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Interview mit Stefanie Stöcker von Showisi

Stefanie Stöcker saß schon als Kind häufig auf dem Pferd, bis sie dann mit 11 Jahren richtig mit dem Reiten auf Großpferden begann. Besonders große Begeisterung entwickelte sie für die Dressurarbeit und die Hohe Schule. Nach einiger Zeit lernte sie dann Islandpferde kennen und ist seither begeistert von dieser Rasse. Sie nahm Unterricht und besuchte Kurse bei verschiedenen Ausbildern. Seit 2002 gibt sie selbst Unterricht und Kurse. 2007 machte sie ihren IPZV-Trainer C und begann sich mehr mit dem Thema Horsemanship zu beschäftigen, denn die freie Arbeit mit den Pferden faszinierte sie. So begann sie ihr Pferd nur auf Halsring auszubilden. Heute beherrscht es alle Lektionen auch ohne Sattel und Trense. Respekt und Vertrauen sind für sie die Grundlage für einen harmonischen Umgang mit dem Pferd. Diese Philosophie vermittelt sie in ihren Kursen.
Zu ihrem Team gehören dabei ihre beiden Pferde Björn und Menor, die Showisis, mit denen sie ihre Auftritte hat. Wir hatten eine Show von Stefanie gesehen und wollten mehr über ihre Arbeit mit ihren Pferden erfahren.

Stefanie, wann und warum bist Du zur zirzensischen Arbeit gekommen?

Mir war schon immer das Miteinander mit dem Pferd wichtig. Schon als Kind stand für mich nie das Reiten an erster Stelle, ich konnte mich stundenlang so mit den Pferden beschäftigen, sei es beim Putzen, Versorgen der Pferde oder sie einfach nur beobachten. Deshalb gefiel es mir auch nie in den klassischen Reitställen, wo die Warmblüter meist in kleinen Boxen gehalten wurden, kaum auf die Weide kamen und meist mehrere Stunden am Tag ausgebunden in der Reithalle im Unterricht verbrachten. Die Tiere zeigten dann auch deutliche Verhaltensaufälligkeiten, manche wurden aggressiv, andere resignierten. Je mehr ich die Pferde lernte zu verstehen, desto weniger wollte ich noch dorthin. Durch eine Freundin kam ich auf einen Ponyhof, der Islandpferde hatte. Diese lebten ganzjährig auf der Weide und im Offenstall. Das Temperament, die Verlässlichkeit, die Ausdauer und der unbändige Freiheitsdrang dieser Rasse beeindruckte mich. Ich hatte dann auch einen Isländer als Reitbeteiligung, den ich später übernahm. Er stand im alten Typ des Islandpferdes, kräftig gebaut und sehr eigensinnig. Er wusste genau was er wollte und was nicht. Mit ihm habe ich viel vom Boden gearbeitet und bin in die Zirzensik gegangen.

Und was hat Dich bewogen so intensiv am Thema dranzubleiben?

Zu jener Zeit besuchte ich mit meinem Isländer einen Kurs in Sachen Zirzensik, da ich neue Ideen bekommen wollte. In dem Kurs nahm der Kursleiter mein Pferd und wollte an ihm zeigen, wie man einem Pferd das Kompliment beibringt. Er machte einen Knoten in die Zügel, legte die Fußlonge an, hob ein Bein meines Pferdes und zog die Fußlonge um den Bauch fest. Das Pferd stand nun auf drei Beinen und der Kursleiter zog am Zügel, damit das Pferd ins Kompliment runter ging. Dies tat mein Pferd aber nicht, sondern stieg. Der Trainer meinte dann nur, da müsste man sich durchsetzen. Er probierte es eine halbe Stunde lang, doch mein Pferd war nur am Steigen und dachte nicht daran, ins Kompliment zu gehen. Der Kursleiter wurde richtig sauer, drückte mir irgendwann mein Pferd in die Hand und meinte zu mir: „Das musst du jetzt so weiter üben, bis der nachgibt“. Für mich war der Kurs dann schon gelaufen, bevor er richtig angefangen hatte. So wollte ich jedenfalls nicht mit einem Pferd arbeiten. Was der Kursleiter nicht verstanden hat und ich erst später, ist, dass ein Pferd, was den Rücken wegdrückt und sich fest macht, nicht ins Kompliment gehen kann ohne dass es Schmerzen hat. In den kommenden Jahren habe ich mich viel mit dem Verhalten von Pferden beschäftigt, habe viel von ihnen gelernt und Biologie an der Universität Bonn studiert. Ich bin seit 2010 Diplom Biologin, habe die Promotion im Institut für Genetik an der Universität Bonn angeschossen und meine Dissertation im August 2015 abgegeben.

Wenn Du heute mit Deinen Pferden auftrittst, sieht Deine Show mit ihnen total leicht aus. Wie ist das für Dich und war es auch so leicht für Dich dorthin zu kommen?

Der Weg dahin war nicht leicht, und damit meine ich jetzt nicht die Arbeit mit den Pferden. Denn die macht mir unheimlich viel Spaß. Ich bin nur kein Mensch der gerne im Rampenlicht steht, ich finde das unheimlich anstrengend und fühle mich auch nicht sicher in dieser Situation (ich habe aber gelernt mir es so gut es geht nicht anmerken zu lassen). Sollten aber dann noch ungeplante Sachen passieren, fällt es mir richtig schwer, noch zu reagieren und zu funktionieren. Meine Pferde mussten erstmal lernen, dass ich bei Auftritten „anders“ bin als zu Hause, wenn wir alleine sind. Björn ist mir da sehr ähnlich, er steht auch nicht gerne vor so vielen Menschen. Menor, mein junger Aegidienberger-Hengst, ist da das komplette Gegenteil. Er lieb es, sich zu präsentieren und sich vor dem Publikum zu zeigen.  Wir drei sind ein gutes Team und bekommen die Auftritte, denke ich, mittlerweile meist ganz gut hin. Jeder von uns hat seine Stärken und Schwächen, wir versuchen uns gegenseitig zu helfen und ergänzen uns prima.

Hattest Du denn Vorbilder und bei wem hast Du die Arbeit gelernt?

Ich habe ganz viel von den Pferden selber gelernt, sie sind die besten Lehrer. Dazu kommt viel Intuition. Mir fällt es leicht mich auf ein Pferd einzustellen, sie zu verstehen, mich in sie hinein zu versetzen. Das gelingt mir bei Menschen zum Beispiel nicht. Ihre Mimik, Gestik und Emotionalität sind für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Deshalb achte ich, wenn ich unterrichte, auch immer ganz genau auf das Pferd. An ihm kann ich erkennen, was der Mensch falsch macht und kann den Menschen dann diesbezüglich korrigieren. Wenn ich Leute, die bei mir in den Kursen waren oder sich mit mir unterhalten haben, nicht wieder erkenne, bitte nicht böse sein: Ich kann mir keine Gesichter merken. Mich dann einfach anzusprechen und zu sagen, woher wir uns kennen, das hilft mir ungemein weiter. Pferde agieren über eine ganz klare Körpersprache miteinander, sie haben eine faszinierende nonverbale Kommunikation. Besonders von meinem Islandwallach Björn habe ich viel gelernt. Er ist mein großes Vorbild.

Auf Deiner Webseite schreibst Du gleich vorn: "Das können auch Sie mit Ihrem Pferd erreichen!" Welche Voraussetzungen sollten denn Reiter und Pferde mitbringen, um einzusteigen und dann auch dranzubleiben?

Voraussetzungen gibt es eigentlich keine. Es braucht nur einen Menschen, der gewillt ist, seinem Pferd zuzuhören und bereit ist, vielleicht auch etwas an sich selber zu arbeiten. Man muss beim Pferd schauen, ob es gesundheitliche Einschränkungen gibt, so dass man mache Lektionen besser weg lässt. Aber es gibt so viele verschiedene Lektionen, dass für jedes Pferd und jeden Menschen etwas dabei ist.

Sehr viele Islandpferdefreunde haben ja die Fortsetzungsserie „Zirkuslektionen erlernen“ im Islandpferd gelesen und vielleicht auch einiges davon ausprobiert. Inwieweit kann man Zirkuslektionen aus Zeitschriften/ Büchern lernen und wo siehst du Grenzen?

Ich denke es ist schwierig, nur aus Zeitschriften/Büchern zu lernen. Diese können nicht individuell auf das Pferd und den Menschen eingehen. Dies sollte ein guter Trainer tun, die individuelle Problematik sehen und darauf eingehen. Ich mache es auch immer in meinen Kursen/Unterricht so, dass ich selber mit den Pferden meiner Schüler die Übungen mache, um zu zeigen, dass ich den Leuten nicht einfach nur was erzähle, sondern es wirklich funktioniert, wenn man es richtig umsetzt und das Pferd einen versteht. Ich versuche den Leuten meine Sichtweise zu zeigen.

Wie oft sollte man denn trainieren und wie lange?

Das muss man immer ganz individuell entscheiden und kommt aufs Pferd und den Menschen an. Man kann die Lektionen auch gut in einen Spaziergang oder später, wenn das Pferd die Sachen auch unter dem Reiter beherrscht, in den Ausritt mit einbauen. Da gibt es keine Grenzen. Ich bin mit meinen Pferden am liebsten ganz alleine abends in der Halle oder irgendwo in der Natur, wo wir unsere Ruhe haben. Auf die Zeit achte ich dann nicht so genau. Wenn man mit den Pferden zusammen ist kann man abschalten, einfach man selbst sein.

Heute gibst Du ja auch viele Kurse in Zirzensik und Pferdekommunikation. Wie sieht so ein typischer Kurs aus und was kann man dort von Dir lernen?

Meine Kurse fangen immer mit einer ausführlichen Einführung in die Thematik an. Hierbei zeige ich gerne mit meinen beiden Pferden wie die Übungen funktionieren und lasse die Teilnehmer es dann auch mal selber mit meinen Pferden ausprobieren. Mir ist wichtig, die Pferde vom Boden aus zuerst zu lockern, die Rückenaktivität des Pferdes zu fördern. Das Pferd muss in der Lage sein, den Rücken aufzuwölben, dann kann es auch eine zirzensische Lektion - wie das Kompliment- ohne Probleme umsetzen. Aber auch schwierige Lektionen, wie zum Beispiel die Piaffe, kann man entwickeln. An Lektionen sind keine Grenzen gesetzt, ob Kompliment (Reverenz), Liegen, Flachliegen, Sitzen, Verbeugen, Spanischer Schritt/Trab, Piaffe, Steigen, Podest, Tanzen, Teppich ausrollen, Küsschen geben, Ja-Nein sagen, Lachen… usw., das Alles ist möglich. Jeder Teilnehmer wird da abgeholt, wo er steht, ich arbeite individuell mit jedem Kursteilnehmer. Am zweiten Tag gibt es dann noch eine Theorieeinheit mit weiterführenden Lektionen und ich zeige dann auch gerne, wenn ich meine beiden Pferde mit dabei habe, wie diese Lektionen komplett frei auch unter dem Reiter aussehen. Besonders begeistert sind die Kursteilnehmer dann, wenn einer von ihnen meinen jungen Aegidienberger-Hengst nur auf Halsring im Tölt reiten kann, mit ihm liegen darf und dann ganz perplex sind, wie fein er reagiert. Es wird natürlich auch wieder mit dem eigenem Pferd gearbeitet und man bekommt ganz viele Tipps, so dass man bis zum nächsten Kurs alleine zu Hause weiter kommt. Alles weitere erfahren die Teilnehmer dann in meinen Kursen.

Was sind die wichtigsten Elemente Deiner Arbeit?

Ich habe 5 Prinzipien: Motivation, Vertrauen, Respekt, Verständigung und Körpersprache.
„Man kann jahrelang an den Schwächen herumdoktern und kommt keinen Schritt weiter, wenn man aber an den Stärken arbeitet, kann man Wege finden, um die Schwächen zu umschiffen.“

Die zirzensischen Übungen dienen ja neben der vertrauensbildenden Beziehungsarbeit zum Pferd auch der Gymnastizierung. Kann man da in dieser Hinsicht eigentlich auch viel falsch machen?

Ja, genau. Der Begriff Zirkuslektionen/Zirzensik ist leider so negativ behaftet. Viele denken an Zirkus, und dass es nur Spielerei ist. Dabei ist es gar nicht so. Richtig umgesetzte Zirkuslektionen fördern die Gesunderhaltung des Pferdes, der Rücken und die Muskulatur des Pferdes werden gestärkt, was wichtig für jedes Reitpferd ist. Sie schaffen gegenseitiges Vertrauen und motivieren Pferd und Mensch.

Mit über 4 Millionen Klicks verteilt auf mehrere youtube Videos sind Björn und Menor wohl die weltweit bekanntesten Islandpferde bzw. Aegidienberger. Das liegt sicher daran, dass ihr eine ganz besondere Beziehung zueinander habt oder wie erklärst Du Dir das?



Mittlerweile sind es insgesamt schon über 8 Millionen Klicks auf verschiedenen Plattformen. Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Leute dafür begeistern, da es einfach nur die tiefe Verbindung und das gegenseitigem Vertrauen zwischen meinen Pferden und mir zeigt. Aufgrund des Videos kam dieses Jahr auch eine Schweizer Filmproduktionsfirma auf mich zu, weil sie einen neuartigen Dokumentarfilm mit den Titel „Being together“ über die Beziehung zwischen Mensch und Tier drehen. Sie haben sich dafür 7 Beispiele mit verschiedenen Tier/Mensch Beziehungen aus der ganzen Welt herausgesucht. Die Aufnahmen mit meinen Pferden und mir sind im Oktober 2015 entstanden und werden 2016/2017 im Fernsehen oder im Kino zu sehen sein. Für mich war es eine große Herausforderung vor der Kamera zu stehen und ich war etwas angespannt, ob es denn so klappen würde, wie sich die Produktionsfirma das vorgestellt hatte. Aber das Team war sehr nett, ich hatte ganz tolle Unterstützung durch meinen Freund, Freunde/Schüler und meine beiden Pferde waren richtig klasse. Die Aufnahmen wurden komplett in der freien Natur gemacht, es sind richtig schöne Aufnahmen entstanden und ich freue mich, bald die Endversion zu sehen.

Eine so wundervolle Beziehung wie Du sie mit Deinen Pferden hast, wünscht sich wohl jeder mit seinem Pferd. Hast du abschließend einen grundlegenden Tipp, damit man diesem Ziel ein Stückchen näher kommt?

Ich finde diesen Satz sehr schön: „Du kannst den Charakter, das Wesen eines Pferdes nicht verändern, du kannst es nur dazu bringen dir zu vertrauen.“ Wichtig ist, seinem Pferd zuzuhören, seine Körpersprache wahrzunehmen. Pferde sagen einem so viel, wenn man in der Lage ist, zuzuhören. Gerade dieses Zuhören ist wichtig. Viele Menschen senden ununterbrochen Signale, sei es verbal oder durch ihre Körpersprache und bekommen es nicht mit, wie es auf das Pferd wirkt. Aber genau dadurch kann es bei dem Pferd zu einer Reizüberflutung (Overload) kommen und sich dann in einem Abschalten oder Wehren gegenüber dem Menschen äußern. Und wer schon mal selber einen Overload erlebt haben sollte, kann sehr gut nachvollziehen, wie man sich da fühlt.

Folgende Sachen sollte man im Umgang mit Pferden beachten:
-klare Strukturen im Alltag und Umgang mit dem Pferd
-klare Signalen beim Arbeiten mit dem Pferd und diese auch immer beibehalten
-Pferde nicht mit Zweideutigkeiten belasten, sondern sich eindeutig verhalten und auch eindeutig agieren 
-Pausen während der Arbeit machen, als Belohnung, wenn das Pferd eine Lektion gut gemacht hat
-bei Überforderung muss dem Pferd auch eine Rückzugsmöglichkeit gegeben werden

Und das gilt nicht nur für Pferde, sondern auch für manche Menschen!


Dann noch was in eigener Sache: Wie die meisten bestimmt wissen fühlen sich die Showisis in Aegidienberg auf der GPZ richtig wohl. Trotzdem wollen wir irgendwann gerne unser eigenes Reich haben. Deshalb suchen wir im Umkreis von 50km um Bad Honnef (Raum SU, K, NR, EU) eine kleine Reitanlage mit Wohnhaus (gerne mit Einliegerwohnung), ca. 20 Boxen/Offenstall, Reithalle, Weideflächen direkt am Hof gelegen. Das ganze sollte bezahlbar sein als Mietkauf, Rentenbasis oder Pacht.
Wir wollen keinen Pensionpferdebetrieb aufmachen, sondern wie bisher Ausbildung für Pferde und Reiter anbieten mit dem Schwerpunkt Vertrauensaufbau zwischen Pferd und Mensch und der Gesunderhaltung des Pferdes, was schon immer unsere Philosophie ist. Wir nehmen Pferde aller Rassen in Training/Beritt und wollen eine fundierte Ausbildung in folgenden Bereichen anbieten: Bodenarbeit mit dem Kappzaum (Grundlagen, korrekte Seitengänge, bis zur Piaffe, Rücken aufwölben lassen), korrektes longieren am Kappzaum, Zirzensik, Halsringreiten, Freiheitsdressur, Doppellonge, Arbeit am langen Zügel, Gelassenheitstraining, Reiten mit feinen Hilfen, Dressur- und Gangausbildung. 
Außerdem wollen wir Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen durch den Umgang mit Pferden helfen. Gerade Menschen mit einer Autismus-Sektrum-Störung (ASS) kann die gezielte Interaktion und der freie vertrauensvolle Kontakt mit dem Pferd helfen, sich für die Umwelt zu öffnen. In ruhiger Atmosphäre können sie frei mit dem Pferd kommunizieren sich neben ein liegendes Pferd setzen, sein Vertrauen, seine Nähe spüren.
Also wer hat für uns ein passendes Heim oder kann uns einen Tipp geben?
Wir freuen uns auf Rückmeldungen: Dipl. Biol. Stefanie Stöcker 0179-7732507 , 02224-1236232 oder info@showisi.com
https://www.facebook.com/showisicom/
http://showisi.com/


Interview: Fleygur
Bild © Stefanie Stöcker