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Islandpferd Tjaldur beim Zahnarzt - Tierärztin Julia Wasse erklärt

von Doris Haardt

Doris, Tjaldur und Julia (von links nach rechts)

Julia Wasse behandelte meinen 6 jährigen Wallach Tjaldur, der mir beim Reiten aufgefallen war, weil er sehr zäh reagierte und sich insgesamt sehr festhielt. Die letzte Zahnbehandlung war auch schon eine Weile her.

Julia richtete zunächst ihren "Behandlungsraum" ein, und es gab ein Vorgespräch zum Gesundheitszustand und zu eventuellen Besonderheiten von Tjaldur.
Nun folgte die allgemeine Untersuchung, wobei Julia auch Herz und Lunge meines Pferdes abhörte.
Alles war in Ordnung und sie setze routiniert die Sedierung.

...

Während wir auf die Wirkung der Spritze warteten, stellte ich ein paar Fragen:

Wie bist du darauf gekommen, deinen Arbeitsschwerpunkt ausgerechnet auf Pferdezähne zu legen, und seit wann machst du das?

Julia:
"Während meiner ersten Arbeitsstelle 2008 in einer allgemeinen Pferdepraxis hat mich mein Chef häufig und gerne zu Zahnbehandlungen und Fortbildungen darüber geschickt, wodurch ich mir schon ein ganz gutes Bild von dieser Materie machen konnte. Die Kombination aus oft prompter Hilfe für Pferd und Reiter, handwerklicher Arbeit und der komplexen Funktion/Fehlfunktion des Pferdegebisses hat mir sehr gut gefallen, weshalb ich später gerne eine Stelle bei einer Tierärztin annahm, bei der ich ausschließlich die Behandlung von Pferdezähnen übernommen habe. Durch weitere Fortbildungen vertiefte ich meine theoretischen Kenntnisse. Vor ein paar Monaten ergab sich für mich die Möglichkeit, mich mit einer mobilen Praxis selbstständig zu machen, und da ich die reibungslose Funktion des gesamten Kauapparates beim Pferd für enorm wichtig halte, konzentriere ich mich weiterhin auf die Behandlung von Pferdezähnen."

Welche besonderen Werkzeuge benutzt Du und warum?

Julia:
"Als erstes benutze ich meine Augen und Hände, um sowohl das ganze Pferd im Allgemeinen, den Pferdekopf von außen im Speziellen als auch die Maulhöhle beurteilen zu können. Zur vernünftigen Übersicht und zum Schutz meiner Hände und der Maschinen dient ein Maulgatter, das ähnlich wie ein Halfter angelegt wird. Damit der Kopf des sedierten Pferdes nicht ganz auf den Boden sinkt oder die armen Besitzer ihn die ganze Zeit tragen müssen (ich weiß, wie schwer so ein Kopf werden kann ), binde ich ihn mit Hilfe eines Halfters mit großem Ring hoch (von den Besitzern und Zuschauern auch scherzhaft „Galgen“ genannt ;-)).
Nachdem ich die Maulhöhle mit einer großen Spritze (Drencher) sauber gemacht habe, schaue ich mir unter Zuhilfenahme eines Spiegels, der wie eine große Version des normalen Zahnarztspiegels aussieht, die einzelnen Zähne, die Zahnzwischenräume - die beim Pferd eigentlich geschlossen sein sollten, um eine funktionelle Einheit der Backenzähne bilden zu können -, das Zahnfleisch und die Maulschleimhaut an. In Zukunft werde ich dazu auch eine intraorale Kamera benutzen können, sobald ich diese für den mobilen Einsatz gerüstet habe. Mit Sonden teste ich, wie tief eventuelle Löcher im Zahn oder Zahnfleischtaschen sind. Bei der eigentlichen Behandlung arbeite ich fast ausschließlich mit elektrischen Maschinen, weil ich damit genauer und mit weniger Kraftaufwand arbeiten kann. Damit möchte ich nicht die Arbeit mit Handraspeln schlecht machen, aber es ist einfach nicht meine Arbeitsweise. Ich habe einen relativ kleinen Motor, den ich am Gürtel tragen kann, der durch eine flexible Welle mit verschiedenen Handstücken verbunden ist. Die Schleifscheibe ist dabei so klein, dass ich sogar beim Shetty in der Regel gut arbeiten kann. Für Feinarbeiten oder bei Gebissfehlstellungen kann ich dann andere Aufsätze, wie den auf Grund seiner Form Applecore genannten (zu deutsch Apfelkitsche - ich komme aus dem Rheinland, da heißt das so -) oder die Rollenfräse verwenden. Auch für die Schneidezähne gibt es einen eigenen Aufsatz, in Form einer horizontalen Scheibe.
Für das Ziehen von Wolfszähnen oder Zahnkappen habe ich verschiedene Zangen und andere Instrumente, um den Zahn zu lösen."

Warum trägst du bei der Arbeit Handschuhe?

Julia:
"Ich trage Handschuhe, um meine Hände vor dem anfallenden Zahnstaub zu schützen, der bei ständigem Kontakt Allergien hervorrufen kann. Aus diesem Grund trage ich auch eine Feinstaubmaske. Mit Handschuhen kann ich außerdem schnell wieder für saubere Bedingungen für das nächste Pferd sorgen. Auch halten die Handschuhe (wenigstens etwas) den Geruch, den faulendes Futter und/oder ein kaputter Zahn verströmt, von den Händen fern."


 

Als Tjaldur müde wurde, fühlte Julia seine Kaumuskulatur ab. Sie war war links und rechts ziemlich gleichmäßig ausgeprägt. Nach dem Anlegen des Maulgatters und gründlichem Maulspülen wurde Tjaldurs Kopf angehoben. Ich genoß den Luxus, ohne schweren Pferdekopf auf der Schulter mich frei bewegen zu können und von vorne ins hell erleuchtete Maul schauen zu können.

Ich fragte nochmal nach:

Woran kann ein Reiter erkennen, dass sein Pferd eventuell eine Zahnbehandlung braucht?

Julia:
"Generell wird eine routinemäßige Zahnkontrolle einmal im Jahr - bei jungen oder alten Pferden auch alle halbe Jahre - empfohlen, da sich die Schneidezähne ca. 2-3mm und die Backenzähne sogar  ca. 5-8mm im Jahr aus dem Zahnfach in die Maulhöhle vorschieben, und meist an bestimmten Stellen beim Kauvorgang nicht genug abgerieben werden, wodurch spitze Kanten entstehen.
Es gibt Pferde, die zeigen schon beim Trensen Unwillen. Beim Reiten ist das Pferd dann vielleicht „maulig“, schlägt mit dem Kopf, speichelt und kaut gar nicht oder übermäßig. Oft ist das Durchs-Genick-Reiten schwierig bis unmöglich, obwohl es da auch Pferde gibt, die sich wenig anmerken lassen. Auch das Stellen und Biegen kann auf einer Hand deutlich schlechter funktionieren. Sogar Wirbelsäulenprobleme und Lahmheiten sind zum Teil auf – meist verschleppte – Zahnprobleme zurückzuführen.
Hat das Pferd spitze Kanten, lässt es häufig Kraftfutter aus dem Maul fallen und frisst langsamer; bei geschädigten Zähnen lässt sich manchmal ein Kauen von Heu- und/oder Strohröllchen oder -wickeln beobachten. Auch ein unangenehmer Geruch aus Maul oder Nüstern sollten den Besitzer aufmerksam machen."

Welche Futtermittel sind für die Zähne besonders geeignet oder ungeeignet?

Julia:
"Das Beste für die Zähne und die Erhaltung der uneingeschränkten Funktion des ganzen Gebisses ist gut strukturiertes Rauhfutter vom Boden, am besten 18 Stunden am Tag, da sich das Gebiss des Pferdes an die Gegebenheiten angepasst hat, die das Urpferd und seine Nachfahren in der Steppe vorgefunden haben. Dadurch wird ein Gleichmaß des Abriebs und des Nachschubs der Zähne in die Maulhöhle gewährleistet. Leider ist unser heutiges Heu oder Heulage, gerade der 2. Schnitt, noch deutlich zu weich und die Futterzeit oft viel zu kurz. Kraftfutter, Gemüse und Obst reiben die Zähne kaum ab und besitzen Säuren und Zucker, die den Zahn schädigen können. Trotzdem braucht man sicher nicht komplett auf diese Leckereien zu verzichten; wie auch beim Menschen kommt es auf ein vernünftiges Maß an."

 

 

Als Julia alle Haken und Kanten glatt geschliffen hatte, warf sie noch einen Blick auf die Schneidezähne. Bei der Schneidezahnkontrolle gab es - nach der Routine-Backenzahnbehandlung - noch eine Besonderheit: Zahnreste mit Wurzelanteilen, die noch von dem Milchzahnvorgänger stammen könnten, und den Unterkieferknochen schon gereizt hatten, so dass sich eine leichte äußerliche Schwellung erkennen ließ. Julia entfernte die zwei Zahnstückchen sachgerecht und desinfizierte die Wunden anschließend mit einer Jodlösung."

 

Tjaldur hat ziemlich große Hengstzähne, aber diese wollte Julia bei einem 6 jährigen Pferd noch nicht kürzen, da die Wurzelhöhle in diesem Alter noch bis weit in den Zahn reicht, und beim Beschleifen eröffnet werden könnte.
Ich bekam auch noch eine Beratung über Trensengröße und Dicke.

Nun wollte ich noch wissen:

Wie lange soll ich mein Pferd nach der Behandlung stehen lassen?

Julia:
"Nach Routinebehandlungen können die Pferde meist am nächsten Tag wieder geritten werden. Der Reiter sollte aber etwas Rücksicht nehmen, da manche Pferde von der Sedierung noch etwas müder sind oder die Kaumuskulatur und die Kiefergelenke durch die ungewohnte, lange Maulöffnung und das neue Kaugefühl noch etwas empfindlich sein können. Im Zweifel sollte das Pferd am Tag nach der Behandlung einen Tag Pause haben.
Mussten Wolfszähne gezogen oder Fehlstellungen aufwendiger korrigiert werden, kann es auch nötig sein, das Pferd bis zum Abheilen der Wunde bzw. bis zum Eingewöhnen der neuen Stellung nicht mit Trensengebiss zu reiten. Meistens ist aber nach einer Woche alles vergessen."

Zeigt sich der positive Effekt beim Reiten sofort oder dauert das eine Weile?

Julia:
"So wie jedes Pferd die Schmerzen oder das Unwohlsein wegen Zahnproblemen anders zeigt, so unterschiedlich ist es auch, ob und wann ein Reiter eine Verbesserung beim Reiten merkt. Nur weil die Zähne nach der Behandlung nicht mehr eine gute Anlehnung an die Reiterhand verhindern, hat das Pferd nicht plötzlich eine tragende Muskulatur, die eine gute Haltung zulässt. Auch reiterliche Probleme, ein unpassender Sattel und ein generell unwilliges Pferd spielen eine Rolle bei der Rittigkeit. Aber mit der Zahnbehandlung habe ich eine gute Grundlage geschaffen, das Reiten für Pferd und Reiter angenehm zu gestalten."

Tjaldur war noch ziemlich benommen und wurde vorsichtig in seinen Auslauf geführt, wo er 1 bis 2 Stunden lang keine Gelegenheit hatte, sich an irgend etwas zu verschlucken. Julia erklärte, dass die Muskulatur der Speiseröhre durch die Sedierung weniger gut in der Lage ist, Futter weiter zu transportieren, so dass eine Schlundverstopfung entstehen könnte.

 

Nach Tjaldurs Behandlung zeigte ich Julia noch meinen 4 jährigen Jrapur, der noch nie aufgetrenst worden war. Ich war ganz angetan, wie problemlos er sich ins Maul schauen ließ. Bestimmt war der Grund auch Julias extrem ruhige und freundliche Arbeitsweise. Leider fand sie sofort einen sehr dicken Wolfszahn, der mit höchster Wahrscheinlichkeit Probleme verursachen würde. Haken gab es auch schon. Da würde sich die Behandlung also wirklich lohnen. Schließlich soll Jarpur mit der Trense ja nichts Unangenehmes verbinden. Ein Termin für Jarpur wurde direkt ausgemacht.
Abschließend füllte Julia noch das Behandlungsprotokoll für Tjaldur aus.
Was mich noch interessierte:

Was unterscheidet die Zahnbehandlung von Isländern und anderen Pferden?

Julia:
"Die Anatomie ist ja erstmal bei allen Pferden annähernd die gleiche und somit unterscheidet sich die Behandlung nicht grundlegend. Ich habe aber festgestellt, dass Isländer sehr klar im Kopf sind und die Prozedur gut über sich ergehen lassen, auch wenn es ihnen ganz offensichtlich nicht besonders gefällt. Trotzdem sediere ich auch Isländer (die meisten sind schon nach ganz kleinen Mengen ausreichend müde), damit der Stress, ein Maulgatter und eine laute Maschine im Maul zu haben, minimiert wird, die Verletzungsgefahr für alle Beteiligten sinkt und ich durch die entspanntere Muskulatur mit meinen Instrumenten auch in alle kleinen Ecken komme.

Leider zeigen Isländer ihr Leid häufig sehr viel weniger als viele Großpferde, wodurch Zahnprobleme (und auch andere) zum Teil erst sehr spät erkannt werden. Eine Erkrankung, die bei älteren Islandpferden leider häufiger vorkommt, genannt EOTRH, bei der der Körper übermäßig viel Zahnzement an die Wurzel des betroffenen Schneidezahns anlagert und damit zu schmerzhaften Auftreibungen im engen Zahnfach führt, wird oft erst bei Routine-Untersuchungen bemerkt."

 

Fazit:
Es war ein sehr angenehmer Nachmittag. Alles lief ruhig und freundlich ab. Ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes neue Einblicke ins Pferdemaul gewonnen. Neben Julias fachlichen Kompetenz gefiel mir besonders ihr liebevoller Umgang mit den Pferden.
Julia Wasse war mir von einer Freundin empfohlen worden. Diese Empfehlung gebe ich gern weiter!

Tierärztin Julia Wasse
Telefon: 01575/0770010

© Bilder Fleygur
Autor: Doris Haardt

 

links:
Julia Wasse mit ihrem Islandpferd Andvari von Lindscheid