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Artikel zum Thema Aufzucht von Margit Heumann, IPZV Trainerin B und Buchautorin "Ein Hobby mit Konsequenzen"

Sozialisieren, statt verhätscheln

Vom Umgang mit Islandpferden

Was tun, wenn das Pferd die volle Mistkarre umwirft?
Wie muss ich mein Pferd anbinden?
Wie verlade ich mein Pferd?
Was soll ich machen: Mein Pferd lässt sich nicht einfangen?
Kann ich mein Pferd gefahrlos zwischen parkenden Autos hindurch führen?

Mit solchen Fragen und unzähligen anderen wird jeder Pferdehalter und Reiter immer wieder konfrontiert. Es ist unmöglich, alle Situationen vorauszusehen, und es gibt keine hundertprozentig funktionierenden Rezepte, wie sie zu bewältigen sind. Aber es gibt einige hilfreiche Grundregeln für den Umgang mit unseren Islandpferden:

•  Ruhe und Geduld schaffen eine Vertrauensbasis.

•  Vorsicht und Aufmerksamkeit tragen dazu bei, die Reaktionen des Pferdes frühzeitig zu erkennen und richtig einzuschätzen.

•  Konsequenz und eindeutige Kommandos sind notwendig, damit der Mensch wie ein ranghöherer Artgenosse respektiert wird.

•  Lob (weiche Stimme, Halsklopfen, ev. Leckerli) und Tadel (scharfe Stimme, ev. Gerte) müssen sofort erfolgen.

•  Nicht jede Verweigerung ist strafwürdig: Hat das Pferd Angst, muss es beruhigt werden. Ungehorsam begegnet man mit Konsequenz. Nur bei offensichtlicher Widersetzlichkeit – die relativ selten vorkommt! – kann Strafen angebracht sein.

•  Ungeduld, Zorn und Unbeherrschtheit haben im Umgang mit Pferden ebenso wenig verloren wie Angst und Unsicherheit.

Die natürlichen Verhaltensweisen sind die Grundlage für jeglichen Umgang mit Pferden. Viele Probleme entstehen durch Nachlässigkeit, Inkonsequenz, Unsicherheit oder Vermenschlichung. Das Ergebnis sind aufdringliche, respektlose, rüpelhafte Pferde, die unter Umständen wirklich gefährlich werden können. Es ist also durchaus artgerecht, unseren Pferden von klein an Manieren beizubringen, so wie Wildpferdefohlen das herdengemäße Sozialverhalten von ihren Müttern und den Gruppenmitgliedern erfahren – und das nicht zimperlich und mit aller Konsequenz. Genau so sollten wir Menschen vorgehen: pferdeverständlich und konsequent, frei nach dem Motto: sozialisieren, statt verhätscheln.

Das müssen alle Pferde lernen:

Platz machen, Gegenstände in Ruhe lassen

•  Gewöhnung an Stallarbeit

Beim Absammeln der Pferdeäpfel zwischen Offenstallpferden ist Vorsicht geboten. Einerseits ist der Paddock ureigenster Pferdebereich, wo sie sich dösend, fressend oder spielend aufhalten dürfen, andererseits müssen sie den Menschen bei der Stallarbeit dulden. Ruhige Bewegungen, freundliches Ansprechen beim Näherkommen, eher sanftes Wegschicken ähneln dem Verhalten eines ranghöheren Tieres. Im Laufe der Wochen und Monate lernen die Pferde, dass vor, hinter und neben ihnen gekehrt, gerecht und geschaufelt wird. Trotzdem ist immer Vorsicht angebracht: Pferde dösen manchmal, oder sie können uns mit einem rangniedrigen Pferd verwechseln, das ihnen ihre Futterration streitig machen will.

•  Ausweichen

Die Pferde müssen für die Stallarbeit Platz machen. Am besten unterstützt man ein immer gleich bleibendes Stimmkommando („Zurück!“ „Geh!“) mit der Gerte.

•  Gegenstände in Ruhe lassen

Mistkarren, Besen oder Mistboy dürfen zu Beginn nur in nächster Nähe abgestellt und nicht aus den Augen gelassen werden. Ein neugieriges Pferd darf ihn beriechen, aber sobald Zähne oder Vorderhufe ins Spiel kommen, wird es mit Stimmkommando und Gerte weggeschickt. Eine Woche lang wirklich konsequent durchgezogen und die Pferde haben kapiert, dass Stallgeräte keine Gegenstände zum Spielen sind. (Außerdem lässt gottseidank das Interesse daran irgendwann ohnehin nach.)

 

Einfangen und Aufhalftern

Ein auf der Weide oder im Auslauf dösendes oder fressendes Pferd muss unbedingt angesprochen werden. Man geht nicht direkt von vorn, sondern schräg auf das Pferd zu (seitliche Stellung der Augen, toter Winkel vor dem Pferdekopf). Besonders scheue Exemplare brauchen etwas Zeit, den Geruch des Menschen aufzunehmen (Hand vor Nüstern halten), ein paar freundliche Worte und ihnen angenehme Berührung (sanftes Halsklopfen, Stirn streicheln). Erst dann kann man mit ruhigen, präzisen Bewegungen das nicht zu eng geschnallte Halfter von links anlegen.

Führen

Normalerweise wird das Pferd von links geführt. Der Führstrick ist etwa 30 – 40 cm unter dem Pferdekopf gefasst und der Führer geht auf Schulterhöhe. Es versteht sich von selbst, dass das Ende des Führstricks nicht am Boden schleift oder gar um die Hand gewickelt ist.
Um Einseitigkeit vorzubeugen – bei Führer und Pferd – sollte es öfters auch von rechts geführt werden. Jedes Pferd muss lernen, hinter dem Menschen zu gehen, ohne ihn zu überrennen. Schließlich gibt es überall Engstellen (Tore, parkende Autos, enge Wege). Außerdem vermittelt ihm diese Position in schwierigen Situationen Sicherheit, ähnlich wie es einer Leitstute vertrauensvoll folgen würde.
Das Antreten erfolgt mit Stimme, Zupfen am Führstrick, ev. Gerte an der Hinterhand. Dabei sollte kein Blickkontakt zum Pferd bestehen, sondern der Führer schaut in die Richtung, in die er gehen will. Zum Anhalten wird wieder Stimme und Führstrick eingesetzt, vielleicht muss Arm oder Gerte als optische Begrenzung vor die Nase des Pferdes gehalten werden.

Treiben

Auch bei kleinen Herden ist es bequem, wenn sie sich zum Beispiel von der Weide in den Paddock treiben lassen. Zum Üben lässt man einen Helfer am Eingang mit Futterschüssel locken und treibt von hinten mit Gerte und Stimme („Hopp!“). Nach einigen Wiederholungen genügt ein Treiber, aber sie sollten noch eine Weile im Stall oder Auslauf etwas Leckeres vorfinden: Heu, Kraftfutter, Äpfel. Nicht aus der Hand füttern!

Anbinden

Ein Pferd darf nur mit leicht lösbarem Sicherheitsknoten und Panikhaken an absolut stabilen Befestigungsmöglichkeiten (Ringe, Balken, …) angebunden werden. Dabei trägt es ein gut sitzendes, stabiles Halfter. Niemals an der Trense anbinden!
Die Länge des Anbindestricks sollte so bemessen sein, dass es sich zwar noch umsehen, aber nicht hinein steigen kann (ca. 50 – 60 cm). Ideal sind Anbindevorrichtungen in Brusthöhe des Pferdes, auf keinen Fall tiefer. Stallgeräte, Autos, Fahrräder u. ä. müssen immer außer Reichweite sein, auch bei Erschrecken oder Umdrehen.

Eingewöhnen in Herde

Je artgerechter der Neuling bisher gehalten wurde, desto leichter ist die Eingewöhnung. Im Idealfall sind alle Pferde barfuß, wenn nicht, empfiehlt sich das Abnehmen der Hinterhufeisen. Zunächst ist es sinnvoll, den Neuzugang in einem/r benachbarten Paddock/Box unterzubringen, wo sich die neuen Herdenmitglieder gegenseitig schon mal riechen und sehen können. Bei genügend Platz (Weide, Halle), können die Pferde schon nach ein paar Tagen unter Aufsicht für eine Weile zusammen laufen. Dabei sollten sowohl der Herdenchef als auch der Neue eng anliegende Halfter tragen, um im Notfall mit Helfer(n) den einen oder anderen aussortieren zu können. Man muss damit rechnen, dass die Pferde einander beriechen (und quietschen!), dass der Neue gejagt wird und auch kleinere Rangkämpfe stattfinden.

Zäune respektieren

Ein Zaun muss stabil, gut sichtbar und etwa 110 cm bis 130 cm hoch sein. Elektrozäune sollten zuverlässig Strom führend sein. Man sollte vermeiden, dass Pferde über Torbalken, Elektrobänder o.ä. steigen müssen oder darunter durch geführt werden.

Verladen

Das Pferd wird geradeaus auf die Mitte der Rampe geführt, wenn nötig darf es dort gucken, riechen, kurz nachdenken, dann wird es zügig in den Hänger geführt. Ein Helfer legt hinten die Stange ein, während es vorn relativ hoch (mindestens Brusthöhe) und eher kurz angebunden wird, natürlich mit Sicherheitsknoten. Eventuell kann man jetzt noch mit Futter positiv verstärken, dann Klappe schließen und bald losfahren. Und bitte: Einen manierlichen und pferdefreundlichen Fahrstil verwenden!

Tipps und Tricks, wenn's mal nicht so einfach ist:

Einfangen und Aufhalftern

•  Aufhalftern von rechts

•  Zwei Helfer mit Longe treiben das Pferd langsam in eine stabile Zaunecke, ein dritter nähert sich langsam und legt ihm das Halfter an.

•  Mit langem Strick am Halfter auf der Weide oder im Paddock laufen lassen (nicht bei Gruppenhaltung!).

•  Wasser und Nähe zum Menschen werden gekoppelt: Ein extrem scheues Pferd wird nur noch aus dem Eimer getränkt, der etwa alle zwei bis vier Stunden angeboten wird.

 

Eingewöhnen in Herde

•  Vorsichtsmaßnahmen: Eisen abnehmen, große Weiden, Gras/Heu zur Ablenkung, getrennte Wallach- und Stutenherden.

•  Den Neuling auf großem Auslauf mit dem Chef der Stammherde zwei, drei Tage zusammenlassen, dann die anderen Pferde im Abstand von ein bis zwei Tagen einzeln dazu bringen.

•  Zusammen reiten, nebeneinander (mit Sicherheitsabstand!) anbinden.

Elektrozaun respektieren

•  Schopf und Nase nass machen – Wasser leitet den Strom besser!

•  Hochstehende Drahtschlaufe am Halfter befestigen (nicht bei Gruppenhaltung).

Anbinden

•  Gummi-Anbinder oder Autoschlauch als Zwischenstück; nicht so starr wie ein normaler Anbindestrick.

Auf die Weide führen

•  Halfter erst abnehmen, wenn das Pferd zum Tor zurück umgedreht steht, ev. Leckerli geben (Verletzungsgefahr durch davon buckelnde Pferde!)

Verladen

•  Zwei Helfer legen Longe um die Hinterhand des Pferdes, um das Hineinführen zu unterstützen.

•  zwei Helfer fassen sich an den Händen und schieben oberhalb der Sprunggelenke. Achtung: nur bei Pferden, die nicht ausschlagen!

•  Seitliche Begrenzung der Rampe durch Hausmauer, festgebundene Stangen, Longe.

•  Seil-Methode: Ausrüstung: Zwei stabile Halfter, langer, unbedingt reißfester Strick (Kletterseil), Helfer, Handschuhe. Das Pferd zum Hänger führen, beim ersten Stocken stehen lassen und selbst weitergehen, Strick zweimal um die vordere Querstange im Hänger wickeln, auf Spannung bringen – und abwarten ... Zieht das Pferd rückwärts, kann man es auf diese Art leicht halten; sobald ihm die Spannung unangenehm wird, geht es einen Schritt nach vorn; danach Strick wieder auf Spannung bringen. Wichtig: viel, viel Zeit, Ruhe, Geduld; zusätzlich hilfreich ist eine seitliche Begrenzung der Rampe.

•  Um dem Hänger den Schrecken zu nehmen, kann er als Futterplatz auf die Weide stehen, allerdings nur fest aufgebockt und mit der Deichsel außer Reichweite der Pferde (Verletzungsgefahr!). Oder: Kraftfutter nach dem Reiten gibt es nur im Hänger (aufgebockt oder angehängt!).

•  Rampe und Boden mit bekanntem Einstreumaterial versehen

 

© Margit Heumann