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von Veronika Raithel

September 2017

Die letzten Wochen sind wie im Flug vergangen. Es war sehr heiß und gewittrig, so dass Frauchen und ich irgendwie zu gar nichts Lust hatten. Zum Reiten war es zu heiß. Selbst auf unseren Lieblingsstrecken im Wald war es nicht schön: viel zu viele Bremsen, Mücken und was weiß ich noch. Also war relaxtes Chillen im Stall (bzw. für Frauchen im Liegestuhl) angesagt.

Aber seit ein paar Tagen sind die Temperaturen endlich wieder pferdefreundlich. Das merkt man auch den Menschen an. Heute kam Frauchen mal wieder sehr früh in den Stall und kurz darauf kam ein unbekanntes Auto, aus dem eine schon auf den ersten Blick recht nett wirkende, fremde Frau ausstieg. Sie kam auf uns zu und stellte sich als Annette Hohenrainer vor. Na, endlich mal wieder Abwechslung! Ich habe sie gleich mal gefragt, ob bzw. was sie so mit Pferden, speziell natürlich mit Isis, macht.

Hallo Frau Hohenrainer! Schön, dass sie uns besuchen! Ich habe von Frauchen gehört, dass es ihr Ziel ist, uns beide, also Reiter und Pferd, ein wenig weiter zu bringen. Wie würden sie denn das Ziel ihrer Arbeit kurz beschreiben?

Hallo Tony,

Weg und Ziel meiner Arbeit sind vor allem zwei Dinge: Das eine Ziel ist, dich und deinen Reiter ins Gleichgewicht zu bringen. Gleichgewicht ist der schönste und angenehmste Zustand, den du dir vorstellen kannst. Und der gesündeste. Und der, in dem ihr beide zusammen so ziemlich alles schaffen könnt, was in euch steckt.

Gleichgewicht bedeutet, dass alle eure Gelenke gelöst und frei arbeiten können.  Das heißt, dass dein ganzer Körper immer optimal zur Schwerkraft organisiert ist – und der von deinem Reiter genauso. Um dir ins Gleichgewicht zu helfen, muß nämlich dein Reiter zuallererst selber im Gleichgewicht sein: - Er kann dir nur vermitteln, was er selbst vormachen kann. Er wird sozusagen dein Vorbild. Und dazu helfe ich ihm.

Eure gegenseitige Verständigung ist mein anderes Ziel. Ihr wollt euch ja beide verständlich machen können! Aber die allbekannten sogenannten „Hilfen“ beim Reiten - Schenkel, Zügel, Gewicht – sind nur karge Überbleibsel der umfassenden Verständigung mit euch Pferden. Zum richtigen gegenseitigen Austausch und Sprechen mit dir brauchen wir aber den gesamten Körper: Dein Reiter muß dafür in seinem ganzen Körper eine Bewegungsidee verspüren -  Galopp zum Beispiel (jede andere Gangart geht auch) – so in etwa, wie Kinder galoppieren, wenn sie Pferd spielen. Per Spiegelneuronen und „Gefühlsansteckung“ wird dieser Galopp unmittelbar genau so in deinen Körper übertragen. Du verspürst dann diesen Galopp wie dein Reiter. Jetzt kannst du dabei mitmachen. Dein Reiter wird also hier wieder das Vor-Bild für dich. Während du aber den Galopp wirklich ausführst, stellt er sich den Galopp nur in sich selber vor. Wie der Galopp dann aussieht, das hängt ganz vom Vor-Bild deines Reiters ab.  

Diese Art der Verständigung nenne ich das „Mitmach-Prinzip“, weil dein Reiter dich zum Mitmachen bei seiner Idee einlädt. Wir Menschen nutzen diese Verständigungsart zwar schon noch gelegentlich, aber meist unbewußt beim Spielen miteinander und beim Spielen mit Hunden.

Dein Reiter verspürt natürlich umgekehrt genauso deine Ideen und Absichten. Das ist dir sicher schon aufgefallen – vor allem, wenn du zum Fressen anfangen wolltest, oder?

Bei der Franklinmethode, die ursprünglich für Tänzer entwickelt worden ist, wird übrigens ebenfalls mit Körperideen und ganz vielen Vorstellungsbildern dazu gearbeitet.

Jetzt wirst du gleich sagen: „Aber da ist es ja ganz wichtig, dass mein Reiter dauernd genau aufpasst und hinspürt, was für eine Haltungs- und Bewegungsidee gerade in seinem Körper vorgeht!“ - Stimmt genau! – Und umgekehrt musst auch du immer genau aufpassen und hinspüren, und nicht mit den Gedanken irgendwo anders sein, damit ihr wirklich die beabsichtigte Bewegungsidee und dazugehörige Körperhaltung genau miteinander abstimmen könnt. So passen dann eure Körper mit allen Gelenken genau für jede Bewegungsabsicht zusammen und arbeiten nicht gegeneinander. Das sieht dann von außen so aus, als würde dein Reiter „nichts“ tun und du würdest dich wie durch Zauberei nach seinen Gedanken bewegen.

Mit dieser Gedanken-Körper-Sprache werdet ihr wie EINS.

Und wie setzen sie das um? Wenn wir beide eine Stunde bei ihnen buchen, was machen sie da als erstes?

Zuerst schaue ich euch zu, wie ihr zusammenarbeitet. Da sehe ich normalerweise sofort, ob euer anatomisches Gleichgewicht stimmt oder nicht und ob ihr mit eurer Bewegungsidee wirklich miteinander oder aneinander vorbei arbeitet. Ihr Pferde macht ja immer alles richtig, wenn wir es euch nur verstehbar erklären, und wenn ihr in der Lage dazu seid. Daher übe ich meist vor allem mit euren Reitern. Die sehen dann an euch sofort, was ihre eigene Veränderung alles bewirkt.

Damit dein Reiter seine Haltung und deren Wirkung auch mal ganz objektiv erforschen kann, nutze ich gerne den Gymnastikball. Der zeigt so wie du ganz genau, wann jemand auf ihm nicht im Gleichgewicht ist und seine Gelenke nicht gut benutzen kann. Das liegt dann aber nicht unbedingt am Ball.

Mit dem Ball lernen wir Menschen, wie wir unseren Körper sortieren müssen, damit es klappt: - Wenn dein Reiter den Ball völlig gelassen kontrollieren kann, und wenn er mit ihm auch Hüpfen oder Gehen kann, dann hat er schon ein gutes Gefühl dafür bekommen, wie er seinen Körper, vor allem seine Wirbelsäule mit Becken und alle seine Arm- und Beingelenke auch auf dir organisieren soll.

Ich sehe schon, dir ist mittlerweile völlig klar, dass Reiten mit „Sitzen“ nicht viel zu tun haben kann. Genau! - Schließlich wollen wir auf dir eine Bewegungsidee verkörpern und nicht einfach „Sitzen“.

Weil der Ball keine vier Beine hat, so wie du - und Gangarten auch nicht, kann ich mit deinem Reiter zusammen noch andere Erfahrungsübungen machen. Je nachdem, was ihr beide gerade für ein Thema habt und was euch beiden am besten weiterhilft dabei. Deine Gangarten zum Beispiel. Immer nach der Devise: Nur das was dein Mensch selber kann, das kannst du von ihm kopieren. Mit jedem einzelnen Körperteil. So wird dann alles auch leicht für euch zusammen. Wir wärs, - probiert das doch nachher gleich mal zusammen aus!

Für uns Menschen ist es auch sehr erhellend, selbst auf allen Vieren zu erleben, wie es ist, sich als Pferd zu bewegen. Da können wir Gangarten nachmachen, Körperhaltung, Gelöstheit, usw. - Auch mit „Reiter“! So erfahren wir endlich, wie sich eine bestimmte Haltung des Reiters wohl für euch Pferde anfühlt, und vor allem, wie sie euch formt (oder verformt). So erfährt dein Mensch, wie er dir Haltungen und Bewegungen ermöglicht - oder auch unmöglich macht. Deine Haltung hängt immer genau mit der seinen zusammen. Das ist ganz logische Physik.

...und wie geht’s dann weiter? Wieviel Zeit müssten wir investieren, damit auch wir von ihrer Idee profitieren? Frauchen meint ja immer, man bzw. Pferd und Mensch lernt nie aus…

Die Idee begreifen alle eigentlich immer sehr schnell, meist schon in unserer ersten Stunde. Gleichgewicht, Gelöstheit (Mark Rashid sagt dazu übrigens „Softness“), und vor allem das Mitmach-Prinzip. Wenn dein Mensch die Idee verstanden hat - für dich ist dies ja deine normale Verständigungsweise, -  dann geht es nur noch darum, den Körpergebrauch und die Wahrnehmung immer zu verfeinern und zu überprüfen – für jede Bewegung. Auch neue Bewegungsabläufe könnt ihr dann so leicht erarbeiten.

Du wirst feststellen: - Wenn dein Reiter keinen Zügel mehr braucht, um dich zu lenken und um deine Haltung einzustellen, um deine Gangarten zu ändern oder gut rückwärts zu gehen, dann seid ihr ziemlich sicher gut im Gleichgewicht, dann spürt ihr wirklich gut hin und seid gut aufeinander abgestimmt.

Wie dein Reiter mit dem Zügel umgeht, zeigt übrigens ganz viel, wie es um euer Zusammenspiel steht.

Was schlagen sie denn als tägliches Training vor? Von welchen Übungen profitieren Pferd und Reiter? Auch vom Boden aus?

Ja, eigentlich ist alles Übung und Training, was ihr bewusst in diesem Sinne tut. Ihr beide werdet immer mehr wahrnehmen: - Was ihr tut, und was dadurch passiert. Ihr lernt immer genauer die Auswirkung von Körperhaltungen und - ideen kennen, und so könnt ihr diese immer gezielter verwenden. Weil ihr lernt, euren Körper jeden Schritt gelöst im Gleichgewicht zu organisieren, ist dann jede Bewegung eine gute Bewegung.

Das ist meine Definition von Gymnastizierung. Denn nur so werden die richtigen Muskeln gebraucht und gefördert. Es geht also nicht darum, möglichst viel von etwas zu tun, um es zu trainieren, sondern darum, wie ihr beide alles tut.

Aber hier habe ich noch eine ganz konkrete Übung für eure Zusammenarbeit am Boden: Es geht dabei um das Synchronisieren. Wenn ihr beide nebeneinander geht oder lauft, sollen sich eure Bewegungen in allen Gelenken und Muskeln gleich anfühlen. Für deinen Menschen fühlt es sich so an, als wärest du eine Erweiterung von ihm selbst. Und für dich auch. So, als wäre dein Mensch ein Teil von dir. Ihr werdet auch eure Atmung und eure Aufmerksamkeit aufeinander abstimmen. Und die Aktivität und Gelöstheit in allen euren Gelenken und Muskeln usw. Bei dieser Übung könnt ihr beide erforschen, auf welche Art jeder von euch geht, und welche Art zu gehen sich angenehm und frei anfühlt. So geht ihr dann zusammen. Hierbei lernt ihr, euch ganz aufeinander einzufühlen. Dein Mensch kann diese Erfahrungen dann exakt so mit auf deinen Rücken nehmen. Reiten und Arbeit am Boden ist für mich übrigens so ziemlich das gleiche. Nur von einer anderen Position aus.

Dir fallen jetzt sicher gleich selber noch viele andere Übungen für euer Miteinander ein!

Ich finde ja immer, dass auch die Reiter öfter mal ohne uns an sich selbst arbeiten sollten. Gibt’s auch Übungen, bei denen wir nur zuschauen können?

Ja, da gibt es wirklich sehr viele, wie ich vorher schon beschrieben habe. Deine Pferdekollegen haben in meinem Unterricht übrigens viel Freude daran. Sie wollen meistens bei den Übungen ihrer Menschen sogar nicht nur zuschauen, sondern gleich selber dabei mitmachen. Zum Beispiel, wenn ich mit einem Reitschüler am Boden die Bewegungsabläufe von Übergängen, Gangarten oder Seitengängen übe. Da sieht man den „Mitmach-Effekt“ übrigens wieder so schön.

Das Pferd einer Reitschülerin hat einmal daneben gestanden, als sie seine Haltung nachgeahmt hat, um diese besser zu verstehen. Dann hat sie als nächstes ausprobiert, wie eine bessere Haltung sein könnte. Auf einmal hat das Pferd sich gestreckt, gedehnt und sich so hingestellt, wie wir es uns nicht besser wünschen konnten. Er hat also alles, was sie neben ihm gemacht hat in seinem eigenen Körper mitgespürt und dann ganz alleine für sich umgesetzt. Ich hatte das Gefühl, dass er in etwa sagte: „Ah, jetzt verstehe ich – das ist ja eine gute Idee!“ Der Herr Feldenkrais hätte hier sicher auch seine Freude daran gehabt.

Wie war denn ihr eigener Weg zum Pferd?

Die Pferde kamen ja eigentlich zu mir. Als ich noch nicht sechs Jahre war, erweiterte sich meine Familie um zwei Isländer. Zwei Jahre später kam unser drittes Pferd dazu, Hjalli. Für mich ist er bis heute wie ein Wunderpferd. Er ist nicht nur 41 Jahre alt geworden und hat mich begleitet bis vor vier Jahren. Mit ihm habe ich auch fast alles unternommen, was man mit einem Pferd machen kann, vom Turniererfolg auch in Großpferdeturnieren bis zum Pflügen, vom Voltigieren bis zum Wanderreiten und und und. Und gesprungen ist er wie ein Hirsch. Deshalb war er auch nie da, wo er sein sollte. Hopp und weg, die Welt erkunden.

Später kamen meine weiteren Pferde dazu. Die waren dann sehr intensive Lehrer, die mir jahrelang geduldig und hartnäckig so vieles davon beibrachten, was ich heute weiß und dir hier erzähle.

Ich reite und arbeite ja sehr gerne auch mit großen Pferden. Aber noch heute sind die Islandpferde meine Gefährten. Mit meinem Riesen-Islandpferd Stebbi (Stefnir frá Árbakka) darf ich nun seit sechs Jahren meine Prinzipien und Art zu Lehren immer weiter selbst erproben und anwenden. Als ich ihn kennengelernt habe, war er ein sehr in sich zusammengestauchtes, sehr schiefes und sehr angespanntes Pferd. Vor lauter Anspannung konnte er auch gar nicht mehr mitdenken. In der Zwischenzeit hat er sich zu dem klugen, gedankenlesenden und sehr kommunikativen Pferd entfaltet, das er wirklich ist. Und er kann sich auch immer genauer gelöst im Gleichgewicht organisieren.  Es ist eine Freude – und ich bin immer sehr beeindruckt von ihm!  


Bilder: Stebbi damals (links) und heute (rechts)

Übrigens hat er mir etwas Spezielles beigebracht: Wenn es ihn irgendwo juckt oder ich einen Muskel oder ein Gelenk von ihm massieren soll, wo er nicht hinkommt, dann zeigt er mir mit seiner Nase an meinem Körper die genaue Stelle. Ich muß mir dann nur „übersetzen“, wo das genau bei ihm ist.

Liebe Frau Hohenrainer, vielen Dank für das Interview! Frauchen hat mir erzählt, dass sie in der nächsten Zeit auch wieder einen Workshop planen. Sobald das klappt, werde ich mir das natürlich gerne ansehen. Jetzt gehen wir erstmal zusammen mit Frauchen und meinem Kumpel Sproti eine Runde Ausreiten. Ich bin gespannt, wie ihnen unsere Lieblingsstrecke so gefällt.



Für weitere Informationen:

Dipl.-Ing. Annette Hohenrainer

Weidachweg 4

82467 Garmisch-Partenkirchen

Tel. 08821-752909

annette.hohenrainer@gmx.de

www.pferdetanz.de




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