Briesen.

Auf dem märkischen Vierseitenhof am Rande des Havellandes begrüßen Klaus Wieben und seine Frau Sabine Opitz-Wieben ihre Gäste in familiärer und kinderfreundlicher Atmosphäre.
Ob fortgeschrittene Reiter, Anfänger, Menschen mit Behinderungen oder die Kleinen aus der Kitagruppe - sie bieten jedem ein individuelles Reiter- und Erlebnisprogramm

 

Fleygur: "Frau Opitz- Wieben, Sie haben Ihren Hof 1996 zusammen mit Ihrem Mann gekauft und Stück für Stück ausgebaut. Aus einem ehemals kleinen Gut ist inzwischen ein ausgewachsenes Unternehmen geworden. Zum Hof gehören 170 Hektar Land und damit viel Platz für die Offenstallhaltung der 160 Pferde und 40 Kühe. Bei Ihnen ist immer etwas los, neben den vielen Tieren prägen viele Reitschüler, Kinder und Urlaubsgäste das Hofleben.
Ist für Sie ein Traum in Erfüllung gegangen?"

Sabine Opitz-Wieben: "Wie bei vielen Dingen im Leben gibt es zwei Seiten der Medaille. Die Idee war, unseren Tagesablauf mit und ums Pferd zu gestalten, sich mit dem Thema Pferd im weitesten Sinne zu beschäftigen, sozusagen das Hobby zum Beruf zu machen. Das ist uns durchaus gelungen. Wir haben mit und von den Pferden gelernt. Parallel zur Hofführung habe ich meine Ausbildung zur Pferdewirtin und später zur Pferdewirtschaftsmeisterin absolviert. So gesehen dreht sich der ganze Tag ums Wohl der Pferde."

Fleygur: "Sie bieten nicht nur Urlaubern Quartier und bieten Reitunterricht, -therapie und-kurse an. Sie züchten auch Isländer und Rinder und verkaufen z.B. auch Bio-Beef. Das hört sich nach unglaublich viel Organisation und Arbeit an. Wie bekommen Sie das alles "unter einen Hut" und bleibt bei Ihnen noch Zeit für einen eigenen Urlaub? "

Sabine Opitz-Wieben: "Ja, Sie haben Recht. Es ist nicht immer leicht, alles unter einen Hut zu bekommen. Die verschiedenen Bereiche machen die Arbeit sehr abwechslungsreich aber auch zeitintensiv. Man ist überall gefragt. Sie reicht von Küchenplanung, mit Speiseplanerstellung und Lebensmittelkalkulation, von Landwirtschaft, mit Heuternte und Maschinenreparaturen, von Hausmeistertätigkeiten mit all den Instandhaltungsarbeiten, vom Reitbetrieb mit all seinen Facetten, von der Gästebetreuung, dem Marketing, den Messebesuchen, der Internetpräsentation, der Gästeberatung und Belegung bis hin zur reinen Verwaltung. All diese Bereiche werden von uns mit erledigt und koordiniert. Da bleibt nicht viel Zeit für Urlaub. Ein paar Tage im Jahr fallen zwar ab, jedoch müssen Sie das Ganze aus einer anderen Sichtweise betrachten. Jeder weiß, daß die Arbeit in der Landwirtschaft und im Tourismus ein Rundumjob ist, 7 Tage die Woche und 24 Stunden am Tag. Das ist das eigentliche Problem. Wenn wir mal ein paar Tage wegfahren, dann ist es kein Urlaub wie Sie ihn als "normaler" Arbeitnehmer verstehen, sondern der Ausgleich für die "durchgearbeiteten" Tage.
Und da kommen dann die guten Mitarbeiter ins Spiel. So ein Pferdehof im Tourismusbereich und da spreche ich sicher für viele andere Ferienbetriebe, funktioniert nur, wenn Sie gutes, engagiertes Personal haben, das verantwortungsbewußt und umsichtig für Gäste sowie Pferde handelt und für den Betrieb denkt. Ohne die guten Seelen des Hofes wäre der Betrieb nicht möglich."

Fleygur: "Auch Menschen mit Behinderungen können ja  bei Ihnen Urlaub machen,  z.B. auch Gruppen aus Sonderkindergärten oder Kinderheimen.  Wie sieht Ihr speziell auf die Bedürfnisse dieser Menschen zugeschnittenes Ferienprogramm aus?"

Sabine Opitz-Wieben:
"Ein Programm für die sogenannten handicapped Menschen kann sehr verschieden aussehen. Wir sind dabei nicht festgelegt und wie bei allen anderen Gästegruppen auch, bestimmt hier der Gast das Programm. Es kann die Einzelperson sein, die je nach Können integrativ in der Gruppe mitreitet oder eine Extralongestunde bekommt. Andererseits zählen wir auch Gruppen zu unseren Gästen, mit oder ohne Rolli, Erwachsene oder Kinder. Die bilden meist eine eigene Gruppe und reiten je nach Schwere der Behinderung mit Voltigurt an der Longe oder frei in der Abteilung. Dabei verstehen wir uns nicht als Therapieeinrichtung, sondern als Urlaubsdomizil, das auch behinderten Menschen die Möglichkeit bietet, einen Urlaub mit Pferden zu verbringen. Schließlich gehört auch das Freizeitprogramm neben den Reiteinheiten zum Tagesablauf. Auch hier entscheiden die Gäste, wie die Unternehmungen aussehen sollen: Kremserfahrten, Lagerfeuer mit Stockbrot oder Hof- und Koppelbesichtigungen - lediglich der Rolli ist manchmal nicht ganz weidetauglich - damit alle dabei sein können, geht's dann mit Planwagen und Traktor über die Weide."

Fleygur: "Ihr Motto lautet ja "Reiten ohne Drill und Angst-Mit dem Pferd die Natur erleben".  Ihre Islandpferde sind für das Therapeutische Reiten natürlich gut ausgebildet worden. Da bietet es sich an, auch spezielle Angebote für erwachsene Wiedereinsteiger und insbesondere ängstlichere Reiter zu machen. Wie schaffen Sie darüber hinaus  im Unterricht eine entspannte Atmosphäre für diese Zielgruppe?"

Sabine Opitz-Wieben: "Reiten ist Bewegung. Wer sich etwas in der Pferdeszene auskennt, weiß, daß es dafür mittlerweile viele Begriffe gibt, die das umschreiben. In dem Buch "Balance in der Bewegung" von Susanne von Dietze kann man davon lesen. Auf dem Balimo von Eckart Meyners kann man die "Balance in motion" trainieren. Das sind unsere Ansätze. Kommandos wie "Hacken tief" oder "Ellenbogen ran" pressen den Reiter in eine starre Form, die er auf dem sich bewegenden Pferd gar nicht umsetzen kann. Statt dessen arbeiten wir mit inneren Bildern, lassen die Reitgäste die Bewegungen erfühlen und betrachten die Harmonie zwischen Reiter und Pferd als oberste Priorität. Die Bewegung darf nur so schnell sein, wie der Reiter sie auch umsetzen kann und das Vertrauen in das Pferd besitzt, sonst wird er sich verkrampfen. Und genau das wollen wir ja in der Reiterei gerade nicht. Kurse im Centered Riding, Bodenarbeit und Kommunikationstraining mit dem Pferd sind dabei zusätzliche Angebote, die regelmäßig auf unserem Hof stattfinden."

Fleygur: "Nochmal zum Stichwort "Natur erleben". Ihr Hof liegt im Naturpark Hoher Fläming, einem 827 Quadratkilometer großen Schutzgebiet. Was zeichnet die Natur dort aus und ganz nebenbei, haben Sie sich hier schon mal "verritten", d.h. den Weg verloren?"

Sabine Opitz-Wieben: "Natürlich werben wir mit dem, was wir in Massen haben. Die Natur pur direkt vor unserer Haustür, Wald und Sandwege ohne Ende, kaum eine Menschenseele, keine Straßen, keine Autos, reiten ohne Verbotsschilder. Das ist ein Luxus, den man nicht überall findet. Für die Wanderreiter gibt es Beschilderungen mit dem Specht, die ihnen den Weg von Hof zu Hof auf der Naturparkreitroute weist, damit sie sich nicht verreiten. Exklusiv in Brandenburg gibt es auch das GPS geführte Reiten. Hierbei gibt es zertifizierte Routen, auf denen man sich mit einem Gerät orientieren kann. Von unserem Hof bieten wir Ausritte, die sowohl eine Stunde, mehrere Stunden oder auch einen bis drei Tag dauern. Es wäre sehr langweilig für uns, hätten wir nur drei Touren zum Reiten. Daher stellt die Erkundung neuer Wege eher eine Herausforderung als ein Problem dar. Auf eines kann man sich immer verlassen: die Pferde - die finden immer den kürzesten Weg nach Hause."

Fleygur: "Sie sagen selbst, "es ist keiner zu dick, zu groß, zu alt oder zu ungelenkig", um Reiten zu lernen. Wie begründen Sie diese Aussage?"

Sabine Opitz-Wieben: "Immer wieder höre ich diesen Satz. Das heißt für mich, dass viele Menschen genau an dieser Stelle Hemmungen haben und den Weg zum Pferd oder zum Reiten aufgrund dieser Blockaden nicht mehr gehen. Dabei heißt Reiten doch nicht gleich Profisport. Wenn jemand im Alter nochmal anfängt Tennis zu spielen oder Klavier zu lernen, dann verwundert es doch auch niemanden. Letztendlich geht es doch um Körpergefühl, Koordination, Fitness, Kondition und Angstabbau. Warum soll das ein älterer oder ungeübter Mensch nicht trainieren können. Für schwere Reiter gibt es kräftige Pferde. Nicht umsonst ist Reiten als Gesundheitssport mittlerweile von den Krankenkassen anerkannt und wird als Präventionsmaßnahme zur Erhaltung der Gesundheit von eben diesen gefördert."

Fleygur: "Ein sicherlich einzigartiges Angebot sind Ihre "Muki- und Vakigruppen". Gemeint sind damit Ihre Mutter-Kind-  und Vater-Kind- Angebote. Wir finden es eine tolle Idee, während der Reitstunden für Mütter und Väter eine Kinderbetreuung anzubieten, damit z.B. auch Eltern mit kleineren Kindern nicht auf Ihr Hobby verzichten müssen. Ihr Angebot umfasst aber noch mehr - die Kleinen lernen z.B. in der Zeit selbst das Reiten. Welche Möglichkeiten gibt es bei Ihnen darüber hinaus noch für Eltern mit ihren Kindern?"

Sabine Opitz-Wieben: "Über die Jahre haben wir uns von einem Kinderferienhof zum Urlaubsbetrieb nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene und Familien entwickelt. Das beinhaltet, dass wir nicht nur das ganze Spektrum rund ums Pferd anbieten, sondern auch alternatives Freizeitprogramm. Aus diesem Grund bildet auch die "Gästebetreuung" einen wesentlichen Bestandteil unserer täglich Arbeit. Schnitzeljagden, Bogenschießen, Theorieabende oder Karaokewettbewerbe sind beliebte Aktivitäten. Unsere Gäste möchten reiten, na klar, aber was dann. Gesellige Abende unter Gleichgesinnten, Angebote für nichtreitende Familienmitglieder wie Angeln, die Sole-Therme in Belzig oder ein Ausflug in die Natur mit meinem Mann zählen zu unserem abwechslungsreichen Freizeitprogramm. Mein Mann hat hierfür eine spezielle Ausbildung zum regionalen Natur- und Kulturführer absolviert. Nichtreiter können bei uns auch eine Woche ohne Pferdekontakt verbringen. Unter dem Motto "Flämingurlaub" haben wir eine Palette an Angeboten zum Kennenlernen der Region zusammengestellt. "

Fleygur: "Jedes Jahr werden bei Ihnen ca. 15 Fohlen aus eigener Zucht geboren. Haben Sie neben ihren Zuchtstuten auch eigene Deckhengste?"

Sabine Opitz-Wieben: "Ja, wir haben immer wieder eigene Hengste. Wenn man sich eine Zucht aufbaut, muß man jedoch darauf achten, dass man regelmäßig neue Linien einkreuzt, um eine Inzucht zu vermeiden. Daher kommen jedes Jahr auch Hengste von anderen Züchtern bei uns zum Einsatz. So haben wir Nachzuchten von Atli frá Nordur-Hvammi oder Nathan vom Schluensee vom Gestüt Ruppiner Hof, von denen wir uns einiges versprechen. Ein gekörter Junghengst von uns aus dieser Linie wird zur Zeit auf die gerittene Prüfung vorbereitet. Von ihm stammt das Siegerfohlen der brandenburgischen Fohlenschau im letzten Jahr. Natürlich sind wir gespannt, ob auch er den Anforderungen an einen Deckhengst gerecht werden wird."

Fleygur: "Ihr Zuchtziel ist dabei nicht das exzellente Sportpferd, sondern ein zuverlässiger Freizeitpartner mit gutem Charakter, lockerem Tölt und klar getrennten Gängen.  Wie gehen Sie bei den Anpaarungen vor, um diese Ziele zu erreichen?"

Sabine Opitz-Wieben: "Über die Jahre haben wir an vielen Fohlenschauen und Stuteneintragungen teilgenommen. Die Beurteilungen der Richter, die Gangveranlagung der Fohlen, der Charakter der Jungpferde sowie die Rittigkeit der Pferde während der Ausbildung sind entscheidende Kriterien bei der Auswahl einer Zuchtstute. Dabei darf man nicht nur ein Fohlen sondern muß die gesamte Nachzucht einer Stute betrachten. Erst dann können Aussagen über ihre Vererbung getroffen werden. Beispielsweise gehen aus einer kleinen Stute nicht zwangsläufig kleine Fohlen hervor. Durch diese Selektion konnten wir auf unserem Hof mittlerweile Stutenstämme etablieren, die genau unserem Zuchtziel entsprechen."

Fleygur: "Zum Abschluss noch unsere Standardfrage: Wenn Sie sich eine Person aus dem Bereich der Pferdeszene aussuchen könnten, mit wem würden Sie gerne mal bei einem gemeinsamen Ausritt ein längeres Gespräch führen und zu welchem Thema?"

Sabine Opitz-Wieben: "Gerd Heuschmann hat sich als Kritiker der Rollkur mit seinem Buch "Stimmen der Pferde" einen Namen in der Pferdeszene gemacht. Bei einem Vortrag zu diesem Thema hat er angekündigt, dass er gern einmal die Ausbildungspraxis der Islandpferdereiter und das Satteln der Pferde weit hinter dem Widerrist unter die Lupe nehmen wolle. Ich wüßte gern, ob die Untersuchungen bereits begonnen haben oder Ergebisse vorliegen."

Fleygur: "Die DVD und das Buch stehen auch bei uns im Regal. Durch Gerd Heuschmanns Seminare und Fachvorträge auf Islandpferdehöfen hat sich auch in unserer Szene schon einiges bewegt. Im Sommer gibt er ein Seminar zu Ihrem Thema: "Die funktionelle Anatomie des Pferdes erklärt den Ausbildungsweg", organisiert vom IPZV Landesverband Weser-Ems auf dem Delmehof. Leider waren die Plätze für die aktiven Reiter sofort ausgebucht, aber wahrscheinlich werden wir als passive Teilnehmer hinfahren. Bestimmt ergibt sich die Gelegenheit Ihre Frage zu stellen - es würde auch uns sehr interessieren.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit Ihrer Zucht und Ihrem Reit- und Ferienbetrieb."