.

 

 

.
Sie sind hier: Artikel ->Islandpferde selbst ausbilden – (k)eine gute Idee?

von Margit Heumann, IPZV Trainerin B und Buchautorin "Ein Hobby mit Konsequenzen"

Islandpferde selbst ausbilden – (k)eine gute Idee?

Dies ist kein Exkurs über die verschiedenen Ausbildungssysteme und kein Rezept für die richtige Durchführung. Hier wird weder die Do-it-yourself-Methode hochgelobt oder verteufelt, noch wird der professionelle Beritt als allein-selig-machend oder als Pferdeschinderei dargestellt. Dieser Artikel soll die Entscheidung erleichtern, ob „selbst ausbilden eine oder keine gute Idee“ ist. Checklisten dienen der Erfassung aller relevanten Details.

1. Pferdeverhalten und Selbsteinschätzung

Gene und Umwelteinflüsse prägen jedes Lebewesen. Auch Pferde entwickeln durch Veranlagung und Umwelterfahrungen unterschiedliche Verhaltensweisen. Manche davon erleichtern die Ausbildung, andere erschweren sie. Um ein Pferd selbst auszubilden, darf es keinen schwierigen Charakter haben oder falsch behandelt worden sein. In Checkliste 1 sind positive und negative Eigenschaften aufgelistet, die für bzw. gegen ein „Selbst ausbilden“ sprechen.

Checkliste 1

Pferdeverhalten

Selbst ausbilden ...

... eine gute Idee

.... keine gute Idee

 

gutes Nervenkostüm

 

extrem schreckhaft

 

Gesundheit

 

übernervös

 

artgerecht aufgewachsen

 

Durchgänger

 

Menschen gewohnt

 

falsch behandelt

 

optimaler Futterzustand

 

verwöhnt

 

artgerecht gehalten

 

extrem scheu

 

gute Erziehung

 

krank

 

gute Ausbildung

 

verritten

 

  Nun folgt die persönliche Gewissenserforschung:

Die Tabelle enthält diverse menschliche Eigenschaften zum Ankreuzen. (Wer Probleme bei der Selbsteinschätzung hat, kann sehr gut Familie und Freunde befragen!)

Checkliste 2

Selbsteinschätzung

Selbst ausbilden ...

... eine gute Idee

.... keine gute Idee

 

Selbstsicherheit

 

Reizbarkeit

x

Belastbarkeit

x

Nachgiebigkeit

x

Geduld

 

beruflicher und/oder privater Stress

x

Konsequenz

 

Gesundheitsprobleme

x

Disziplin

 

voller Terminkalender

x

körperlich topfit

x

spontan

x

reichlich Freizeit

x

Bedenken

x

Selbstbeherrschung

 

impulsiv

 

 

Es ist ziemlich eindeutig: die Eigenschaften der linken Spalte machen einen wirklich guten Pferdeausbilder aus, die in der rechten Spalte sind eher kontraproduktiv. Am besten wäre links alles und rechts gar nichts angekreuzt. Aber: Nobody is perfect! Auf jeden Fall sollten links mindestens doppelt so viele Kreuzchen sein wie rechts. Sind in der rechten Spalte mehr Eigenschaften markiert, ist der Plan vom Selbst-Ausbilden definitiv keine gute Idee.

Wenn die grundsätzliche Eignung feststeht, geht es als nächstes um die reiterlichen Fähigkeiten. Wer bisher zwar gut, aber nur freizeitmäßig im Gelände geritten ist, kann keinen Rennpasser ausbilden. Ein Reiter ohne reichlich Tölterfahrung auf unterschiedlichen Pferden darf kein Gangpferd trainieren. Wer immer nur ein und dasselbe ältere Pferd reitet, sollte kein Jungpferd anreiten.

Als Faustregel gilt: Um ein Pferd auszubilden, braucht es einen sehr guten, vielseitigen und routinierten Reiter, für den das angestrebte Ausbildungsziel nur eine leichte bis mittlere Anforderung ist.

Ob „Selbst ausbilden (k)eine gute Idee“ ist, kann ich nur an einem Beispiel demonstrieren. Voraussetzungen, Aufgaben und Ziele sind von Pferd zu ‚Pferd und von Mensch zu Mensch zu unterschiedlich.

Ich gehe also von einem Reiter aus, der – sagen wir –

•  fünf Jahre lang auf Schulpferden Reitunterricht erhalten hat

•  seit weiteren fünf Jahren ein eigenes Pferd besitzt

•  rein freizeitmäßig ohne Turnierambitionen reitet

•  trotzdem regelmäßig Reitunterricht nimmt

•  mehrmals wöchentlich reitet

•  allein und in der Gruppe reitet

•  in Gelände und Bahn reitet

(Nicht ohne Grund steht hier viermal „reitet“! Intensives Reiten ist die ultimative Voraussetzung!)

Und das neue Pferd ist – sagen wir –

- eine Stute

- drei- bis vierjährig

- kaum geritten

- an Menschen gewöhnt

 

2. Ausbildungsziel festlegen

Was braucht das Pferd? Was wünscht sich der Reiter? Beide Aspekte müssen unter einen Hut gebracht werden. Ein verantwortungsvoller Reiter wird sich an den Bedürfnissen des Pferdes orientieren und seine eigenen Wünsche zurückschrauben. Nur so wird er es erfolgreich ausbilden können.

Die linke Spalte der Checkliste enthält die Schritte auf dem Weg zum Ausbildungsziel, das – wichtig! – die reiterlichen Fähigkeiten weit unterschreiten muss. Die rechte Spalte ist für die Wunschvorstellungen gedacht.

In einem zweiten Durchgang werden die Einträge nochmals überprüft und angekreuzt, was praktisch machbar ist.

In meinem Beispiel muss die junge Islandstute die Grundausbildung durchlaufen. Der Reiter hat keine unrealistischen Vorstellungen, aber auf die Teilnahme an Wanderritten wird er noch eine Weile warten müssen. Checkliste 2 könnte so aussehen:

Checkliste 3

Ausbildungsziel festlegen

Selbst ausbilden ...

… eine gute Idee

… keine gute Idee

x

Vertrauen

x

Geländereiten

x

Gehorsam

 

Wanderritte

x

Umgänglichkeit

 

 

x

Anreiten

 

 

x

Reiten in den Grundgangarten

 

 

x

Gewöhnung an Gelände, Straßen

 

 

x

Reiten allein und in der Gruppe

 

 

x

Dressurgrundlagen

 

 

x

Grundkondition

 

 

 

 

 

 

Ausbildungsziel: Grundausbildung

 

3. Voraussetzungen überprüfen

Pferd, Reiter und Infrastruktur müssen bestimmte Bedingungen erfüllen, um eine erfolgreiche Ausbildung zu ermöglichen.

Für jeden Bereich gibt es getrennte Checklisten. Im ersten Durchgang werden die wünschenswerten Bedingungen links und die kontraproduktiven rechts eingetragen. Anschließend folgt das Ankreuzen der tatsächlich vorhandenen Voraussetzungen.

Sollten Mängel festgestellt werden, muss überprüft werden, ob Abhilfe möglich ist. Entsprechende Maßnahmen können die eine oder andere Einschränkung wettmachen. Solche Vorhaben werden unter „Voraussetzungen verbessern durch ...“ eingetragen.

In unserem Beispiel bestehen sie darin, sich und dem Pferd noch etwas Zeit für Beobachtung und Eingewöhnung zu geben, bevor mit der Arbeit begonnen wird.

Checkliste 4A

Voraussetzungen Pferd

Selbst ausbilden ...

... eine gute Idee

.... keine gute Idee

x

nervenstark

 

extrem ängstlich und schreckhaft

x

gesund

 

überschäumendes Temperament

x

artgerecht aufgewachsen

 

falsch gehalten

 

eingewöhnt

x

noch fremd in Stall und Herde

 

kennt mich bereits

x

völlig unbekannt

 

Voraussetzungen verbessern durch ...

 

intensive Beobachtung des Verhaltens in der Herde und gegenüber Menschen

 

Umgang mit dem Pferd bei Stallarbeit und Fütterung

 

akklimatisieren lassen

 

 

 

Checkliste 4B

Voraussetzungen Reiter

Selbst ausbilden ...

 

... eine gute Idee

 

.... keine gute Idee

x

solide fortgeschrittener Reiter

 

Reitanfänger

x

intensives Reiten, Routine

x

reite nur „mein“ Pferd

x

Umgang mit diversen Pferden

 

wenig Umgang mit anderen Pferden

 

Reiten auf unterschiedlichen Pferden

 

chronischer Zeitmangel

x

reichlich Zeit zum Reiten

x

wenig Hintergrundwissen

 

praktisches/theoretisches Wissen

 

Bedenken, Angst

 

Voraussetzungen verbessern durch ...

 

fehlendes theoretisches Wissen aneignen (Kurse, Seminare, Fachliteratur)

 

möglichst viele möglichst unterschiedliche Pferde reiten

 

 


Checkliste 4C

Voraussetzungen Infrastruktur

Selbst ausbilden ...

... eine gute Idee

.... keine gute Idee

x

sicherer Anbindeplatz

 

kein eingezäunter Platz

x

Longiermöglichkeit (Zirkel)

x

kein Helfer

x

eingezäunter Reitplatz

x

kein zuverlässiges Begleitpferd

 

Helfer mit Pferdeerfahrung

 

ziemlich schwieriges Gelände

x

zweckmäßige, gepflegte Ausrüstung

 

befahrene Straßen unvermeidlich

x

risikoarmes Gelände in Hofnähe

 

defekte/provisorische Ausrüstung

 

zuverlässiges Begleitpferd

 

keine ruhigen Zeiten auf der Anlage

x

ruhige Stunden nutzbar

 

Reitkappen-Muffel

x

Reitkappe selbstverständlich

 

...

 

Voraussetzungen verbessern durch ...

 

kompetenten Helfer suchen

 

verschiedene Begleitpferde testen

 

 

 

4. Checklisten auswerten

Nach allen Verbesserungsmaßnahmen sollten in allen Tabellen mindestens dreimal so viele Kreuzchen sein wie auf der Negativseite. Dann, aber nur dann, hat „Selbst ausbilden“ eine echte Chance.

5. Ausbilden


Vorbereitung

Ein Konzept in Stichpunkten enthält die aufeinander folgenden Schritte bis zur Erreichung des Ausbildungsziels. Jeder einzelne davon darf praktisch und theoretisch höchstens eine leichte bis mittlere Anforderung für den Reiter darstellen. Als nächstes erfolgt die Erstellung eines realistischen Zeitplans . Pferdeausbildung sollte regelmäßig und mehrmals wöchentlich stattfinden, idealerweise außerhalb der Fütterungszeiten, außerhalb hektischer Betriebsamkeit auf der Anlage (andere Pferde, Bereiter, Reitschüler), ohne beruflichen oder privaten Zeitdruck. Für die Dauer der Ausbildung gibt es leider kein Rezept. Jedes Pferd ist anders, jeder Mensch auch, es dauert eben so lange es dauert. Sind alle benötigten Anlagebereiche zweckmäßig und sicher? Durch die einzelnen Ausbildungsschritte sind die Ausrüstungsmaterialien bereits vorgegeben, sie müssen zweckmäßig und gepflegt sein. Wird ein Helfer gebraucht? Er sollte kompetent im Umgang mit Pferden sein und frühzeitig informiert werden. Durchführung Und nun wird das Konzept Schritt für Schritt in die Tat umgesetzt. Es ist wichtig, sich an den Zeitplan zu halten – auch wenn das nicht immer leicht ist. Dagegen muss die Umsetzung der einzelnen Schritte flexibel bleiben. Das Pferd soll mit Interesse bei der Sache sein, darf weder über- noch unterfordert werden. Seine Reaktionen bestimmen das richtige Maß von Arbeit und Fortschritt. Wiederholungen müssen abwechslungsreich und möglichst sinnvoll für das Pferd gestaltet werden. Ausgiebiges und pferdegemäßes Lob ist wichtig, über die anfangs nicht perfekte Ausführung kann man großzügig hinweg sehen. Der nächste Ausbildungsschritt wird erst in Angriff genommen, wenn der aktuelle wirklich sitzt und abrufbar ist. Kann sein, manches geht schneller als geplant, anderes wird schwieriger sein als vorgesehen. Wenn etwas gar nicht funktioniert, sollte der Fehler nicht beim Pferd gesucht werden sondern die Aufgabe kreativ neu gestaltet werden, dass sie dem Pferd fast keine Wahl lässt (neue Anordnung, Helfer einsetzen, anderer Ort, etc.). Manchmal ist es nötig, in der Ausbildung einen Schritt zurück zu gehen, die Grundlagen zu überprüfen und zu festigen, um dadurch zu positiven Resultaten zu kommen. Niemals darf man sich auf ein Kräftemessen einlassen. Das Pferd ist allemal stärker als der Mensch und wird in einem Zweikampf immer siegen. Unser Kopf ist zwar kleiner als der des Pferdes, aber unser Gehirn ist größer! Es ist unsere Aufgabe, die Ausbildung so zu gestalten, dass das Pferd die Anforderungen verstehen und ausführen kann. Wer auf diese Weise mit dem Pferd arbeitet, kommt ohne Strafen aus. In der Ausbildung ist selten Ungehorsam der Grund für Probleme sondern meist Nicht-Verstehen. Gestraft werden darf nur, wenn es sich – später mal - offensichtlich widersetzt, und auch dann möglichst pferdegemäß (Herdenverhalten!)und nur unmittelbar – innerhalb einer Minute – nach dem Ungehorsam. Nicht nach fünf Minuten und auf keinen Fall im Zorn! Es ist besser, das Training für diesmal abzubrechen als ungerecht zu bestrafen. Und sollte es öfter nötig sein, das Training – aus welchem Grund immer –abzubrechen, dann war das Projekt „Selbst ausbilden“ keine gute Idee! Der Reiter hat sich offensichtlich falsch eingeschätzt und sollte schleunigst die Konsequenzen ziehen. Daher mein Appell: Wenn es so ist, • dass eine der Checklisten ein negatives Ergebnis bringt, • dass sich an der persönlichen Situation etwas ändert, was Checkliste 3B negativ beeinflusst, - dass das Pferd schwieriger ist als erwartet, - dass das Talent des Pferdes die reiterlichen Fähigkeiten übersteigt, • dass es zu lange dauert, • dass es an einem bestimmten Punkt stagniert, • dass die Lust abhanden kommt, auch ohne Angabe von Gründen, • dann ist es Zeit, das Pferd nicht (weiter) selbst auszubilden sondern es in Beritt zu geben. Das ist die einzig richtige und klügste Lösung, und Pferd und Reiter werden davon profitieren.

Den Artikel und die Checklisten zum Ausdrucken finden Sie hier als .pdf Dokument.