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Erfahrungsbericht

von Eike Koch - Eine wahre Geschichte (leicht geänderter Auszug aus dem Buch „Der Mensch als Leittier“, www.pferderoman.de)

Vom unberechenbaren Alptraum zum absoluten Traumpferd

Petra habe ich durch Zufall kennengelernt, als ich mir eine Weide anschaute. Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte mir von ihrem schwierigen Wallach. Sie besaß ihn jetzt 10 Jahre und konnte ihn nur noch füttern und pflegen, da er sonst unmöglich und gefährlich war. Beim Longieren riss er sich einfach los und rannte weg, bei der Freiarbeit auf dem Platz rannte er so lange er wollte und in der Gangart, die ihm genehm war. Beim Spazierengehen im Gelände, scheute er vor allem und jedem, riss sich los und rannte zum Stall. Beim Ausreiten scheute er, buckelte oder rannte unter einen Baum, um seinen Reiter los zu werden und auf dem schnellsten Weg zum Stall zu gelangen. Petras Narben auf dem Rücken zeugten noch heute davon. Ihn auf dem Platz zu reiten, machte auch keinen Spaß, da er nur da hin ging, wo er wollte. - Aber verkaufen würde sie ihn nie, das stand fest.
Ich hörte sehr interessiert zu und erzählte ihr von meiner Arbeit (Natural Horsemanship) mit den Pferden und den schönen Erfolgen, die sich schnell einstellten unabhängig von Rasse und Alter.
Wir verabredeten uns. Schon beim Putzen und Halftern war der zwölfjährige Rafi sehr ungezogen, stand nicht still, stieß uns ständig mit seinem Kopf weg, hielt den Kopf so hoch, dass wir nicht dran kamen, scharrte mit dem Huf ...
Ich sah ihn mir genau an. Er wirkte nicht böse oder aggressiv, nein im Gegenteil er sah richtig nett aus. Etwas zu füllig vielleicht ...
Okay, wir sperrten den hinteren Teil des Platzes ab und fingen an mit ihm zu arbeiten. Er war sehr unaufmerksam und uninteressiert. Ich musste ständig an der Aufmerksamkeit und mit viel Druck arbeiten, damit er mir überhaupt wich. Er war bocksteif und konnte seine vier Füße nur mühsam sortieren. Sie zu überkreuzen schien ihm unmöglich. Mit schmerzenden Fingern, aber voller Zuversicht beendeten wir die Stunde.
Einmal in der Woche arbeiteten wir intensiv mit ihm und schon bald stellten sich die ersten Erfolge ein. Das Schubsen mit dem Kopf hörte von ganz alleine auf, er reagierte auf Phase 1-3 und wurde zunehmend interessierter und offener für unsere Wünsche. Nachdem der direkte Druck gut klappte, gingen wir in den indirekten über. Es klappte immer besser und Rafi machte freudig mit. Auch die Seitengänge bereiteten ihm immer weniger Schwierigkeiten.
Erst beim lateralen Longieren fiel er wieder in seine alten Muster und riss sich, trotz Knotenhalfter, wenn er keine Lust mehr hatte, los. Leider hatten wir keinen fest eingezäunten Longierzirkel zur Verfügung. Wir verkleinerten den Platz und übten weiter. Da er sich auch vor allem zu fürchten schien, schleppte ich alles Mögliche auf den Platz und arbeitete stark am Vertrauen. Wir übten mit Folien, Plastikbändern, einem Regenschirm, Autoreifen, Tonnen, Gymnastikbällen, Luftballonen, Fahnen, Blechdosen, Zeitungen ...
Und er fasste Vertrauen und wurde richtig lieb und verschmust. Auch sein Gesichtsausdruck hatte sich geändert. Sein Blick war offen und interessiert.
Jetzt war er soweit, dass wir unsere Übungen ins Gelände verlegten. Bei der 2. Stunde riss er sich wieder los, aber das war das einzige Mal. Wir gingen jetzt auch spazieren und bald darauf ritt ich ihn auch mit Begleitung, in Form von Mensch oder Pferd, im Gelände. Ich ließ das Knotenhalften unter der Trense und konnte so beide kombiniert einsetzen. Die ersten Male klemmte er sich direkt an den Vordermann und war sehr unsicher und aufgeregt, aber durch meine Ruhe und den langen Zügeln, beruhigte er sich schnell wieder. Oft sang ich auch, oder sprach mit ihm. Er versuchte nie zu buckeln, sich zu widersetzen, oder unter einen Baum zu rennen. Ihm entging nichts und oft hatte er die Nase wie ein Hund auf dem Boden. Sein Kopf stand nie still. Er musste erst lernen, dass ein Ausritt auch entspannend sein konnte. Für ihn war es immer nur Stress gewesen. Wenn er seine aufgeregten Nasengeräusche machte, lachte ich nur und erklärte ihm was ihm Angst bereitete. Nie musste ich die Zügel für längere Zeit aufnehmen, wenn, dann nur kurz klingeln. Ich lernte ihm, dass er vor der Gefahr nicht weglaufen, sondern stehen bleiben und sie sich in Ruhe anschauen sollte. So standen wir halt am Anfang öfters, aber es wurde mit der Zeit immer besser.
Früher wurde er bei Schrecksituationen an beiden Zügeln festgehalten, hatte kein Vertrauen, spürte Petras Anspannung (später auch Angst) und bekam noch Druck mit den Beinen. Rafi widersetzte sich diesem, es kam zum Kampf, er in den Instinkt, buckelte und flüchte. Je mehr Druck Petra aufbaute, desto heftiger reagierte er. Er wurde mit der Zeit unberechenbar.
Mittlerweile arbeite ich 3-4 Mal die Woche mit ihm und er entwickelt sich zunehmend zum Traumpferd. Unter seinem glänzenden Fell zeichnen sich feste Muskeln ab. Sein schön geschwungener Hals trägt er immer öfters entspannt und letzte Woche hat er das erste Mal auf dem Heimweg im Gelände entspannt geschnaubt!!
Nach einem halben Jahr Bodenarbeit und wenig Reiten (Schritt und Trab), da er sich noch nicht ausbalancieren konnte, bekamen wir einen Bilderbuchgalopp geschenkt. Petra kann es nicht glauben, was ihr Pferd und sie in so kurzer Zeit alles gelernt haben und übt fleißig mit ihm. Mittlerweile reitet auch sie ihn am langen Zügel im Gelände und galoppiert ihn in schönster Manier auf dem Platz. Das Verhältnis von den beiden hat sich sehr gebessert und sie ist stolz und ganz verliebt in ihr schönes, aufmerksames, selbstbewusstes und interessiertes Pferd, das sie und ihre Wünsche respektiert.