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von Margit Heumann, IPZV Trainerin B und Buchautorin "Ein Hobby mit Konsequenzen"

Reif für ein eigenes Islandpferd?

Irgendwann ist fast jeder Schulpferde-Reiter an dem Punkt, wo er ein eigenes Pferd haben möchte. Pferdekauf ist jedoch keine spontane Sache, die man eben mal so erledigt, schließlich geht es um ein Lebewesen. Gerade der Kauf des ersten Pferdes bringt enorme Veränderungen der bisherigen Lebensgewohnheiten mit sich. Ein paar Vorüberlegungen sind also unumgänglich. Zunächst ist eine kleine Gewissens-erforschung über die Beweggründe fällig, dann sollten die praktischen Voraus-setzungen für die Integration des neuen Familienmitglieds in den Alltag überprüft werden. Erst auf dieser Grundlage geht es dann um konkrete Erwartungen und Ambitionen, die das eigene Islandpferd erfüllen soll.

Emotionale Beweggründe

Wer auf der Suche nach dem Woher und Wohin seiner Motivation in eine Sackgasse gerät, kann sich sehr gut an den Bedenken seines nicht-reitenden Umfelds orientieren. Welche Fragen würden die beste Freundin, der erwachsene Sohn, die besorgte Schwiegermutter stellen? Vermutlich etwas in der Art: Wie kommst du auf diese verrückte Idee? Warum willst du dir so eine Verantwortung antun? Kannst du dir das überhaupt leisten? Was hast du davon? Suchst du einen Partnerersatz? Hast du noch nicht genug zu tun?

•  Woher kommt diese Idee?

Neue private Situation? Mehr Freizeit? Genug von Reitschulen? Unter Umständen gibt es diesen Traum schon sehr lange und nun scheint die Zeit einfach reif. Ist sie es wirklich?

•  Warum ein Tier?

Aus Tierliebe. Aus Einsamkeit. Zur Freizeitgestaltung. Für die Kinder. Als Ausgleich zum Bürojob ...
Es gibt edle, menschliche und eigennützige Beweggründe – alle sind mehr oder weniger legitim. Ein Tier macht sehr viel Freude, verursacht aber auch Arbeit, Kosten und manchmal einigen Organisationsaufwand.

•  Warum ein eigenes Pferd?

Ein langjähriger begeisterter Reiter kann diese Frage schon leichter beantworten: Die persönliche Beziehung, der Traum von sportlichen Erfolgen, der Gedanke an lange Wanderritte; vielleicht auch ganz praktische Gründe wie freie Zeiteinteilung, besserer Ausbildungsstand, ...
Wer an ein eigenes Pferd denkt, sollte sich unbedingt schon einiges an Reitkenntnissen auf Schulpferden angeeignet haben. Schulpferde sind viel besser dazu geeignet, einem Reiter das Nötigste beizubringen und Anfängerfehler zu ertragen als der eigene Liebling.

•  Warum jetzt?

Mehr Zeit als früher, Umzug in eine ländliche Gegend, endlich den richtigen Partner dafür gefunden, genug Geld angespart – das sind nur einige von vielen guten Gründen.
Schlecht: Liebeskummer, beruflicher Frust. Schließlich wird diese Lage nicht ewig so bleiben. Es wäre besser, die Energie in die Änderung der Situation zu stecken als sich mit einem Pferd davon abzulenken, das nachher nur ein Klotz am Bein sein könnte. Das hat es nicht verdient. Noch schlechter: Ein Pferd zu kaufen, weil die beste Freundin eines hat oder der Nachbar oder weil es in bestimmten Kreisen gerade Mode ist.

So weit die eher emotionale Seite. Nur ehrliche Antworten gegenüber sich selbst sind hilfreich; manche eignen sich auch als überzeugende Argumente für das skeptische Umfeld, das dem neuen Projekt nicht so gewogen ist.

Praktische Voraussetzungen

Die Entscheidung für ein eigenes Islandpferd hat große Tragweite. Mit dem Kauf, der an sich schon kompliziert und aufwändig genug ist, fängt alles erst an. Ein Pferd ist kein Sportgerät wie ein Paar Ski, die in der Garage übersommern, bis man über Neujahr oder an Ostern in die Berge fährt. Es ist auch nicht schnell austauschbar, wenn eine andere Sportart in Mode kommt. Ein Pferd ist ein Lebewesen mit physischen und psychischen Bedürfnissen an 365 Tagen im Jahr, dem Menschen vollständig ausgeliefert. Was es benötigt, ist ein Betreuer, der sich um sein artgerechtes Wohlergehen kümmert – auf den Reiter kann es leicht verzichten! Da Pferde die Gesellschaft von Artgenossen brauchen, wird es beim Kauf des ersten Isländers vermutlich auf die eine oder andere Form von Pensionshaltung hinauslaufen. Auch wenn dadurch die tägliche Versorgung geregelt ist, wird es unzählige Anlässe geben, wo sich ein Besitzer als verantwortungsvoller Halter und nicht als Reiter um sein Pferd kümmern muss.

Nun zu den praktischen Seiten der Vorüberlegungen.

•  Anschaffungskosten

Ein Islandpferd ist nicht billig. Der Preis richtet sich nach Abstammung, Alter, Ausbildung, usw. und natürlich nach Angebot und Nachfrage. Meist bleibt es nicht beim reinen Verkaufspreis. Da kommen noch Fahrten, Transporte, vielleicht Kosten für einen Experten, die Ankaufsuntersuchung, Sattel, Trense und andere Ausrüstungsgegenstände dazu.
Die so ermittelten Gesamtkosten plus 10 – 20 % für Unvorhergesehenes sollten die Habenseite des Sparkontos deutlich unterschreiten.

•  Laufende Kosten

Das muss jedem angehenden Pferdebesitzer klar sein: Es entstehen laufende Kosten, die er bis jetzt nicht hatte. Eine knallharte Kalkulation ist nötig, ob die monatlichen Einnahmen das verkraften.
Da ist erst mal die Versorgung des Pferdes in Form von Pensionskosten.
Alle 8 bis 12 Wochen ist der Hufschmied fällig, auch bei Barfuss-Pferden. Regelmäßige Impfungen stehen an; für einen angemessenen Impfschutz (Tetanus, Influenza, Tollwut) mit Grundimmunisierung kommt der Tierarzt mindestens vier bis sechs Mal. Auch drei Wurmkuren pro Jahr sind fällig, bei Weidepferden eher mehr.
Außerdem fallen Versicherungsprämien und Mitgliedsbeiträge bei Vereinen, Zuchtverbänden, etc. an.

•  Reserven für zusätzliche Ausgaben

Reiterliche Weiterbildung verursacht Kosten. Vermutlich ist es unausbleiblich, Geld in Reitstunden oder Kurse zu investieren. Vielleicht muss das Pferd irgendwann in Beritt – auch ein teurer Spaß. Für die Teilnahme an Turnieren, Wettbewerben, Abzeichenprüfungen oder organisierten Wanderritten werden Nenngelder und Prüfungsgebühren fällig. Und mit Sicherheit wird es viele weitere Anschaffungen geben: Glocken, Ballenboots, Gelpads, Pferdedecken, Bandagen, Transportgamaschen, Packtaschen oder was immer – die Reitsportgeschäfte und Versandkataloge sind voll mit Dingen, die man angeblich unbedingt braucht.

Auf keinen Fall sollte der Pferdebesitzer in die Lage kommen, am Tierarzt sparen zu müssen, falls sein Pferd erkrankt oder sich verletzt. Einige hundert Euro müssen dafür immer auf der hohen Kante sein. Ein längerer Klinikaufenthalte oder eine Operation kann ganz schnell in die Tausende gehen.

•  Zeitmanagement

Ein Pferd sollte mindestens drei bis vier Mal pro Woche geritten werden. Das reicht gerade für moderaten Konditionsaufbau und Erhaltungstraining.
Normalerweise geht für eine Stunde Reiten eine Gesamtzeit von zwei Stunden drauf, ohne Anfahrt. Warum so viel? Holen, Putzen, Hufe auskratzen, Satteln, Trensen, Absatteln, Putzen, Hufe auskratzen, Abspritzen, Extrafüttern, Wehwehchen behandeln, Stallgasse kehren, Aufräumen ...
Da ist der kurze Abstecher ins Reiterstübchen oder die Terminabsprache für den nächsten Hufbeschlag nicht inbegriffen. er Vorteil eines eigenen Pferdes ist u. a. die freie Zeiteinteilung. Trotzdem macht es Sinn, schon vorab einmal durchzuspielen, wie Pferdehaltung, Ausritte und/oder Reitunterricht ganz konkret in den beruflichen und privaten Alltag eingegliedert werden können. Passt dieser Plan für alle Jahreszeiten?
Allerdings wird es Termine geben, die von anderen abhängen: Hufbeschlag, Tierarzt, Wurmkuren, Impfungen. Nicht jeder kann dafür frei nehmen kann sondern muss den Pensionsstall, ein Reiterkollegen, einen Freund organisieren. Und wer kümmert sich bei nicht planbaren Ereignissen (Kolik, Ausbrechen) um das Pferd? Auch der Jahresurlaub, die Skiferien, Klassenfahrten müssen berücksichtigt werden, und was passiert im Krankheitsfall des Besitzers?
Wer zugeben muss, in den nächsten Jahren wenig Zeit zu haben, sollte sich kein eigenes Pferd anschaffen. Manchen Islandpferden macht es bei artgerechter Haltung wenig aus, unregelmäßig oder selten geritten zu werden, andere reagieren sehr heftig, nervös oder übermütig auf tagelanges Stehen. Wer dann reiterlich nicht fit genug ist, Angst hat und dadurch noch seltener reitet, setzt eine Negativspirale in Gang, die sich immer enger zusammenzieht. Es ist auf jeden Fall die bessere Lösung, weiter auf Schulpferden zu reiten, Intensivkurse zu speziellen Themen mitzumachen oder sich im Urlaub einen Wanderritt durch die Ardennen oder Wattritte an der Nordsee zu gönnen.

•  Reiterliches Niveau

Wer keinen Reitlehrer hat, weil er bisher nur auf dem alten Isländer seines Onkels ausgeritten ist, sollte dringend in einem guten Reitstall Unterricht nehmen. Hier kann er ausprobieren, ob seine Hilfen – oder was er dafür hält – bei anderen Pferden ankommen. Außerdem wird er das Mehr an praktischer Reiterfahrung beim Pferdekauf dringend brauchen.
Auch theoretisches Hintergrundwissen ist nicht zu verachten. Da stehen die Themenbereiche Reiten, Pflege und Umgang an erster Stelle, dazu elementare Kenntnisse über Krankheiten.

•  Berater im Hintergrund

Es ist sehr praktisch, ein, zwei erfahrene Reiter und/oder Pferdehalter im Bekanntenkreis zu haben, denen man alle dummen Fragen stellen kann. Nicht nur heute und morgen sondern auch noch nach der Anschaffung. Möglichst sollten diese keine finanziellen Interessen haben, und keine Profilierungswünsche – und wenn doch, muss dieser Anteil an ihren Tipps herausgefiltert werden.

Für jeden einzelnen dieser Bereiche müssen positive Lösungen in Sicht sein, bevor man überhaupt an ein eigenes Pferd denken darf.

Das Profil entwickeln

Schulpferde eignen sich hervorragend dazu, einem potentiellen Islandpferdebesitzer viel über die Rasse im Allgemeinen und die richtige Reitweise beizubringen. Für weitere Informationen gibt es reichlich Bildbände, Bücher, Videos, Zeitschriften und natürlich das Internet. In diesen Punkten sollte jeder sattelfest sein, lange bevor er sich ein Pferd kauft.
Die Suche nach dem richtigen Islandpferd hat mit Kriminalistik und Personalmanagement durchaus etwas gemeinsam: die Suche nach dem großen Unbekannten. Die Einzelheiten einer Straftat bzw. die Anforderungen einer Führungsposition ergeben ein detailliertes Bild des Gesuchten. Ein Pferdekäufer kann genau so vorgehen: Aus dem Puzzle seiner Voraussetzungen, Erwartungen und Ambitionen entwickelt sich das Profil des Pferdes.

Voraussetzungen

Damit sind die positiven Antworten auf die Fragen des letzten Abschnittes gemeint:

•  Finanzen (Anschaffung, laufende Kosten, Reserven)

•  Zeitmanagement und Organisation

•  Reiterliche Fähigkeiten

•  Ansprechpartner

Erwartungen

Hier geht es zunächst nur um ganz allgemeine Wünsche, zum Beispiel:

•  Ausgleich zum Alltag, Naturerlebnis, Spaß, Sicherheit

•  Erfolg

• Spannung, Kick, Ruhm

Ambitionen

Zu diesem Zeitpunkt ist nur eine grundsätzliche Richtung interessant.

•  Verwendungszweck: gemütliche Spazierritte, Endlostölt, Wander-/Langstreckenritte, Dressur, Sportreiten ...

•  Ausbildungsstand: angeritten, sicherer Tölter, geländeerfahren, turniererprobt..

•  Alter : 4 – 6jährig, 8 – 10jährig, älter als 15, ...

•  Gesundheit : klare Beine, tragfähiger Rücken, Ekzemfreiheit, ...

 

Es ist ausgesprochen hilfreich, sich die wichtigsten Punkte seines ganz persönlichen Pferdeprofils zu notieren, um bei der Suche nach dem richtigen Pferd immer wieder darauf zurückgreifen zu können.