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von Margit Heumann, IPZV Trainerin B und Buchautorin "Ein Hobby mit Konsequenzen"

Die Nadel im Heuhaufen

Es existieren jede Menge Gründe und Zwänge, sein Pferd nicht hinterm Haus zu halten. Kein Problem, sollte man meinen – schließlich gibt es Einrichtungen, die Pferde in Pension nehmen: der benachbarte Reitverein; der Bauer, dessen Landwirtschaft nicht mehr lohnt; der private Pensionsstall; die Reitschule am Stadtrand. Sie leben unter anderem davon, dass es Leute gibt, die ihr Pferd einstellen möchten.

Klingt einfach, ist es aber nicht.

Den richtigen Pensionsstall zu finden, gleicht der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Das Angebot ist groß, kompliziert und unübersichtlich. Keine Anlage ist wie die andere. Sie unterscheiden sich in Reitweisen und Haltungsbedingungen, in Größe und Perfektion, in Pferdefreundlichkeit und Kundengerechtigkeit, in Gemütlichkeit und Exklusivität, in sport- oder freizeitorientiert und im Preis.

Kein verantwortlicher Besitzer will sein Pferd jemand anvertrauen, der nicht entsprechendes Know-how nachweisen kann. Darum sind Sachkenntnis und Erfahrung im Umgang mit Pferden für Pensionspferdehalter unerlässlich. Jeder, der Pferde gewerblich hält, muss mindestens den so genannten Sachkundenachweis vorlegen können. Die Verbände bieten zum Erwerb dieses Scheines Seminare über Haltung, Fütterung, Pflege und Umgang mit Pferden an.

Eine wichtige Voraussetzung ist eine solide Arbeitseinstellung des Stallbetreibers. Pferde sind nicht nur von Montag bis Freitag hungrig, sie wollen am Wochenende genau so versorgt sein und haben auch nach einer durchzechten Nacht des Pferdepflegers ein Recht auf pünktliche Fütterung und geduldigen Umgang. Pensionsställe, in denen das nicht garantiert ist, sind eine Gefahr für die Pferde und eine Zumutung für die Einsteller. Grundsätzlich dürfen Schlamperei, Unzuverlässigkeit und Grobheit im Umgang mit Pferden einfach nicht vorkommen.

Kategorien

Die Bandbreite der Anlagen reicht vom einfachen Unterstand mit Auslauf und Weide in einer privaten Haltergemeinschaft, über Pensionsställe mit Halle und Reitplatz bis hin zum Exklusiv-Boxenstall-Modell mit Außenpaddocks, Führanlage und computergesteuerter Fütterung. Ein Einsteller darf erwarten, dass in einem Reit- und Pensionsstall die Bedürfnisse seines Pferdes und die eigenen Vorstellungen befriedigt werden. Welche Anlage die richtige ist, kann er nur selbst entscheiden.

Mögliche Einteilungen:

Nach der Haltungsform

•  Gruppenhaltung – Laufstall, Offenstall

•  Einzelhaltung – Innenboxen, Außenboxen mit oder ohne Paddock

Nach dem Versorgungsprinzip

•  Pensionsstall – Der Betreiber übernimmt sämtliche Arbeiten rund um Haltung, Pflege, Fütterung des Pferdes (Vollpension)

•  Pensionsstall mit Arbeitsdienst – Der Betreiber übernimmt den Großteil der anfallenden Arbeiten, die Einsteller helfen nach einem bestimmten Einsatzplan mit, z.B. bei Wochenendfütterung, Heu-/Strohlieferungen, Renovierungsarbeiten (Teilpension)

•  Selbstversorger – Der Inhaber stellt den Stall, zeichnet für Gebäude, Futterbeschaffung, Mistentsorgung und Reparaturen verantwortlich, jeder Einsteller übernimmt die täglich anfallenden Arbeiten für sein eigenes Pferd

•  Haltergemeinschaft – Eine Gruppe von Pferdebesitzern findet sich zusammen und teilt sämtliche Arbeit und Kosten untereinander auf

Nach Reitweise, Rasse, Schwerpunkt:

•  Westernstall

•  Klassischer Dressurstall

•  Springstall

•  Wander- /Freizeitreiten

•  Islandpferdehof

•  Therapiehof

•  Reiterferien

•  etc.

Adressen sammeln

Wer sein Pferd in Pension geben möchte, sollte sich erst mal einen Überblick über das Angebot verschaffen. Dazu eignen sich folgende Quellen:

•  Printmedien

Viele Höfe werben mit Inseraten in Pferdefachzeitschriften, Wochen- und Tageszeitungen, Verbandsorganen und sehr häufig in Programmheften von Veranstaltungen.

•  Internet

Wer seine Pferderasse oder Reitweise bei einer Suchmaschine eintippt, wird unzählige Links zu entsprechenden Betrieben finden.

•  Pferdemessen, -veranstaltungen

Größere Reitbetriebe sind auf Messen oder großen Reitsport-Events mit eigenen Ständen vertreten, andere präsentieren sich im Rahmen ihrer Vereine oder legen Prospekte aus.

•  Reitsportgeschäfte

Viele Veranstalter und Ausrichter von Turnieren bekommen die Möglichkeit, ihre Plakate in den Schaufenstern aufzuhängen oder Jahresprogramme auszulegen. Übrigens sind Verkäufer von Reitsportartikeln generell über die regionale Szene bestens informiert.

•  Mundpropaganda

Es lohnt sich immer, sich in seinem reitenden Bekanntenkreis umzuhören. Zufriedene Kunden verbreiten ihre Erfahrungen ebenso wie unzufriedene. Nur ein Stallbetreiber, der besten Service bietet, wird ein gutes Image aufbauen und halten können.

Konkrete Suche

Das Sammeln von Adressen ist der einfachste Teil auf dem Weg zum richtigen Pensionsstall. Schon schwieriger ist die Klärung der eigenen Wunschvorstellungen. Sie weichen unter Umständen ganz erheblich von der Realität ab und müssen dann wohl oder übel korrigiert werden. Anschließend müssen die Betriebe unter die Lupe genommen werden und zum Schluss ist eine Entscheidung fällig.

Im besten Fall wird der ideale Reitstall in nächster Nähe und auf Anhieb gefunden. Im schlimmsten Fall verteilen sich die Pluspunkte auf mehrere Betriebe: Stall A bietet beste Pferdehaltung, Stall B ist mit überaus netten Gleichgesinnten bevölkert und Stall C hat das beste Ausreitgelände direkt am Hof.

Was nun?

Jetzt heißt es Prioritäten setzen. Ganz klar hat die Unterbringung des Pferdes Vorrang, und das nicht nur, weil der Besitzer für dieses Lebewesen verantwortlich ist. Denn was nützt die tollste Reitanlage, wenn das Pferd wegen schlechter Futterqualität ständig Koliken hat oder an chronischer Bronchitis erkrankt? Weniger ausschlaggebend sollte die Entfernung sein; für einen Betrieb, der in punkto Pferdeunterbringung, Schwerpunkt und Reitmöglichkeiten ideal ist, muss man vielleicht eine etwas längere Anfahrt in Kauf nehmen. Das ist auf jeden Fall besser, als den nächstbesten Stall zu wählen, der in wichtigen Punkten überhaupt nicht passt.

Zum Schluss möchte ich eines klar stellen: Den hundertprozentig idealen Stall gibt es nicht. Jeder funktionierende Reitbetrieb, egal welcher Art, ist ein Kompromiss, mit dem alle Beteiligten gut leben können, hoffentlich unter klarer Berücksichtigung der Bedürfnisse des Pferdes.

Die Qual der Wahl

Gibt es eine Möglichkeit, die Qual der Wahl auf ein erträgliches Maß zu reduzieren?

Ich habe es versucht.

Auf der nächsten Seite finden Sie Checklisten, die Ihnen die Suche nach Ihrem Pensionsstall erleichtern sollen. So können Sie alle Höfe nach demselben System unter die Lupe nehmen und miteinander vergleichen.

Checkliste I für Ihre Wunschvorstellungen und die Vorauswahl

Stellen Sie sich folgende Fragen:

Welche Erwartungen habe ich? (Entspannung? Soziale Kontakte? Wettkampf? …?)

Was braucht mein Pferd unbedingt? (Haltung? Weidegang? Extrafütterung? …?)

Welches Versorgungsprinzip? (Komplettbetreuung? Mithilfe? Selbstversorger? …?)

Was erwarte ich als Reiter? (Ausreitgelände? Halle? Unterricht? Wanderritte? …?)

 
Checkliste II für den ersten Rundgang über die Anlage

Verschaffen Sie sich bei einem Besuch einen Überblick über das Angebot von vier bis fünf verschiedenen Betrieben. Sortieren Sie Anlagen, die Ihren Vorstellungen überhaupt nicht entsprechen, sofort aus.

 

Checkliste III für Details der Pferdeversorgung

Machen Sie Termine mit den Betreibern aus und fragen Sie ihnen ein Loch in den Bauch.

 

Checkliste IV für Details über das reiterliche Angebot

Erkundigen Sie sich, ob und wie Sie als Reiter glücklich werden können.

 

Checkliste V für den Kostenvergleich

Vergewissern Sie sich, was im Pensionspreis enthalten ist und was nicht.

Bewerten Sie mit Schulnoten von 1 – 6 oder mit + (sehr gut) / o (mittel) / (schlecht).

Den Artikel einschließlich der Checklisten zum Ausdrucken finden Sie
hier als .pdf Dokument
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