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Zimmer frei ? Das leidige Thema Stallsuche oder Tony´s Ausflug zu den Großen

von Veronika Raithel

Jeder Pferdebesitzer, egal welche Rasse der vierhufige Liebling angehört kennt das Problem: im Stall funktioniert es nicht oder nicht mehr. Die Gründe sind vielfältig. Oft hakt es an verschiedenen Stellen: es wird nicht genügend gefüttert, der Stall ist nicht ausreichend gepflegt, ein neues Pferd wirbelt die Herde durcheinander oder aber Frauchen bzw. Herrchen müssen wegen Arbeitsplatzwechsel, Scheidung o.ä. umziehen. Und dann steht man mehr oder weniger plötzlich vor einem großen Problem. Wohin mit dem Pferd?

Genau diese Fragen haben sich auch der islandpferdportal-Reporter Tony und seine Sekretärin Anfang 2013 gestellt. Der damalige Stall hat ihm nicht mehr das geboten, was er gesundheitlich und für seine körperliche Entwicklung gebraucht hat. Er war schlicht viel zu mager.
Also musste ein anderer Stall her. Natürlich sollte der jetzt „optimal“ sein, in erreichbarer Nähe, vom Preis angemessen und und und… Viele Wunschvorstellung und dagegen die Realität. Im Einzugsgebiet einer Großstadt ist auch im Umkreis von ca. 45 km nicht leicht etwas zu finden.
Dann kam ein Tipp einer Stallkollegin. In der unmittelbaren Nähe meines Wohnorts soll es einen Stall mit 16 Pferden geben, der optimal gepflegt ist, sehr große Weiden hat und auch ein prima Ausreitgelände. Ein kleiner Sandplatz rundet das Bild ab. Also rufe ich an und da ein Platz frei ist, wird sofort ein Besichtigungstermin ausgemacht. Der Hof ist putzig: sehr viele Außenboxen und ein alter Stalltrakt mit einigen Innenboxen. Die Herde steht den ganzen Tag auf der Weide und kommt nur nachts rein, erläutern die Stallbesitzer. Die Herde besteht überwiegend aus Haflingern, einigen Warmblütern und einem Araber-Wallach. Als ich meine Pläne im Stall kundtue, bekomme ich sehr unterschiedliche Ratschläge: von „bist Du wahnsinnig!“ bis „es kann ja auch ganz gut für ihn sein“ war in allen Varianten etwas dabei. Hauptkritikpunkte waren die Boxenhaltung und die rassengemischte Herde.
Da aber der arme Ponyreporter immer weniger wurde, habe ich das Experiment gewagt. Er hat vielleicht gestaunt: so viele andere und vor allem so große Pferde! Aber selbstbewusst und neugierig wie er ist, hat er sich die Herde dann gleich mal unter den Nagel gerissen. Da diese aus sehr vielen alten Tieren bestand, war das kein Problem.
Kein Problem? Die erste Grenze hat sich im Umgang mit dem Araber gezeigt: auch wenn es wirklich nicht stimmt, dass Isländer ausschließlich mit Isländern leben können, mit Vollblütern klappt es schwer bis gar nicht. Hier treffen oft sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander. Ein Vollblut kann in der Regel nur schwer verstehen, wenn ein Isländer doch nur spielen will. Auch die Rangordnung war nur schwer herzustellen. Es hat lange gebraucht, aber dann waren die beiden doch irgendwann zumindest Herdenkumpel.
Die Boxenhaltung: auch bei einer Außenbox ist zum einen auf eine ausreichende Größe zu achten! Das geben leider viele Boxen aus alten Kuhställen oder sonstigen Anbauten an selbige nicht her. Außerdem ist es wichtig, dass die Pferde auch wirklich so viel wie möglich auf der Weide sind. Wenn es nicht anders geht oder wie im Fall unseres Reporters zur „Reha“ bzw Erholung nach Erkrankungen, dann muss unbedingt sichergestellt sein, dass bei Wind und Wetter und zu jeder (!) Jahreszeit wirklich mindestens 12 Stunden Weide-/Koppelgang möglich ist. Diese müssen dann auch einen geeigneten Unterstand gegen Wind/Sonne/Regen haben. Leider verleiten die Boxen viele Stallbesitzer zu wesentlich längeren Aufenthalten für die Tiere. Der Hintergrund ist einfach: da kann nichts passieren, das Wetter kann den Tieren nichts ausmachen, Füttern ist leichter usw.
Aber für Isländer ist das leider nichts. Hier hat sich schnell gezeigt, dass der Drang nach draußen groß ist. Außerdem ist es für eine gute Herdenstruktur unter Umständen schwierig, wenn im Grunde jeden Tag wieder neu begonnen werden muss. Natürlich kennen sich die Pferde, aber die denken nicht: ach, gestern war der blöd, aber übermorgen zeig ich es ihm. Pferde, egal welcher Rasse, leben immer im Hier und Jetzt! Das wird aber leider wenig beachtet.
Auch wichtig: wie gut kennt sich der Stallbesitzer mit Herdenverhalten und Herdenstrukturen aus? Kann er das Verhalten der Tiere wirklich richtig, d.h. pferdegerecht einschätzen? Es ist zwar gerade für den Besitzer optimal, wenn das Pferd für den Stallbesitzer nahezu zur Familie gehört und schon fast besser gehegt und gepflegt wird als jedes Kind in seiner Kita. Aber: es darf die sehr, sehr dünne Grenze zur Vermenschlichung nicht überschritten werden, auch wenn das manchmal auch für den Besitzer so praktisch ist: mein Pferd ist nachts aufgeräumt, es kann ihm nichts passieren und wenn das Wetter draußen tobt, ist der Gedanke, dass es in seiner weichen Box steht, doch auch beruhigend.
Diese Gedanken hatte ich auch, das gebe ich offen zu. Der Ponyreporter hat sich im Lauf des letzten Jahres an den anderen Tagesablauf gewöhnt. Die Zusammenstellung mit den Haflingern war wirklich unproblematisch. Er hatte sogar einen echten Hafi-Freund, der beim Spielen jedem echten Isi in nichts nachstand.
Aber: ein Zusammenleben mit Vollblütern geht auf Dauer nicht. Schwierig wird es auch, wenn (auch wenn es gut gemeint ist) der Aufenthalt in der Box über 12 Stunden am Tag liegt. Das ist letzten Endes für einen Isländer zu viel. Hier können sich unter Umständen sogar richtige Aggressionen aufbauen oder depressives Verhalten auftreten.
Fazit: es ist wirklich ein Mythos, dass Isländer so überhaupt nicht mit anderen Rassen leben können, aber es müssen solche sein, die die Ponysprache sprechen. Eine Boxenhaltung ist nur sehr begrenzt empfehlenswert. Sicher niemals mehr als den halben Tag. Wenn wirklich eine Boxenhaltung nötig ist, aus welchem Grund auch immer, dann aber nicht auf Dauer. Es gibt Situationen, da sind Kompromisse nötig, denn eine wirklich in jedem (!) Punkt optimale Haltung gelingt leider nicht immer. Und da kann eine saubere Außenbox für die Nacht mit ausreichend Futter und Weidegang auch mal die richtige Lösung sein.
„Wenn Worte meine Sprache wären…“ ich denke, dass das sehr viele Pferde so sehen. Sie sprechen aber mit uns, wir müssen es nur erkennen und immer wieder ins Gedächtnis rufen, wie unsere Isländer leben wollen. Als Pferde!