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von Heidi Bahl/ FreISI – Frau Rossib blogt – http://fraurossiblogt.me

Besser bewegt durch Körperarbeit beim Reiten

Felden was? Centred Riding – Reiten aus der Körpermitte hatte ich ja schon gehört und auch das Buch von Sally Swift Reiten aus der Körpermitte gelesen. Einige Vorstellungen aus dem Buch nutze ich noch heute manchmal beim Reiten – z.B. die, dass die beiden Beine bis zum Boden reichen oder die Feder, die einen am Gürtel nach oben zieht. Was ich nicht wußte, ist, dass das Centred Riding Erkenntnisse der Alexander Technik integriert. Dabei ist Centred Riding keine Reitweise, sondern kann als laufender Prozess in allen Reitweisen helfen, leichter und harmonischer zu Reiten. Ok – soweit so gut. Letzten Sommer habe ich über diesen Blog und die Stammtische Meike Naendrup aus Sprockhövel kennen gelernt. Sie ist Centred Riding Instructor I und gibt Reitunterricht sowie Kurse für Reiter mit eigenem Pferd. Besonders und interessant ist sicher, dass sie das Centred Riding mit der Feldenkrais Methode kombiniert – ein ganzheitlicher Ansatz für jede Art von Reiter, Reitweise und Pferd.


Meike dazu: Ziel dieser Methode ist absolute Balance, Leichtigkeit und Harmonie zwischen Reiter und Perd. Falsche Bewegungsmuster oder eingeschränkte, verspannte Bewegungsabläufe werden erkannt und in einem individuellen Lernprozess erfährt man einen bewussten Gebrauch seines Körpers. Das Pferd trägt sich mit mehr Leichtigkeit, der Schwung und die Durchlässigkeit werden deutlich erhöht.

Das hört sich prima an, denn ein guter Sitz ist die Grundlage jedes guten Reitens. Sally Swift hat viel mit Visualisierungen gearbeitet (sie war ihrer Zeit weit voraus), man kann sich den Reiter wie bei uns einen Rucksack auf dem Rücken vorstellen – je besser dieser ausbalanciert (gepackt) ist und je besser er auf uns ruht, desto besser können wir ihn tragen. Das ist bei Pferden nicht anders. Sehr oft sieht man leider immer noch Reiter, die ihrem Pferd unmotiviert in den Rücken knallen. Sitzschulung – egal durch wen – sollte eigentlich in jeden guten Reitunterricht gehören. Als ich vor ein paar Jahren wieder mit Reiten angefangen habe, auf einem wirklich perfekt ausgebildeten Quarter Horse (Europameister im Pleasure, u.a.) habe ich die ersten Unterrichtsstunden an der Longe verbracht, um den Sitz wieder zu perfektionieren. Auch heute finde ich Einheiten, wo man “nur” Sitzen übt unheimlich wichtig und mache das auch regelmäßig – auch und vor allem zum Wohle des Pferdes. Genauso wie Bodenarbeit – warum nicht mal eine Reitstunde in so etwas “investieren”? Doch zurück zu Sally Swift und Co.

Mich interessieren natürlich auch immer die Geschichten dahinter. Wer war Sally Swift? Was hat sie bewogen, diese Techniken aufs Reiten umzusetzen. Und die beiden anderen? Ich weiß von Herrn Alexander genauso bisher nur den Namen wie von Herrn Feldenkrais. Daher habe ich mal ein bisschen nachgelesen….

Fangen wir natürlich mal mit der Dame in unserem Trio an:
Sally Swift war eine amerikanische Reiterin, die seit ihrem 7/8. Lebensjahr unter der Wirbelsäulenverkrümmug “Skoliose” litt und daher u.a. nach der Alexander Technik trainierte. Da sie Pferde liebte, durfte sie unter Ermutigung einer ihrer Trainerinnen, Mabel Todd, mit dem Reiten anfangen, da Reiten beide Körperhälften gleichmäßig trainiert. Interessanterweise ist Mabel Todd die Begründerin der sogenannten Idiokinese -Ideokinese ist die Kraft der Vorstellung mit der wir Haltungs- und Bewegungsmuster umgestalten. Sie war eine Bewegungs-Pionierin, die bereits in den 1930er Jahren eine Verbindung von Körper, Geist und Bewegung herstellte.

Sally Swift gründete später, erst mit rund 60 Jahren, als sie selbst wieder Reitunterricht gab, die Centred Riding Inc – hier findet man alle Zahlen, Daten und Informationen; auf dieser schweizer Seite Wissenswertes über Sally Swift. Ihr erstes Buch “Reiten aus der Körpermitte” brachte sie erst im Ruhestand mit rund 71 Jahren heraus und war beim zweiten Teil 80 Jahre alt. Wer wünscht sich so etwas nicht. Sicherlich ein Argument auch oder gerade mit “Zipperlein” diese Ergänzungen zur eigenen Reitweise auszuprobieren.

Mehr über den Hintergrund der Alexander Technik erfährt man auf der Website des Alexander Technik-Verband Deutschland e.V. Interessant finde ich folgendes Zitat “Veränderung bedeutet, entgegen einer lebenslangen Gewohnheit zu handeln” (Frederik Matthias Alexander). Die Alexander-Technik ist eine erlernbare Fähigkeit, besser mit sich selbst in den unterschiedlichsten Tätigkeiten und Lebenssituationen umzugehen. Sie kann unabhängig von Alter und persönlichen Voraussetzungen erlernt und lebenslang im Alltag und in den eigenen Interessensgebieten angewendet werden. Alexander definierte schon damals den Körper als Einheit aller geistigen, seelischen und körperlichen Prozesse.

Die Feldenkrais Methode ist nach ihrem Begründer, Moshé Feldenkrais, benannt. Er war Physiker mit einer Leidenschaft für Judo (1936 einer der ersten schwarzen Gürtel in Europa. Seine Lehre befasst sich mit dem “organischen Lernen”. Was das ist? Ja, das habe ich mich auch gefragt. “Organisches Lernen” ist das, was wir als Kinder gelernt haben – Sitzen, Krabbeln, Gehen, Laufen, später Fahrrad fahren. Feldenkrais wird in Einzelstunden “Funktionale Integration” und in Gruppenstunden “Bewusstheit durch Bewegung”gelehrt. Zu diesem komplexen Thema zitiere ich den FVD – Feldenkrais Verband Deutschland: “Feldenkrais ist wahrscheinlich die einzige Lernmethode, die sich systematisch mit dieser Art des Lernens befasst. Damit können wir die Grundlagen unseres Denkens, Fühlens, Wahrnehmens und Handelns erreichen, und unser Potenzial erweitern. Die Art und Weise, wie wir das Thema Lernen angehen, ist sehr „unakademisch” – wir nutzen Bewegung als Medium.“

Zitat Moshé Feldenkrais: „….das Unmögliche möglich, das Mögliche leicht, und das Leichte elegant machen.”

Gemeinsam ist allen drei Methoden (Centred Riding, Alexander Technik und Feldenkrais), dass sie ihren Ursprung in der Beschäftigung mit der eigenen Person und einem “Gebrechen” haben. F.M. Alexander (1869-1955) hatte Stimmprobleme, was für ihn als Rezitator und Schauspieler ein Problem darstellte, genau wie der Kreuzbandriss von Moshé Feldenkrais (1904-1984), der ihn als Physiker wohl weniger behinderte als als Judokämpfer und Mabel Todd hatte nach einem schweren Unfall selbst Bewegungsprobleme. Alle erreichten zu einer Zeit, wo alternative Heilmethoden überhaupt noch nicht allgemein bekannt und anerkannt waren, die Funktionen ihres Körpers wieder zurück und das auf gute Art und Weise. Zeitlich entstand die Alexander Technik ca. 1900, die Idiokinese ca. 1915, die Feldenkrais Methode ca. 1935. (Quelle: Somagogische Methoden, Wolfgang Steinmüller ).

Hierzu nochmal Meike Naendrup: “Der Körper verändert sich durch Erziehung, Erfahrungen und Unfälle, etc. Dadurch bilden sich Blockaden und eingeschränkte Bewegungsmuster, die durch Körperarbeit gelöst werden können. Dies trifft natürlich auch auf die Abläufe beim Reiten zu. Im Feldenkrais schlägt man dem Körper langsam andere Bewegungsabläufe vor. Dabei liegt die Betonung auf langsam – was vielen von uns heute sehr schwer fällt. Ab wann denke ich die Bewegung – ab wann mache ich die Bewegung bewusst. Wo fängt meine Bewegung an und wie verläuft sie dann durch meinen Körper. Wenn ich zum Beispiel meinen rechten Arm hebe. Beginnt die Bewegung in der Hand oder in der Schulter? Und welche Körperregionen sind an der Bewegung beteiligt? Es ist erstaunlich, es bewegt sich so einiges! Ein komplexes Zusammenspiel. Eine detailreiche Arbeit in Achtsamkeit aus der ein hoher Grad an Leichtigkeit erreicht wird. Man spürt bewusst, wie sich der Körper bewegt. Dabei lernt der Körper alte Bewegungsgewohnheiten abzulegen, um Platz für leichtere, den Körper weniger anstrengende Bewegungen zu machen. Diese anderen Reize und die Achtsamkeit nimmt man in den Alltag und auch ins Reiten mit. Die Arbeit mit Menschen und Pferden macht mir unglaublich viel Spaß- den Reitern über Bewegung einen anderen Zugang zum Pferd zu vermitteln.”

Viel Erfolg und Spaß!