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Training mit der Pferdewippe - Interview mit Nina Steigerwald

 

Nina Steigerwald ist staatlich geprüfte Human-Masseurin und Pferdephysiotherapeutin. Mittlerweile widmet sie sich ganz den Pferden.
Als Ausbilderin sind ihre Schwerpunkte: Agility, Clickertraining und Freiarbeit.
Ganz besonders am Herzen liegt ihr die Arbeit mit den Pferdewippen von denen es auf Hof Steigerwald mittlerweile eine große Auswahl gibt. Wer ihre Pferde wippen sieht (mehrere Videos gibt es bei youtube von ihr zu sehen) möchte einfach mehr erfahren über diese Form der Arbeit mit Pferden. Deshlab haben wir Nina Steigerwald interviewt, um dem Geheimnis des Wippens, dass -wie sie sagt "Pferde glücklich macht" - auf die Spur zu kommen.
Info: www.pferdewippe.de/

Bild oben: © Inge Vogel, pferdiaTV


Nina, nach Deiner Ausbildung zur staatlich geprüften Masseurin, hast Du Dich zur Pferdephysiotherapeutin weitergebildet, um auch Pferderücken lockerer zu machen. Warum war Dir das so wichtig?

Der Beruf als Human-Masseurin bedeutete, den ganzen Tag in weiß gekleidet, mit tadellos sauberen Fingernägeln in überhitzen Räumen ohne Tageslicht im 20-Minuten-Takt Patienten „abzuarbeiten“. Das war nichts für mich. Und da ich schon seit frühester Kindheit Pferden verfallen war, lag der Schritt in die Richtung nahe. Zudem hatte mein Wallach durch eine fünfmonatige Wandertour Rückenprobleme und Spat entwickelt und ich suchte nach Wegen, ihm zu helfen.

Heute bietest Du hauptsächlich Clickertraining und Agility Training an. Welche Vorteile bringen diese Trainingsmethoden, neben der Abwechslung für Reiter und Pferd?

Clickertraining heißt für mich, Training mit positiver Verstärkung so zu gestalten, dass die Kommunikation mit meinem Trainingspartner Pferd so gut funktioniert, dass es jede Frage, die ich ihm stelle, freudig mit „ja!“ beantwortet. Durch den Gebrauch des Clickers als sekundären Verstärker ist es möglich, einzelne Muskelbewegungen einzufangen, es begeistert mich immer wieder aufs Neue, wie präzise ich dem Pferd mitteilen kann, welche Bewegung gerade gewünscht ist. So kann man sich über großartige Resultate freuen, die mit dieser Trainingsform erreicht werden können. Das Miteinander ist bei gutem Clickertraining einfach anders, intensiver, der Unterschied in der Motivation ist riesengroß. Und hier knüpft es auch schon ans Agility an: Wir arbeiten ganz frei, ohne Seil oder Gerte. Das ist für mich das Allerschönste und der größte Vertrauensbeweis. Mit einem soliden Trainingsaufbau sind Erfolg und Spaß vorprogrammiert. Man wächst als Team ganz anders zusammen, wenn das Pferd jederzeit gehen könnte, aber freudig weiter mitmacht. Agility heißt ja übersetzt „Beweglichkeit, Wendigkeit“, und mit einem Parcours oder einzelnen Elementen daraus können wir unser Pferd wirklich sinnvoll dorthin bekommen und es gymnastizieren, egal ob Sportpferd oder Rentner.

Das Agility Training beinhaltet viele Übungen an unterschiedlichen Geräten. Du selbst hast bei Dir auf dem Hof auch einen großen Parcours. Was für Herausforderungen erwarten dort Pferd und Reiter?

Man kann aus ganz verschiedenen Bereichen wählen, wir haben gut 30 unterschiedliche Geräte. Da wären zum Einen die Sprünge mit dem allseits bekannten gymnastizierenden Effekt: Stange, Rohr, Stamm, Säcke, Reifen, Rodys, Weit- und Reifensprung. Für die meisten hier ist es aber spannender mit der Instabilität: Wippen, Turnmatten, Drehteller und Wackelbretter sorgen für intensives Training der (Tiefen-)Muskulatur. Körpergefühl und Koordination werden außerdem gefördert durch Balancierobjekte wie Bohle, Rundholz, Feuerwehrschlauch und Balken. Andere Objekte wie Podest, Hügel, Stepper, Treckerprofil und -reifen fördern beim Betreten unterschiedliche Aspekte des Bewegungsapparates. Vertrauen und Nervenfestigkeit erreichen wir mit Flattervorhang, Tunnel, Wassergraben, Bogen und geschlossenem Vorhang. Jeder arbeitet an dem, was gerade dran, dem Trainingsstand entspricht und von Interesse ist.

Besonders am Herzen liegen Dir ja die Pferdewippen. Warum ist das so?

Weil Wippen glücklich macht! Hört sich kitschig an, ist aber so. Jeder, der hier auf den großen Wippen zusammen mit einem Pferd steht, bekommt ein Lächeln ins Gesicht. Darüber hinaus ist Wippen gut für die Figur. Aus der Humanphysiotherapie ist schon lange bekannt, dass alle Übungen mit instabilen Untergründen gut sind, um die tiefen Muskelschichten entlang der Wirbelsäule anzusprechen. Diese Muskeln sind an sich schwer zu trainieren und für die Tiefenwahrnehmung und die Stellung des Pferdekörpers im Raum zuständig. Durch die kleinen, feinen Anspannungen der Rumpfmuskulatur erreichen wir beim Wippentraining Effekte für den Bewegungsapparat, wie man sie auch z.B. vom Yoga kennt. Hiervon profitieren Pferde jeden Alters und Ausbildungsstands.

Du setzt im Training auch ganz unterschiedliche Wippen ein. Erzähl mal etwas über die verschiedenen Modelle und Möglichkeiten.

Wir haben sechs Wippentypen von 30x80cm bis 80x600cm im Einsatz. Alle Wippen haben gemeinsam, dass durch Kufen die Bewegung weich ist. Das Training auf der kleinsten, der Zweibeinwippe ist gut für die gesamte Muskulatur der Pferdeschulter. Die Brustmuskeln und der Trizeps, welcher den Ellenbogen stabilisiert, werden besonders gestärkt. Die nächste ist die Ganzkörperwippe, die so heißt, weil genau das ganze Pferd darauf passt und trainiert wird. Wir haben sie in verschiedenen Größen, weil der „Radstand“ des jeweiligen Pferdes passen muss. Hier haben wir wirklich ein tolles Ganzkörpertraining, Rumpfmuskeln werden genauso aktiviert wie Vor- und Hinterhand. Auf den 2er-Wippen mit unterschiedlichen Rundungen können wir gemeinsam mit unserem Pferd wippen und das Gefühl von Fliegen erleben. Die Treckerreifen-Wippe ist sehr schwer und auch ein mächtiges Gerät, die Mehr-Pferde-Wippe sorgt für noch mehr Spaß. Eine Sonderform sind die Drehteller, deren dreidimensionales Kippen noch anspruchsvoller ist.

Für alle, die mit dem Training beginnen möchten, hast Du ein Buch herausgebracht, eine DVD und gibst auch Kurse. Wie fängt man am Besten an und wie viel Training ist nötig, bis die Pferde z.B. erstmalig an einer Wippe trainieren können?

Das hängt natürlich von der Vorbildung von Mensch und Pferd ab. Ein Pferd, welches über Planen und durch Pfützen geht, auf Podeste steigt und sich entspannt verladen lässt, hat mit einigen Faktoren im Turngerätetraining schon einmal nicht zu kämpfen. Ebenso ist ein unter dem Reiter, am Langzügel oder Doppellonge weit ausgebildetes Pferd muskulär viel eher in der Lage, sich auf der Wippe zu halten bzw. sie zu bewegen. Solch ein Pferd kann innerhalb von zwei Stunden bei mir aktives Wippen lernen. Es hängt aber auch sehr viel von der Erfahrung des Menschen ab, wie schnell das Pferd lernen kann. Deswegen sollte man sich als Clickerneuling nach einer theoretischen Einarbeitung in die Materie erst einmal an einfache, unwichtige Übungen wagen, um hier seine Erfahrungen zu sammeln. Optimal ist es natürlich, wenn ein erfahrener Trainer mit dem Wippenneuling arbeitet und der menschliche Clickerneuling mit einem erfahrenen Pferd.

Gibt es eigentlich auch Pferde, für die das Wippen nicht so geeignet ist?

Wenn ein Pferd noch nicht die Grundregeln der Höflichkeit erlernt hat, sollte man noch kein Wippentraining machen. Erst wenn es sich zuverlässig von der Futtertasche fernhält, auf Signal anhält und einige Sekunden still stehen bleiben kann, darf man sich an Geräte wagen. Aber daran kann man ja arbeiten. Eigentlich ist körperliche Einschränkung das einzige Hindernis, wobei es immer vom Schweregrad der Erkrankung und dem der abverlangten Übung abhängt. Vieles wie z.B. Arthrose, Wirbelsäulenprobleme und Ataxie lassen sich günstig beeinflussen, können aber nach tierärztlicher oder physiotherapeutischer Rücksprache genauso gut ein absolutes No-Go darstellen. Ein professioneller Trainingsaufbau orientiert sich am Zustand des jeweiligen Pferdes und schöpft das Potential des Nutzen-Bereiches aus.

Wer für seinen Hof eine Wippe anschaffen möchte, bekommt von Dir auch Bauanleitungen oder kann fertige Wippen erwerben?

Im Internet und in meinem Buch „Agility mit Pferden“ habe ich die Bauanleitung für die Ganzkörperwippe. Wobei das der Stand von vor 2 Jahren ist, wir haben schon wieder etwas verbessert. Demnächst eröffnet unser Pferdewippen-Online-Shop, bei dem die auf Hof Steigerwald gebauten Wippen in allen Größen bequem bestellt werden können. Nächstes Jahr wird es auch wieder Bauworkshops geben.

Danke für das Interview!

 

Bilder © N. Steigerwald