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Tonys Interviewecke

 

"Islandpferde und Arbeit am langen Zügel"

Interview von Veronika Raithel mit Vera Munderloh

Frau Munderloh ist seit vielen Jahren bei Anja Beran auf Gut Rosenhof Bereiterin und Ausbilderin. Neben dem Reiten beherrscht sie auch ein Fach, dass zwar immer öfter wieder mal in den Diskussionen an den Ställen auftaucht, was aber kaum einer richtig kann: die Arbeit am langen Zügel.
Das macht auch den so und so schon sehr neugierigen Ponyreporter noch neugieriger.


Tony: Liebe Frau Munderloh, was genau soll ich mir denn unter der Arbeit am langen Zügel vorstellen bzw. worin unterscheidet sich die von der Arbeit an der Hand?

Frau Munderloh: Bei der Arbeit am Langen Zügel geht der Reiter ganz nah an den Hinterbeinen des Pferdes. Das Pferd ist nur auf Trense gezäumt und wird mittels eines verlängerten Zügels und der unterstützenden Gerte dirigiert. Am langen Zügel zeigt das Pferd nur die Lektionen, die es schon gelernt hat.
Die Arbeit an der Hand ist im Gegensatz dazu hilfreich, um dem Pferd etwas beizubringen, sei es das Verständnis für die Hilfen oder das Erlernen von Lektionen. Die Handarbeit ist eine gute Vorbereitung für die Langzügelarbeit, da man hier schon mal die Kommunikation aufbauen oder verfeinern kann, die man später am Langen Zügel braucht. Hier ist man nämlich relativ eingeschränkt in seinen Möglichkeiten, Einfluss auf das Pferd zu nehmen.

Tony: Die Arbeit am langen Zügel gibt es schon sehr lange Zeit. Auf den alten Abbildungen sieht man immer die schicken großen, ist das denn auch was für uns kleinere Pferde?

Frau Munderloh: Ja, auf jeden Fall! Es ist sogar leichter, wenn das Pferd nicht zu groß ist, sonst müsste der Reiter im Trab und Galopp laufen und könnte nicht mit langen Schritten hinter dem Pferd hergehen. Zum einen kann man so die Hilfen nicht präzise geben, zum anderen zerstört es den Eindruck einer mühelosen und harmonischen Vorführung, wenn der Reiter hinter dem Pferd herrennt.
Arbeitet man allerdings ein extrem kleines Pferd am Langen Zügel muss man ausnahmsweise einen Longiergurt verwenden, da sonst der Zügel zu weit nach oben einwirken würde oder der Reiter immer die Hände herunterdrücken müsste.

Tony: Welche Voraussetzungen müssen das Pferd, welche der Reiter erfüllen?

Frau Munderloh: Der wichtigste Aspekt ist die Sicherheit. Da man ja im Bereich der Hinterbeine agiert, sollte man sein Pferd genau kennen und schon eine gute Vertrauensbasis haben. Das Pferd sollte auf keinen Fall zum Schlagen neigen. Hier ist zum Beispiel die Arbeit an der Hand gut um herauszufinden, wie die Reaktion an der Gerte ist. Zeigt es auch nach ausreichender Gewöhnung immer wieder Abwehrreaktionen, dann sollte das Pferd auf gar keinen Fall am Langen Zügel gearbeitet werden.
Das Pferd sollte schon relativ weit ausgebildet sein, sodass es schon versammelt traben und galoppieren kann, damit das Tempo für den mitlaufenden Mensch nicht zu hoch gewählt werden muss. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass das Pferd unbedingt gut vorwärts gehen muss. Es ist schon bei einem reell vor den Hilfen gehendem Pferd schwierig, den Zug nach vorne am Langen Zügel zu erhalten. Hat man ein verhaltenes Pferd, das immer wieder versucht sich hinter die Hilfen zu entziehen, so sollte man mit der Langzügelarbeit noch warten. Muss man so ein Pferd zu stark antreiben, würde man unter Umständen auch ein Ausschlagen riskieren.
Auf diesem Ausbildungsstand sollte es selbstverständlich sein, dass das Pferd schon relativ geradegerichtet ist und eine gute Selbsthaltung aufweist. Beides ist in der Position hinter dem Pferd schwer zu korrigieren und muss bei Problemen in der Arbeit unter dem Sattel oder an der Hand behoben werden.
Der Reiter sollte sportlich genug sein, um mit dem Pferd Schritt zu halten. Er sollte Handschuhe und festes Schuhwerk tragen.

Tony: Was muss das Pferd denn schon alles können, damit man sozusagen von der Hand auf den langen Zügel umsteigen kann? Muss man vorher überhaupt schon an der Hand gearbeitet haben?

Frau Munderloh: Für den problemlosen Umstieg ist es auf jeden Fall ratsam, mit dem Pferd vorher an der Hand zu arbeiten. Es ist anfangs schwierig genug für das Pferd überhaupt zu verstehen, was der Reiter von ihm möchte, wenn er auf einmal an den Hinterbeinen mitgeht. Da sollte man schon vorher eine gemeinsame Sprache aufgebaut haben, um dem Pferd zu helfen.
Bei der Arbeit an der Hand muss das Pferd gelernt haben im Schritt anzugehen, anzutraben und wieder durchzuparieren, gerade am Hufschlag zu halten und rückwärts zu gehen. Das muss alles mittels Stimmhilfe und leichter Unterstützung der Gerte funktionieren.
Erarbeitet man auch noch die Seitengänge an der Hand, hat man hiermit ein weiteres Mittel um dem Pferd die Hilfengebung ohne Gewicht und Schenkel näherzubringen.

Tony: Was sind denn so die allerersten Übungen, die Sie mit den Pferden als Einstieg in die Arbeit mit dem langen Zügel machen?

Frau Munderloh: Eine große Schwierigkeit ist erstmal, dass das Pferd überhaupt losgeht! Hier kann man sich auch von einer zweiten Person unterstützen lassen, die das Pferd anführt und sich dann allmählich immer weiter entfernt. Wenn man das geschafft hat, geht es darum, gerade am Hufschlag zu bleiben. Ist das erreicht, ist die nächste Hürde, wieder vom Hufschlag abzuwenden. In diesem Stadium sollte man viele Hufschlagfiguren im Schritt und Trab reiten (man sagt traditionellerweise auch bei der Arbeit am Langen Zügel „Reiten“, da es näher am Reiten, als am Führen ist). Ganz wichtig sind auch Tempounterschiede in der Gangart, um den Zug nach vorne zu erhalten.
Klappt das, kann man schon mit den Seitengängen beginnen.

Tony: Liebe Frau Munderloh, herzlichen Dank für die Informationen! Jetzt muss ich da sicher auch ran… mal sehen, wie weit wir kommen.

 

Vera Munderloh

Vera Munderloh aus Hessen ist seit vielen Jahren bei Anja Beran auf Gut Rosenhof als Ausbilderin tätig. Vom Anreiten der Remonten, sowie in der weiterführenden Ausbildung, bis hin zu den höchsten Lektionen wie Piaffe, Passage oder Eintempiwechsel konnte sie weitreichende Erfahrungen sammeln. Inzwischen bildet sie selbstständig Pferde bis zur höchsten Stufe aus. Pädagogisches Geschick, sowie ihre reichhaltige Praxis ermöglichen es ihr, differenzierten Reitunterricht zu erteilen.

Weitere Infos unter:
www.anjaberan.de/

Interview: Veronika Raithel