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Interview von Jutta Plötz mit Dženi Bakač (Leichtigkeit in allen Gängen)

Dženi ist Reitlehrerin und Pferdephysiotherapeutin und seit sie denken kann, ziehen Pferde und insbesondere Islandpferde, sie magisch an.
Bis heute erlebte sie viele Einflüsse aus den verschiedenen Bereichen des Reitens, vom FN-Unterricht über Horsemanship-Kurse, langjährigen Unterricht bei unterschiedlichen Gangpferde- und Islandpferdetrainern, bis zur Dressur nach klassischen Grundsätzen. Heute ist sie bei der Akademischen Reitkunst angelangt, die sie erfolgreich mit ihrer physiotherapeutischen Arbeit kombiniert, um so ein ganheitliches, gesundheitsförderndes Trainingskonzept zu bekommen. Ihr Ziel sind ausdrucksstarke, gesunde und fein zu reitende Pferde, ganz gleich ob es sich um Tölt oder Piaffe handelt.
Ganz einfach also: Leichtigkeit in allen Gängen!

Jutta Plötz hat an einer Sitzschulung von Dženi teilgenommen, bei der vorwiegend mit Franklin Bällen gearbeitet wurde, mit dem Ziel das Körpergefühl zu schulen und so zu einem losgelassenem, stabilen Reitersitz zu gelangen. Nach dem Kurs hat sie Dženi interviewt.

Dzeni, reitest du selbst auch?

Ja, mein Schwerpunkt liegt mehr in der klassischen Dressur. Es macht mir Spaß mit diesen Möglichkeiten meine Pferde zu einer aktiven Mitarbeit zu motivieren. Ich starte aber eher selten bei Turnieren. Im Wettkampf bereite ich mein Pferd auf diesen einen Tag und diese eine Prüfung vor. Das ist mir persönlich zu einseitig. Es macht mir mehr Freude langfristig meine Pferde und auch mich selbst zu verändern.
Ich selbst habe drei Gangpferde, zwei Islandpferde und ein Paso Peruano.

Was würdest du sagen, macht dich und deine Arbeit aus?

Meine Philosophie beim Reiten ist "Leichtigkeit in allen Gängen". So habe ich auch meine Homepage genannt. Es gibt so viele wunderbare Pferde und leider werden sie zu oft recht hart geritten. Manchmal aus Ungeduld und Ehrgeiz, meistens aus Unkenntnis. Gegen Ungeduld und falschen Ehrgeiz kann ich nichts tun. Aber bei der Unkenntnis kann ich ansetzen und versuche zu helfen.
Ich bin seit Kindesbeinen Pferdefan. Mein Vater ist Physiotherapeut. Durch ihn habe ich immer wieder erfahren wie wichtig der Umgang mit dem Körper ist, um gesund zu bleiben. Da war es für mich nur logisch, das eine mit dem anderen zu verbinden. Ich habe verschiedene Aus- und Fortbildungen absolviert und versuche mich immer weiterzubilden.
Ich bin Reitlehrerin und Pferdefachwirtin KPA. Im Gesundheitsbereich bin ich neben Tierheilpraktikerin auch Pferdephysio- und Osteotherapeutin und biete verschiedene Behandlungsmethoden an - immer mit dem Schwerpunkt auf der Beweglichkeit und Durchlässigkeit des Pferdes.
Reiterlich bin ich gerade viel in der akademischen Reitkunst unterwegs; bei der lizenzierten Branderup ®-Trainerin Sandra Mauer. Ich mag den Stil dieser Reitlehre und das Ergebnis für Pferd und Reiter.

Du bist ja grade viel mit Sitzkursen zu Franklin-Bällen unterwegs. Was gefällt dir an der Arbeit mit den Franklin-Bällen?

Ich arbeite ja auf vielen unterschiedlichen Wegen um die Gesundheit des Pferdes und des Menschen zu erhalten. Der Reitersitz ist für ein gesundes Pferd superwichtig und ich finde es schade, dass das so oft vergessen wird. In den üblichen Reitstunden sind die Reitlehrer meist auf reiterliche Hilfen fokussiert. Wenn sie an den reiterlichen Hilfen arbeiten, dann meist ohne Hilfsmittel. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, wie schwierig das ist. Ich kann einer Reiterin sagen, entspanne deinen Po oder sitz tief. Wie aber soll sie das machen, wenn sie im Alltag nur auf dem Bürostuhl sitzt oder die Körperwahrnehmung kaum da ist. Da helfen dann Hilfsmittel. Reiterliche Hilfen sind auch wahnsinnig wichtig, aber sie können auch nur gut umgesetzt werden, wenn das Körpergefühl und die Durchlässigkeit im Reiterkörper vorhanden sind.
Die Franklin-Bälle habe ich eher zufällig entdeckt und ich bin begeistert. Wenn ich einen Kurs gebe, dann bekomme ich in kürzester Zeit positive Rückmeldungen. Die Leute bemerken den Effekt sofort und nicht erst nach drei Tagen. Am meisten höre ich, wie „satt" sie plötzlich im Sattel sitzen, wenn sie die Bälle nach einiger Reitzeit entfernen. Fanden sie einen Sattel vorher unbequem, fühlt er sich plötzlich gut an.
Und auch die Pferde verändern ihre Bewegung, wenn der Reiter sie nicht mehr in ihrem Rückenschwung blockiert. Sie gewinnen an Ausdruck, Losgelassenheit und Bewegungsfreiheit.


Jutta im Kurs bei Dženi

Was ist denn das Besondere an den Franklin-Bällen?

Die Bälle kommen, wie so viele Dinge, aus einem eigentlich ganz anderen Bereich. Eric Franklin hat die Arbeit mit den Bällen entwickelt. Ursprünglich wurde die Methode - wie auch beispielsweise das Pilates - für Tänzer entwickelt. Er hat die gelebte Anatomie mit neuen Bewegungserfahrungen durch die Hilfe von Bällen und Rollen neu entdeckt. Für uns Reiter war diese Methode zunächst kein Thema, bis Eckhard Meyners (Balimo) die Bälle entdeckte und auf den Reitersitz anwendete.
Weil ich ja durch meinen Vater, den Physiotherapeuten immer mit diesem Thema Kontakt hatte, habe ich mich schnell für die Arbeit mit den Bällen begeistert.
Es gibt ganz unterschiedliche Bälle, verschiedene Größen und Formen und Materialien, mit Luft oder Wasser gefüllt. Daher kann ich sie ganz individuell und sehr vielfältig einsetzen. Ich kann die Reiterin bewusst komplett schief setzen, damit sie wahrnimmt, wie ihr Körper sich verändert. Wenn wir dann die Bälle wegnehmen, ist immer dieser AHA-Effekt mit großem Staunen da. Ach so fühlt sich gerades/ tiefes Sitzen an. Ich kann Bälle zwischen Oberschenkel und Sattel positionieren, die Luft- oder Wasserrolle unter den Sitzhöckern und wieder andere Bälle zwischen Oberarm und Körper um die Zügelhand zu beeinflussen.
Wenn die Reiter das System einmal erfasst haben, können sie auch unabhängig von Trainern damit arbeiten. Es ist ja eine Art Selbstmassage, die in Kombination mit dem Pferd entsteht.


Bild: die verschiedenen Modelle der Bälle

MEIN TIPP:
Ich empfehle für den Anfang das einfache Mitschwingen auf der Luftrolle im Schritt. Hier hat der Körper mit der neuen Bewegung des Beckens schon viel zu tun, die Hüftgelenke müssen sich öffnen, das Bein verlängert sich. Wirbelsäule und Becken werden mobilisiert und der Körper muss sich neu zurechtfinden.

Was machen die Bälle denn genau?

Die Bälle nehmen Einfluss auf unser Fasziennetz und können so in unserem Körper ein Umstrukturieren der festgefahrenen Bewegungsmuster bewirken.
Ich versuche mal, das ganz einfach zu erklären: Ein Muskelstrang oder die Faszien (im Moment ja ein Thema, das in aller Munde ist) hat sich durch Nichtnutzung zurückgebildet oder ist durch falsche Nutzung (Haltungsfehler) gespannt wie ein Flitzebogen. Und zwar immer.
Nun bringe ich einen oder mehrere der unterschiedlichen strammen Bälle zwischen diesen Muskelbereich und die Sitzfläche. Durch die Körperbewegung des Menschen auf dem sich bewegenden Pferd, kann der Muskel gar nicht anders als langsam aber sicher nachzugeben. Man kann das vielleicht mit dem Verhalten von Knetmasse vergleichen. Wenn man Knete in die Hand nimmt, die länger gelegen hat ist sie hart und überhaupt nicht geschmeidig. Wenn ich sie aber mit Ruhe und auch nur mit leichtem Drucke knete, wird sie durch die Körperwärme und die bewegliche Hand immer weicher und formbarer. So ähnlich verhält sich der verhärtete Muskel.
Beginnt der Muskel, die Faszien nachzugeben, wird alles besser durchblutet und geschmeidiger. Ich gebe dem Körper Gelegenheit sich zu entspannen. Nehme ich dann den Ball oder die Rolle weg, ist alles immer noch entspannt und weich. Der Hintern, der Schenkel, der Arm - liegt weicher und breiter an und auf.
Das ist ein bisschen so, als würde man jemandem, den man total mag, böse sein wollen. Aber man kann es einfach nicht, weil es so ein netter lieber Mensch ist und man total angelächelt wird. Erst versucht man noch sich zu widersetzen, aber dann muss man einfach lachen und alles ist wieder gut. So ähnlich funktioniert das bei den Muskeln, bzw. verklebten Faszien.
Wichtig dabei ist aber, dass man nie in einen starken Schmerz geht. Das würde das genaue Gegenteil bewirken. Das kennen wir ja aus dem Reiten. Zu viel Druck erzeugt Gegendruck. .

Erfordert das nicht eine besondere Ausbildung?

Es gibt leider viele Anbieter auf dem Markt, die sich die Bälle kaufen, Kurse geben und denken, da kann ja nix kaputt gehen. Auch etliche Reiter kaufen sich die Bälle und arbeiten allein damit. Da kann es passieren, dass man ungewollt einen Sitzfehler verstärkt.
Es hilft natürlich nur dann wirklich gut, wenn man eine Idee hat, wie der Bewegungsapparat funktioniert. Und ich sollte einen Blick für Reiter- bzw. Sitzfehler haben. Und einen Blick für den Bewegungsablauf des Pferdes. Diese Kombination des Trainers kann dem Reiter erst wirklich helfen. Daher empfehle ich auf jeden Fall einen Kurs zu absolvieren, bevor ich die Bälle kaufe und dann keinen Effekt – oder schlimmer – den falschen Effekt erarbeite. Idealerweise bei einem Trainer, der gewisse Vorbildungen mitbringt.
Da helfen mir persönlich zum einen meine Ausbildungen. Und dadurch, dass ich selbst Gangpferdereiterin bin, kann ich mich natürlich sehr gut in die Abläufe von Tölt und dessen Variationen einfühlen und sehe schneller, wo bei den Reitern der Ablauf unrund ist.
Ich versuche, meinen Blick einmal aus osteopathischer Sicht auf das Pferd und aus Reitlehrersicht auf den Menschen zu fokussieren und dort anzusetzen, wo ich beiden helfen kann. Dabei helfen mir die Bälle, die den Reiter aus den alten Strukturen rausholen.

Wieso bei Islandpferden?

Bei den Islandpferdereitern kommen mehrere Punkte zusammen. Zum einen haben wir als Erwachsener auf einem Pony einen sehr langen Hebel in unserem Oberkörper, der einen enormen Einfluss auf unsere balanceschwachen Gangpferde hat.
Wer kennt ihn nicht, den Fünfgänger, der sich bei jedem kleinsten Kippler der reiterlichen Schulter in den Pass rettet? Hier können uns die Bälle zu einer besseren Balance auf dem Pferd verhelfen. Zum anderen haben wir sehr oft den Grundgedanken: Das Pferd braucht Spannung zum Tölten. Dazu eine klare Antwort: „Jain!“.
Das Pferd benötigt wie wir eine positive Grundspannung, sonst sackt es in sich zusammen. Der Gedanke an Spannung aber macht uns fest und blockiert unser Becken. Viele Reiter sitzen im Tölt wie eine festgeklemmte Wäscheklammer und blockieren so ihr Pferd im Bewegungsfluss, lassen so eine Schwingung im Pferderücken nicht zu und ein über den Rücken tölten wird unmöglich. Unsere Beckenbewegung im Tölt ist wie im Schritt und auch wie beim menschlichen Gehen eine liegende Acht. Nur viel höher in der Frequenz. Diese MUSS unser Becken zulassen, sonst gibt es Verspannungen. Um unser Becken zu blockieren reicht es schon, wenn wir unsere Gesäßmuskulatur anspannen. Einfach mal bei der nächsten Runde Tölt in den eigenen Hintern fühlen, ist dort alles locker? Kann sich mein Pferd unter mir bewegen?
Die allererste Aufgabe unseres Sitzes auf dem Pferd ist so einfach wie auch kompliziert: Wir dürfen nicht stören.

Danke für dieses Interview.

Interview: Jutta Plötz
Bilder © Leichtigkeit in allen Gängen

Mehr Informationen unter www.leichtigkeit-in-allen-gaengen.de