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Osteopathische Behandlungen für Pferde

Interview mit Andrea Dinter, Pferdeosteopathin

Erst im Erwachsenenalter hat Andrea Dinter angefangen zu reiten. Zwei Jahre später kaufte sie noch recht unerfahren ihren Fáfnir. Ein angeblich „passender Sattel“ wurde ihr gleich mit verkauft. Im ersten Frühling zeigte Fáfnir Anzeichen des Sommerekzems. Sie begann sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen und kurze Zeit später eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin. Zur selben Zeit fiel ihr als Anfängerreiterin auf, dass Fáfnir sehr „klamm“ und steif lief. Es begann eine lange Suche nach einem passenden Sattel. Fáfnir wurde außerdem vom Zahnarzt behandelt und der Schmied brachte die Hufe in Ordnung. Am eindrücklichsten blieb ihr aber die Behandlung durch eine Osteopathin in Erinnerung. Obwohl diese Frau ihr Pferd auf völlig ungewohnte Weise berührte und einzelne Gelenke und Gliedmaßen bewegte, schien Fáfnir die Behandlung sehr zu genießen. Es war als wollte er sagen:„ na endlich, das wurde aber auch Zeit!“ Nach der Behandlung war Fáfnir ein ganz anderes Pferd… Das wollte sie unbedingt auch können und begann nach Abschluss der Tierheilpraktikerausbildung eine Ausbildung zur Pferdeosteopathin an der Fachschule für Osteopathische Pferdetherapie nach Welter-Böller. Heute bietet sie Osteopathie für Pferde, Cranio-sakrale Osteopathie, K-Taping am Pferd, Akupunktur, Homöopathie und weitere Verfahren an. Unter ihren vierbeinigen Patienten sind viele Islandpferde. Wir haben mit ihr über die Möglichkeiten der Osteopathie für Pferde gesprochen.

Frau Dinter, Sie bieten osteopathische Behandlungen für Pferde an. Was unterscheidet eigentlich die Osteopathie von der Physiotherapie und wie läuft eine Behandlung ab?

Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen Osteopathie und Physiotherapie gerade im Bereich der manuellen Behandlung am Pferd recht fließend. Die Physiotherapie beschäftigt sich grundsätzlich mehr mit den weichen Geweben wie Muskeln, Sehnen, Bändern und Faszien während die Osteopathie noch die Beurteilung und Testung der einzelnen Gelenke in all Ihren Bewegungsrichtungen hinzunimmt. Das bedeutet, dass bei der Physiotherapie im manuellen Bereich vor allem die Massage und Dehnung der betroffenen Körperregionen zum Tragen kommt; dagegen arbeitet die Osteopathie viel mit kleinen unspektakulären Hebeln und Manipulationen direkt am entsprechenden Gelenk.
Bei einem Behandlungstermin nehme ich mir viel Zeit, um anfangs eine umfassende Anamnese zu erstellen. Dabei erfrage ich die Daten und Vorgeschichte des Pferdes sowie Haltung, Fütterung, Vorerkrankungen und Ausbildungsstand von Pferd und Reiter etc.
Anschließend schaue ich mir das Pferd sowohl im Stand als auch in der Bewegung an der Hand und soweit möglich in allen Gangarten an der Longe oder freilaufend im Round Pen an. Meist wird das Pferd dann noch unter dem Reiter gezeigt. Grundsätzlich wird auch die Ausrüstung wie Sattel und Trense oder der Kappzaum von mir begutachtet.
Hierauf erfolgt die Palpation (Abtastung) und eigentliche Befundung sowie Testung der einzelnen Körperregionen und Gelenke. Nachdem ich mein Ergebnis mit dem Pferdebesitzer besprochen habe, wird das Pferd entsprechend der bestehenden Problematiken von mir manuell behandelt.
Gerne runde ich zur weiteren Unterstützung des Pferdes die Behandlung durch Anbringen von Physiotape/ EquiK-Tape auf den entsprechenden Köperregionen ab.

Bei welchen Problemen kann eine osteopathische Behandlung helfen?

Grundsätzlich kann eine osteopathische Behandlung bei allen Formen von Bewegungseinschränkungen, Steifheit, Bewegungsunlust und Taktfehlern beim Pferd helfen.

Ist es wichtig, vorab den Tierarzt kommen zu lassen oder übernehmen Sie auch die Diagnose?

Eine gute Zusammenarbeit mit dem Tierarzt ist immer wünschenswert. Als Osteopathin verfüge ich weder über einen Röntgenblick noch über Ultraschallhände, so dass es mir nicht zusteht, gesicherte Diagnosen zu stellen. Meine fundierte Ausbildung und Berufserfahrung können jedoch helfen anhand typischer Symptome bestimmte Krankheitsbilder entsprechend auszuschließen oder zumindest einzugrenzen und somit den Pferdebesitzer auf die ein oder andere Problematik aufmerksam zu machen. Es kommt beispielsweise recht häufig vor, dass ich den Pferdebesitzer bitte, die Zähne des Pferdes durch einen Zahnarzt behandeln zu lassen oder ich mache auf angelaufene Sehnen und Gallen aufmerksam und empfehle eine tierärztliche Diagnostik.

Was sind denn die häufigsten Ursachen für entstandene Bewegungseinschränkungen beim Pferd?

Neben Traumata (Verletzungen) können auch unpassende Ausrüstung, falsches Training oder eine dauerhaft belastende Reitweise sowie reiterliches Unvermögen, ja selbst Fehler bei der Fütterung, Pflege und Haltung des Pferdes ursächlich für Bewegungseinschränkungen des Pferdes sein.

Wie wichtig ist es auch den Reiter und seine Reitweise bezüglich der Ursachenforschung in den Blick zu nehmen?

Häufig übertragen sich Bewegungseinschränkungen oder Schiefe des Reiters aufs Pferd. In solchen Fällen empfehle ich den Reitern/ Besitzern des Pferdes auch selbst einmal eine osteopathische Behandlung in Anspruch zu nehmen. Manche Menschen entwickeln danach ein völlig neues Bewegungsgefühl. Die Veränderungen beim Reiter/ Besitzer können sich dann wiederum positiv aufs Pferd auswirken. Meistens verrät allerdings bereits das Exterieur des Pferdes, ob die Konstitution und die Reitweise des Reiters eine positive oder negative Wirkung auf die Gesundheit des Tieres hat. Rückständigkeit in der Vorhand, ausgeprägte Unterhalsmuskulatur, atrophierte Rückenmuskulatur, verspannte Kruppenmuskulatur, Schmerzhaftigkeit im iliosakralen Übergang, deutliche Muskelausprägung an der Hinterhand –sogenannte „Hosen“ und ein gerades Sprunggelenk sind nur einige der Anzeichen dafür, dass die Reitweise und das Training für das Pferd nicht förderlich sind.

Sind die Reiter eigentlich oft zu schwer für ihre Islandpferde? Wo sehen Sie da die Grenze?

Das sind Fragen, die sich gerade im Hinblick auf die moderne (Sportpferde)Zucht eigentlich nicht nur auf Islandpferdereiter eingrenzen lassen. Ich möchte nicht pauschal sagen, dass ein schwerer Reiter dem Pferd auf jeden Fall mehr schadet als ein leichter dies tun würde.
Meiner Meinung nach spielen neben dem Gewicht und der Größe des Reiters auch Faktoren wie das Exterieur des entsprechenden (Island)Pferdes, das reiterliche Können und auch die Dauer bzw Häufigkeit des Reitens eine Rolle. Jedem Pferd sollte nach einer anstrengenden Lektion oder einem langen Ritt ausreichend Zeit zur Rekonvaleszenz gegeben werden, um den Bewegungsapparat möglichst lange gesund zu erhalten. Wirklich problematisch wird es erst dann, wenn das Pferd zeigt, dass die Belastung durch das Reitergewicht doch zu hoch ist. Dann liegt es im Verantwortungsbewusstsein des Reiters die entsprechenden Konsequenzen, also eigene Gewichtsabnahme, Aufbautraining des Pferdes und entsprechende Reduzierung der Reiteinheiten bis hin zum vorübergehenden Komplettverzicht aufs Reiten zu ziehen. Im besten Fall werden der Reiter und das Pferd durch ein beratendes Umfeld von Trainern, Tierärzten, Osteopathen, Physiotherapeuten etc. dabei unterstützt.

Woran erkenne ich als Reiter denn überhaupt, dass mein Pferd Probleme oder gar Schmerzen hat? Nicht immer sind die Anzeichen ja so offensichtlich.

Manchmal äußert sich Schmerzempfinden beim Pferd durch einen plötzlichen Leistungsabfall, Stimmungs- schwankungen, Apathie, Appetitlosigkeit oder ganz einfach durch eine ungewohnte Schweif-, Hals- oder Kopfhaltung. Das Auge und der damit verbundene Blick des Pferdes verraten viel über seinen allgemeinen Gesundheitszustand. Bei Schmerzen wirkt der Blick oft abwesend oder auf die Ferne gerichtet, manchmal auch eher in sich gekehrt und abgestumpft.

Gibt es typische Isi- Probleme, die Ihnen immer wieder begegnen?

Da ich all meine Patienten-Pferde als Individuen betrachte und explizit auf deren Problematiken eingehe, kann ich nicht bestätigen, dass es typische Isi-Probleme gibt. Meines Erachtens spielen hier wie bereits erwähnt der Umgang mit dem Pferd und die Reitweise eine entscheidende Rolle und nicht die Rassezugehörigkeit oder Gangverteilung eines Pferdes.

Abschließend, kann die Osteopathie auch vorbeugend eingesetzt werden oder auch zur allgemeinen Leistungssteigerung? Kann man auch bei Pferden ohne Probleme dadurch z.B. den Tölt verbessern, noch etwas mehr rauskitzeln?

Selbstverständlich kann ein allgemeiner Check durch einen Osteopathen in regelmäßigen Abständen viel zum Wohlbefinden des Pferdes beitragen und diversen Problematiken vorbeugen. Ein gesundes Pferd, welches sich wohl fühlt kann entsprechend gute oder sogar bessere Leistung erbringen. Das gilt für den Tölt natürlich genauso wie für die 3 Grundgangarten. In anderen Ländern, beispielsweise Kanada, haben viele Ställe ihren eigenen fest angestellten „Hof-Osteopathen“, der alle Pferde regelmäßig betreut. Die Tierarztkosten konnten dadurch merklich gesenkt werden.

Danke für das Interview!

Interview: Fleygur
©Bilder: Andrea Dinter