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Kastner Motion, Bewegungstraining für Reiter - Interview mit Imke Schlömer

Das Team Kastnermotion, bestehend aus dem Namensgeber, Biomechaniker und Bewegungswissenschaftler Dr. Josef Kastner, Physiotherapeutin Imke Schlömer und der studierten Pferdewissenschaftlerin Marieke Hübner, hat ein Schulungsprogramm für funktionelles Reiten im dynamischen Gleichgewicht entwickelt. Denn für einen harmonischen Bewegungsablauf mit dem Pferd benötigt der Reiter ein hohes Maß an Koordination, Balance und Gefühl – sowohl für den eigenen als auch für den Pferdekörper. Die Hauptwurzeln des systematisch aufgebauten Reit- und Bewegungstrainings liegen deshalb in den Bereichen der Biomechanik und Bewegungslehre. Damit Reiten beiden Bewegungspartnern dauerhaft Freude bereiten und ihre Körper langfristig gesund erhalten kann. Wir wollten mehr erfahren und haben  Imke Schlömer zum Konzept befragt.


Frau Schlömer, Sitzen als Tätigkeit bringen wir nicht in erster Linie mit "Bewegung" und "Dynamik" in Verbindung, sondern eher mit etwas Statischem. Bezogen auf den Reitersitz sieht es aber anscheinend ganz anders aus, wie der Titel Ihres Buches "Setz Dich in Bewegung" vermuten lässt?

Ganz genau! Während wir beim Sitzen, beispielsweise auf einem Sessel, mit unseren Sitzbeinhöckern Kontakt zu einer ruhenden Unterstützungsfläche haben, schwingt eben diese beim Reiten dreidimensional im Raum! Dieser Umstand lässt Reiten zu einer aktiven, koordinativ sehr anspruchsvollen Tätigkeit werden, bei der wir permanent an unserer Gleichgewichtssituation arbeiten müssen. Der Buchtitel „Setz Dich in Bewegung“ spielt auf zwei Dinge an - wir bezeichnen den Reitersitz als „Sitz“, obwohl er hochdynamisch, also Bewegung, ist. Außerdem möchten wir Reiter animieren sich mit ihrem Körper und ihren Bewegungsmöglichkeiten (evtl.-defizten) zu befassen.

Welche Rolle spielen denn diese individuellen Bewegungsmöglichkeiten des Reiters? Kaum ein Mensch bringt diesbezüglich ja optimale Voraussetzungen mit, wenn er aufs Pferd steigt?

Wir alle bringen unsere Schiefen und Bewegungsvorlieben mit auf´s Pferd -  das ist einfach so. Wichtig ist, dass ich als Reiter meine eigenen Bewegungsmöglichkeiten kenne und richtig einschätze. Wenn mir bereits bewusst ist, dass ich meine rechte Schulter gerne nach vorne ziehe und meine rechte Seite generell fester ist, dann kann ich mir genau gegen dieses Problem ein kleines Aufwärmprogramm direkt am oder auf dem Pferd zusammenstellen. Ich empfehle den Reitern gerne, sich um eine allgemeine Gymnastikgruppe zu bemühen. Solche Gruppen gibt es in jedem Sportverein. Hier wird dafür gesorgt, dass der gesamte Körper beweglich bleibt. Wenn zusätzlich noch mit labilen Unterlagen das Gleichgewicht trainiert wird, ist dieses eine gute Möglichkeit die eigene körperliche Fitness und Beweglichkeit zu verbessern ohne das Pferd in Mitleidenschaft zu ziehen.

Wie lassen sich diese Faktoren denn gut erfassen und analysieren? Sollten Reitlehrer hier vielleicht verstärkt mit Physiotherapeuten, wie Sie es ja auch sind, zusammenarbeiten? Ich meine, nicht jeder Reitlehrer kann doch erkennen, ob ein Reiter z.B. Wirbelblockaden oder eine zu schwache Muskulatur hat, die ihm manch eine Bewegung vielleicht unmöglich machen.

Sobald ein Schüler über einen längeren Zeitraum keine Fortschritte zu machen scheint und an bestimmten Aufgaben koordinativ oder körperlich immer wieder scheitert, macht es Sinn diesen zu einem Physiotherapeuten,  der im Optimalfall selber reitet, oder zu einem geschulten Sitztrainer zu schicken. Ich erlebe sehr oft, dass die Lösung für ein langjähriges Problem sehr einfach ist – man muss sie nur kennen! Niemand verlangt von einem Trainer das Spezialwissen eines Körpertherapeuten, jedoch verhindert oftmals die Angst vor Konkurrenz, dass ein Trainer im richtigen Moment auf einen Experten verweist. Meine Kollegen und ich sehen uns in keiner Weise als Konkurrenten für Reittrainer – im Gegenteil! Wir schaffen die körperlichen und koordinativen Voraussetzungen für einen Reitunterricht, der auch gelingen kann, weil der Schüler in der Lage ist, die Anweisungen des Trainers umzusetzen.

Welche Rolle spielt denn der Sattel für den Sitz und wie sollte er optimal geformt sein?

Der Sattel und dessen Lage auf dem Pferderücken spielt eine sehr große Rolle für einen elastisch schwingenden und beweglichen Reiter. Ist beispielsweise die Kniepausche eines Sattels so stark ausgeprägt, dass sie einem Reiter lediglich ermöglicht mit sehr langen Bügeln und entsprechend gestrecktem Hüftgelenk zu reiten, ist dieser in seiner Beckenbeweglichkeit massiv beeinträchtigt. Beschließt dieser Reiter mit beschriebenem Sattel nun seine Steigbügelriemen kürzer zu schnallen, werden ihm die Knie durch die großen Pauschen nach außen gedrückt. Es gibt unzählige solcher Beispiele, die verdeutlichen, dass der Sattel nicht nur dem Pferd, sondern auch dem Reiter passen muss, was oft unterschätzt wird. Im Optimalfall weist die Sitzfläche von der Seite betrachtet an der tiefsten Stelle einen Bereich von 3-4 cm auf, der nahezu waagerecht verläuft. Dieser stellt sicher, dass der Reiter sein Becken aufstellen und abkippen kann. Wie bereits oben erwähnt, sollten die Pauschen eher dezent ausgeprägt sein, damit auch die Beinposition variiert werden kann. Außerdem bekommt das Bein bei einem passend gearbeiteten Oberschenkelkanal bereits eine ausreichende Führung.

Viele Faktoren also, die eine wichtige Rolle spielen. Neben der Kenntnis über die eigenen Bewegungsmöglichkeiten und einem passenden Sattel, muss der Reiter dann noch die Bewegungen des Pferdes gut fühlen und verstehen können. Was kann helfen die Wahrnehmung des Reiters diesbezüglich zu schulen?

Bewegungsanalysen, in Form von Videoaufnahmen, können die Bewegungen des Pferderückens deutlich sichtbarer und verständlicher machen. Wenn diese Aufnahmen dann auch noch in Zeitlupe zur Verfügung stehen, ist es umso leichter. Um das Bewegungsgefühl für die Pferdebewegungen zu schulen, benötigt es einen Trainer, der den Schüler entsprechend anleiten kann. Der Trainer muss in diesem Falle wissen, welche Bewegungen den Schüler in den einzelnen Gangarten und Lektionen erwarten, ihn darauf vorbereiten, die Bewegungen evtl. vorher am Boden erarbeiten und dann auch einfach mal geschehen lassen was passiert. Denn das Bewegungslernen benötigt viel „probieren dürfen“, um eine Nachhaltigkeit zu erzielen. Das Pferd gibt ja stetig eine Rückmeldung auf die Reiterhilfen und da ist es nach einer Zeit des Eingehens in die Pferdebewegung sehr klar, was richtig ist, also die erwünschte Reaktion beim Pferd erzielt und was eben noch der Verbesserung bedarf.

Zum Stichwort "Probieren dürfen": Ich habe früher oft von meinem Reitlehrer gehört “Reiten lernt man nur vom Reiten”. Gilt dieser Grundsatz heute noch, d.h. verbessern wir auch den Reitersitz nur durch Übungen auf dem Pferd oder was halten Sie z.B. von regelmäßiger Gymnastik, Yoga, Spezialstühlen u.a.? Was ist Ihre Empfehlung?

Natürlich verbessern sich die eigenen Fähigkeiten im Sattel mit zunehmender Praxis. Das ist nach wie vor so. Es stellt sich nur die Frage ob man das Pferd schonungslos an jedem Entwicklungsschritt teilhaben lassen muss?! Das Aussitzen im Trab lässt sich beispielsweise wunderbar auf einem Gymnastikball (Durchmesser je nach Körpergröße: 65 – 75 cm) erarbeiten. Jeder, der schon mal ein schwungvolles Pferd im Trab auszusitzen versucht hat, wird bestätigen, dass dies eine durchaus schweißtreibende Angelegenheit ist. Vor allem, wenn einem die Trabbewegung nicht bewusst ist. Genau die, und die während des Aussitzens aktiven Muskeln, kann man sehr effektiv am Boden trainieren. Dem Pferd wird ein plumpsender Mitreisender erspart und der Reiter erlebt viel schneller das Glücksgefühl, das einem die leichte und leise Kommunikation mit dem Pferd durch einen elastischen, gut koordinierten Sitz ermöglicht.

Welchen Stellenwert hat das Longentraining diesbezüglich heute noch? Denn nicht jedes Pferd geht ja gern an der Longe. Auch die meisten Islandpferde eignen sich hierzu nicht.

Das Training an der Longe bietet Reitern jeden Ausbildungsstandes die Möglichkeit, sich in erster Linie einmal nur mit sich selbst zu beschäftigen. Wenn Lenkung und Tempobestimmung in andere zuverlässige Hände gelegt werden können, ist Zeit intensiv in die Pferdbewegung einzugehen, an der eigenen Balance zu arbeiten und zum Beispiel Übergänge zu perfektionieren. Dazu braucht es natürlich ein geeignetes Lehrpferd. Im Islandpferdebereich würde ich hier ein ruhiges Pferd wählen, das die Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp sicher beherrscht und diese auch an der Longe gehen kann. Ein gut gymnastiziertes Islandpferd mit drei stabilen Grundgangarten ist dazu, nach meiner Erfahrung, genauso in der Lage wie ein Warmblüter.

Bei unseren Islandpferden haben wir dann ja auch noch statt mit 3, sogar mit 4 oder 5 Gängen zu tun. Was bedeutet das für die Sitzschulung, wird es noch anspruchsvoller?

Definitiv! In der Gangpferdereiterei ist es noch wichtiger, dass der Reiter lernt seine Körperspannung zu regulieren, dosiert einzusetzen und binnen Bruchteilen von Sekunden der Reaktion des Pferdes anzupassen. Viele Pferde, die z.B. Taktfehler im Tölt zeigen, reagieren so fein auf eine veränderte Oberkörperspannung, dass dem Reiter ein Höchstmaß an feinkoordinativen Fähigkeiten abverlangt wird, um solchen Pferden binnen kurzer Zeit wieder zu einem klaren Takt zu verhelfen.

Sprechen wir abschließend nochmal über Ihr Konzept „KastnerMotion“ und Ihr Buch, dass Sie zusammen mit Marieke Hübner und Dr. Josef Kastner darüber geschrieben haben. Wie ist das Konzept aufgebaut und wie kann es Reitern helfen, die effektiv an ihrem Sitz arbeiten möchten?

Genau genommen handelt es sich hier um drei Bücher, die in einem Set verkauft werden. Der theoretische Teil beinhaltet die wichtigsten biomechanischen und anatomischen Grundlagen, erklärt die Funktionen der einzelnen Körperregionen beim Reiten und die sich daraus ergebenden idealen Bewegungsstrukturen. Es zeigt auf, warum bestimmte Defizite immer wieder kehren und ohne spezielles Bewegungstraining nur sehr mühsam auszubessern sind.
Im Praxisteil werden typische Abweichungen („Sitzfehler“) von der Idealbewegung aufgelistet. Er soll Reitern und Trainern helfen, die Ursachen zu erkennen. Zur Beseitigung der Defizite werden jeweils, methodisch vom Einfachen zum Komplexen, die entsprechenden förderlichen Übungen vorgeschlagen.
Die Übungskarten im dritten Teil sind herausnehmbar und enthalten die funktionellen Bewegungsaufgaben, sowie in kompakter Form die Beschreibung der Übung, einen Vorschlag für die Dosierung, die durch die Übung geförderte Körperregion und den Zweck der Übung aus der Sicht des Reitens.

Danke für das interessante Interview!