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von Margit Heumann, IPZV Trainerin B und Buchautorin "Ein Hobby mit Konsequenzen"

Tölt – eine unendliche Geschichte

Nicht nur an Islandpferdestammtischen ist Tölt (neben Pferdekrankheiten und ihren Therapien) das Hauptgesprächsthema, auch unser Reitunterricht beschäftigt sich sehr intensiv mit dem Thema Tölt. Dies ist der Versuch einer Auflistung der wichtigsten Elemente, die aus einem Reiter einen Töltreiter machen, wobei zwischen Töltanfängern und fortgeschrittenen Töltreitern ebenso unterschieden werden muss wie zwischen Viergängern, Fünfgängern und Naturtöltern.

Töltreiten ist nichts für blutige Anfänger. Gewisse reiterliche Mindestvoraussetzungen muss ein Reiter erfüllen, bevor er überhaupt an Tölt denken darf, als da sind:

•  be- und entlastende Gewichtshilfen
•  Schenkelhilfen
•  annehmend-nachgebende Zügelhilfen
•  Schritt, Trab, Galopp (Entlastungssitz und Aussitzen)
•  Reiten ohne Bügel
•  Reiten mit Gerte

Im Grunde hat das noch herzlich wenig mit reiterlichem Können zu tun. In dieser Phase machen (seltene) Töltstunden nur Sinn, wenn absolut leichrittige Naturtölter mit sicherem Takt zur Verfügung stehen. Um Töltunterricht handelt es sich dabei eigentlich noch nicht – aber solche Reitstunden sind ein willkommener und begeisternder Vorgeschmack auf zukünftige Freuden!

Effektiver Töltunterricht setzt deutlich höhere Anforderungen an den Reiter voraus:

•  halbe Paraden
•  ganze Paraden
•  korrekte Biegungen
•  Rückwärtsrichten
•  Schenkelweichen
•  Schulterherein

Nur wer diese Lektionen aus dem FF beherrscht, wird in der Lage sein, dem Geheimnis des Töltreitens auf (gut ausgebildeten) Vier- und Fünfgängern nach und nach auf die Spur zu kommen.

Der klassische Unterricht für einen Töltanfänger kann folgende Elemente in unterschiedlicher Zusammensetzung enthalten:

1. Lösen

Aufwärmen ist als Vorbereitung für jede Arbeitsphase wichtig, der Weg zu einem gelösten und aufmerksamen Pferd variiert je nach Typ.

•  Schritt zum Aufwärmen.

•  Trab auf großen Biegungen bei Fünfgängern und Naturtöltern; auch für Viergänger mit viel Tölt geeignet.

•  Biegungen in Schritt und Trab gegen Steifheit und Verspannungen. Aber: Stark trabveranlagte Pferden vorwiegend im Schritt arbeiten.

•  Galopp bei verspannten und/oder sehr gehfreudigen Vier- und Fünfgängern und Naturtöltern.

2. Vorbereiten zum Tölt

Je unerfahrener der Reiter ist, desto entscheidender ist diese Phase. Das Pferd versteht die vielleicht noch unklaren Hilfen besser, wenn es gut darauf vorbereitet ist.

•  Höhere Aufrichtung in Schritt und Halt bei möglichst weicher Zügelführung

•  Verkürzter Schritt stellt das Pferd zusammen

•  Ganze Paraden und Rückwärtsrichten zum Setzen

•  Schenkelweichen bringt die Hinterhand unter den Schwerpunkt

•  Schulterherein biegt das Pferd

3. Sitzvorbereitung:

Eine Überprüfung des korrekten Sitzes bzw. eine Sitzkorrektur unmittelbar vor dem Antölten sind unerlässlicher Teil der Vorbereitung.

•  geschlossener Sitz

•  Schwerpunkt leicht nach hinten verschoben

•  Schenkel am Gurt oder knapp dahinter (keinesfalls nach vorn gestreckt!)

•  Gerte an Hinterhan

4. Antölten:

Hier trennen sich die Wege endgültig. Der Töltanfänger muss lernen, die zum Pferdetyp passende Hilfengebung anzuwenden. Gerade darum ist in der Ausbildung von Töltreitern der Einsatz von unterschiedlich veranlagten Töltern erforderlich.

bei Viergängern:

•  aus verkürztem Schritt bei guter Aufrichtung
•  treibende Gewichts- und Schenkelhilfen
•  annehmend-nachgebende Zügelhilfe bei etwas höherer Handhaltung
•  eher langsames Tempo
•  geradeaus
•  ev. Gerte an Hinterhand
•  ev. aus Rückwärtsrichten

bei Fünfgängern:

•  aus Biegung
•  treibende Gewichts- und Schenkelhilfen
•  eher konstante Zügelführung
•  ruhiges bis mittleres Tempo
•  ev. aus Schenkelweichen
•  ev. aus Schulterherein

bei Naturtöltern:

• treibende Gewichts- und Schenkelhilfen
•  weiche Zügelführung
•  antölten und genießen

5. Hilfen im Tölt:

Für alle Pferdetypen ist ein korrekter Vollsitz, der die Rückentätigkeit elastisch unterstützt, die richtige Grundvoraussetzung. Das Becken passt sich flexibel an die Auf-/Ab-/Seitwärtsbewegung an. Eventuelle Sitzkorrekturen zwischendurch helfen gegen reiterliche Verspannungen und fehlerhafte Einwirkung.

bei Viergängern:

• treibende Gewichtshilfen
•  wechselseitig treibende Schenkelhilfen
•  ev. Gerte an Hinterhand
•  annehmend-nachgebende Zügelhilfen bei etwas höherer Handhaltung
•  Aufrichtung erhalten durch halbe Paraden

bei Fünfgängern:

•  Gewichtshilfen belastend bis passiv
•  gefühlvoll treibende Schenkelhilfen
•  konstante Zügelführung, normale Handhaltung
•  bei Passtendenzen: kurzzeitig entlastende Gewichtshilfe
•  nicht zu kurze Strecken

bei Naturtöltern:

•  weiter tölten und genießen!

Erst wenn ein Reiter in der Lage ist, mit feinen Hilfen anzutölten und den klaren Viertakt über längere Strecken zu halten, ist er reif für Tempounterschiede und die Verbesserung von Haltung, Aktion und Raumgriff. Dann wird er sich auch mit den Möglichkeiten der Beeinflussung durch Ausrüstungsmaterialen (Glocken, Ballenboots, Gewichtsbeschlag, …) beschäftigen müssen. Hat er dieses Stadium erreicht, gehört er nicht nur zu den fortgeschrittenen Reitern sondern – was ein riesiger Unterschied ist – zu den fortgeschrittenen Töltreitern.

Auf dem Weg dahin sind viele Töltstunden auf den unterschiedlichsten Pferden nötig. Bis das faszinierende Geheimnis Tölt gründlich entschlüsselt ist, gehen Jahre ins Land – und ein Rest an Mysterium bleibt!

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