Sie sind hier: Artikel -> Interviews ->Þorarinn Eymundsson

Interview mit Þórarinn Eymundsson

 

Þórarinn Eymundsson ist Reitmeister und erfolgreicher Turnierreiter in Island. Heute arbeitet er u.a. als Reitlehrer in Hólar. 2007 ist er mit dem Hengst Kraftur frá Bringu Weltmeister im Fünfgang geworden.
Kraftur ist auch der isländische Dokumentarfilm "Kraftur: the last ride" gewidmet, der Þórarinn Eymundsson (genannt Tóti) beim Training seines Hengstes in Vorbereitung auf die damalige Weltmeisterschaft zeigt.


Bild: Þórarinn Eymundsson

Das Interview übersetzte für uns Hlín Mainka Jóhannesdóttir

Tóti, als Reitlehrer gibst Du Dein Wissen heute unter anderem in Hólar weiter. 

Was ist das Wesentliche deiner Reitphilosophie?

Ich unterrichte in Hólar seit 2002, halte aber auch Reitlehrgänge im Ausland und auf Island. Meine Philosophie geht in erster Linie vom Pferd aus. Erstens muss man verstehen, wie ein Pferd denkt und was es dazu veranlasst, das zu tun, was es letztlich tut. Zweitens ist ein Verständnis der Biomechanik des Pferdes ausschlaggebend, also wie ein Pferd seinen Körper mit dem Reitergewicht einsetzen muss, um sein Potenzial bestmöglich auszuschöpfen. Es ist von grundlegender Wichtigkeit, dass ein Pferd lernt, den Reiter richtig zu tragen und seinen Rücken trotz zusätzlichen Gewichts richtig einzusetzen. Obwohl es hierfür nicht geschaffen ist, kann es dies unter richtiger Anleitung gut erlernen. Die Kunst liegt darin, die körperlichen und geistigen Signale, die ein Pferd aussendet, richtig zu interpretieren.
Der Sitz und die Hilfengebung des Reiters sind auch von grundlegender Wichtigkeit. Ein Pferd kann sich nicht gut bewegen und sein Potential ausschöpfen, wenn es von einem schlecht sitzenden Reiter gestört wird, oder der Reiter ihm nicht die Möglichkeit gibt auf seine Hilfen mit Leichtigkeit zu reagieren. Es ist sehr wichtig, dem Pferd auch die Zeit zu geben mit Leichtigkeit zu reagieren.

Worin unterscheiden sich deiner Meinung nach die Trainingsmethoden in Island von den Trainingsmethoden in Deutschland am meisten?

Auf diese Frage kann man nicht mit einem Satz antworten. Über die 15 Jahre, in denen ich die Islandpferdeszene in Deutschland mitverfolge, hat sich viel verändert. Die größte Veränderung liegt meiner Meinung nach darin, dass die Pferde geschmeidiger geworden sind. Die Reiter biegen die Pferde mehr um den inneren Schenkel mittels Übungen wie Schulterherein oder Travers. Dadurch werden die Pferde freier, gehen weicher über den Rücken und bekommen eine bessere und stärkere Oberlinie. Dies wiederum verbessert den Zügelkontakt, vor allem im Tölt. Natürlich ist Deutschland groß, und es gibt viele Reiter, aber das ist mein Gesamteindruck. Durch die Jahre haben sich deutsche Reiter zeitintensiver mit den Pferden beschäftigt, als es Isländer getan haben. Dadurch ist die Grundausbildung der deutschen Pferde oftmals besser, als vergleichsweise hier in Island. Kurz gesagt, sind Pferde in Island oft freier und schneller geritten, der Tölt wird weicher und die Schritte raumgreifender, allerdings oft auf Kosten von Grundausbildung und Gehorsam. In Deutschland werden die Pferde oft genauer und langsamer trainiert, aber dafür fehlt ihnen oft eine gewisse Bewegungsfreiheit und Geschmeidigkeit. Allerdings entwickeln sich die Trainingsmethoden zurzeit in Island recht schnell und daher wird der Unterschied immer geringer.

Es werden ja viele talentierte Pferde importiert, aber die Reiter hierzulande können das Potental dann nicht immer so optimal abrufen. Hast Du eine Erklärung dafür? Könnte es an der Ausbildung auf Island liegen, am unterschiedlichen Training, den Prüfungen, oder reitet man hier nicht entsprechend?

Gewiss hat man dies schon oft gesehen, aber man darf auch nicht vergessen, dass Pferde auch innerhalb Islands den Besitzer wechseln, und da geht auch nicht immer alles auf, zumindest nicht in der Anfangsphase. Die Gründe hierfür können viele sein. Erstens gehen die Pferde oft zu Reitern, die nicht so viel Erfahrung mit unterschiedlichen Pferdetypen haben und daher nicht unbedingt das richtige Gefühl dafür haben, welche Art von Training die beste für das jeweilige Pferd ist. Die Gangveranlagung und das Exterieur des Islandpferdes kann sehr unterschiedlich sein. Z. B. Pferden mit eher gerader Oberlinie fällt es oft leichter mit den Hinterbeinen Schub zu entwickeln, als mit ihnen Gewicht zu tragen. Andere wiederum können leichter ihr Gewicht mit der Hinterhand tragen, müssen dafür aber vermehrt Schubkraft und Geschwindigkeit trainieren. Unterschiedliche Pferde, wie hier im Beispiel, müssen natürlich auch unterschiedlich trainiert werden, besonders wenn der eine eher zum Trab und der andere eher zum Tölt neigt usw. Daher ist es wichtig, dass Reiter, die gute und teure Pferde kaufen, sich Hilfe bei den besten Reitlehrern suchen. Reitlehrer, die sowohl eine professionelle Ausbildung haben, als auch viel Erfahrung mit Islandpferdetraining und Reitunterricht auf hohem Niveau. Meiner Meinung nach richten zu viele Trainer und Reitlehrer in Island wie auch in Europa ihr Training bzw. ihren Unterricht auf schnelle Lösungen aus, und die Erfolge kommen schnell, aber wären kurz. Solches Training bzw. Reitunterricht könnte eine Erklärung dafür sein, dass super Pferde aus dem Rampenlicht verschwinden. Dieses Problem kennt man nicht nur in der Islandpferdeszene, sondern auch in anderen Sparten, wie beispielsweise in der Dressurreiterei. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass Pferde, die in Island geboren sind, sehr erfolgreich auf europäischen Turnieren laufen und besonders auffällig in den Endausscheidungen sind. Wie gesagt, so glaube ich, dass Pferdetrainer in Island vielseitiger und erfahrener mit unterschiedlichen Pferdetypen sind. Einigen jedoch fehlt mehr Kompetenz für die Grundausbildun,g und dann werden die Pferde nicht nachhaltig bzw. nicht zukunftsorientiert genug trainiert und aufgebaut. Diesbezüglich muss man auch Zucht- und Turnierrichter erwähnen. Es kommt vor, dass gewisse Pferde bei den Richtern „in Mode” kommen und dabei keineswegs ihren hohen Noten gerecht werden. Hierzu fällt mir ein gängiges isländisches Sprichwort ein: “ Und keiner hört zu, wenn gesagt wird, dass der Kaiser keine Kleider trägt.”

Eines unserer letzten Interviews führten wir mit Manuel Jorge de Oliveira, der seit 3 Jahren ja auch spezielle Dressurkurse für Islandpferde anbietet. Passt die klassische Reitkunst auch deiner Meinung nach in die Ausbildung von Islandpferden?

Die Arbeit von Manuel Jorge de Oliveira ist mir bekannt, und was ich gesehen habe, gefällt mir sehr gut. In seinem Reitunterricht ist die Achtung dem Pferd gegenüber fundamenta,l und seine Trainingsmethoden zielen auf ein gesundes Reitpferd und nicht auf ein “Showpferd” hin. Für meine Begriffe ist die südeuropäische Reitweise offener und weitsichtiger als andere Reitweisen, die man kennt. In vielerlei Hinsicht gleicht sie der traditionell isländischen Reitweise. Leichtigkeit und Ungezwungenheit spielen eine große Rolle, und das Reiten soll kein “Workout” für den Reiter sein. Ich mag Reitweisen, die viel Wert auf Biegsamkeit und Weichheit des Pferderumpfes legen, und dafür lösende sowie versammelnde Dressurübungen nutzen. Ich möchte behaupten, dass die klassische Reitweise sehr gut für das Islandpferd ist. Natürlich sind große Unterschiede zwischen klassischen Dressurpferden und den Islandpferden, da ihre Stärken mehr der schnelle Tölt bzw. Rennpass sind. Daher müssen Islandpferde auch weiter mit isländischer Reitweise trainiert werden, und wir müssen diese Reitweise erhalten und pflegen. Dies schießt jedoch nicht aus, dass sie sich unter Einfluss der klassischen Reitweise verbessern und weiterentwickeln kann. Manche glauben, dass die traditionell isländische Reitweise nur daraus besteht, dass sich der Reiter im Sattel nach hinten kippt und die Beine mehr oder weniger gerade nach vorne streckt. Hier handelt es sich jedoch um ein Missverständnis und eine starke Vereinfachung. Schaut man sich die alten Quellen einmal genauer an, so stößt man auf Weisheiten alter isländischer Reitmeister. Ihnen war wichtig, dass das Pferd lernt, den Reiter richtig zu tragen, indem es in Dehnhaltung richtig über den Rücken und durch die Schultern geht. Diese Männer trainierten mit Jungpferden viel Trab und langsamen Galopp und brachten ihren Pferden Dressurübungen bei. Tölt nutzten sie zu Beginn nur sparsam und wenn, dann nur in Dehnhaltung bzw. “Arbeitsform”, wie wir es in Hólar nennen.

Was denkst du, in welche Richtung wird es sich allgemein weiterentwickeln? Immer „Spektakulärer“ oder hin zu mehr Harmonie? Oder glaubst Du, es ist auch beides möglich ?

Ohne Zweifel konnte man diesbezüglich in den letzten 2-3 Jahren eine positive Entwicklung feststellen. Die Richter schauen vermehrt auf Harmonie und Verbindung zwischen Reiter und Pferd. Trotzdem wird noch zu viel auf Vorderhandaktion und aufgesetzte, falsche Form der Pferde gegeben. Die Richter sollten vermehrt auf andere, wichtigere Aspekte schauen, wie beispielsweise die Rückenfunktion des Pferdes, weiche Bewegungen, richtige Funktion der Hinterbeine und die Art und Weise, wie das Pferd richtigen Zügelkontakt anbietet. Ich hoffe, dass sich das, was die Allgemeinheit und Richter als “spektakulär” ansehen, in näherer Zukunft ändern wird. In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Pferd verweisen, welches letzten Sommer die beste Zuchtnote für Tölt in Island erzielte. Es bekam eine 10, und viele fanden diese Note zu hoch, da es ihrer Meinung nach nicht über genug Vorderhandaktion verfügte. Es fehle der “Wow-Effekt”. Für mich und viele andere war diese Note jedoch völlig berechtigt, da eben der “Wow- Effekt” darin bestand, wie weich und raumgreifend der Tölt dieses Pferdes war. Wir müssten uns als Gemeinschaft dafür einsetzen, dass sich unsere Reiterei NICHT darum dreht, die Pferde mit gespanntem Rücken, hohen Hälsen und falscher und übertriebener Haltung vorzustellen.

Du beschreibst Reiten auch als „Tanz zwischen zwei Welten“, was meinst Du damit?

Reiten ist für mich eine Kombination aus Sport und Kunst. Die Kunst liegt darin, aus jedem einzelnen Rohstoff (Pferd) etwas Schönes zu schaffen. Unterschiedliche Reiter verarbeiten den Rohstoff auf unterschiedliche Art und Weise. Der Sport dreht sich um genaue Koordination und das Gleichgewicht des eigenen Körpers, sodass man das Pferd mit Präzision reiten kann. Im besten Falle kann der Reiter die Beine des Pferdes, Tempo, Schrittlänge, Takt usw. genaustens beeinflussen. Die Beine des Pferdes werden zu den Beinen des Reiters und Pferd und Reiter werden eins. Es ist wie ein Tanz zwischen den beiden. Gute Tänzer wissen, dass sich beide im Takt bewegen müssen. Der Tanz wird unschön, wenn einer der beiden die Schritte nicht beherrscht, woraus körperliche und geistige Anspannung entsteht. Menschliche Tänzer können miteinander reden und auch mal einzeln üben. Sie sehen die Welt mit gleichen Augen. Pferde leben in ihrer eigenen Welt und sehen unsere mit ganz anderen Augen, als wir Menschen. Guten Reitern fällt es leicht in die Welt des Pferdes einzutauchen und so kann der Tanz zwischen diesen unterschiedlichen Welten entstehen.

Für mich zeigt der Film "Kraftur: the last ride" auch in wirklich beeindruckender Art und Weise die enge Verbindung, die Mensch, Pferd und Natur miteinander teilen können. Kannst Du in Worte fassen, was das für Dich bedeutet?

Das Pferd ist ein Teil der Natur. Meine besten Erlebnisse finden statt, wenn ich ein gutes Pferd durch schöne Natur reite. Ich hatte auch das Glück, unglaubliche Dinge mit Pferden erlebt zu haben. Islands Hochland , Schafsabtrieb, schlechtes Wetter und schlechte Sicht. Fernab von den anderen, nur du und dein Pferd – dies kann schnell zu einer sehr gefährlichen Situation werden. Es scheint, als ob das Pferd das auch so erfasst und darauf hin Dinge tut, die man von einem Pferd nie erwartet hätte. Solche Erlebnisse machen sprachlos und erfüllen einen mit Ehrfurcht dem Pferd gegenüber. Ähnliche Ehrfurcht habe ich auch empfunden, als mir Pferde unglaubliche Passläufe oder traumhaften langsamen Tölt geboten haben. Nicht zu erwähnen, wenn dies in wichtigen Momenten, wie beispielsweise Endausscheidungen geschieht. Doch auch bei einfachen Ausritten bieten Pferde oft ein gewisses “Extra” an und es scheint, als ob Natur und Landschaft dies dem Pferd gewissermaßen entlocken.

Gibt es eigentlich ein Pferd, dem Du Dich nach Kraftur ähnlich eng verbunden gefühlt hast?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Viele Pferde liegen mir sehr am Herzen, aber ich muss auch zugeben, dass es da Unterschiede gibt. Kraftur steht immer noch allen voran, nicht zuletzt wegen des besonderen Werdegangs und dessen Erfolge, den wir gemeinsam bestritten und erlebt haben.

Am Ende des Films stellst Du ja auch die Frage, ob es Wert war, Kraftur für den Weltmeistertitel zurückzulassen und lässt die Antwort offen. Wie denkst Du heute 7 Jahre später darüber?

Ich vermisse ihn oft, seine Kraft und sein Charakter sind wirklich etwas Besonderes. Er hat auch einen sehr athletischen Körper und ist immer noch in einem super Zustand. So wird es wohl auch noch bleiben, denn glücklicherweise kam er in sehr gute Hände in Schweden. Diese Entscheidung musste ich damals treffen, und ich stehe auch immer noch dazu. Mir war bewusst, dass sie Vor- und Nachteile mit sich bringen wird, und da bringt es nichts, in den Rückspiegel zu schauen.

Gibt es Dinge in der Ausbildung von Pferden und Reitern, die du heute grundlegend anders machst als früher?

Man versucht natürlich immer aus Erfahrung zu lernen und dazu kommt, dass sich die Methoden verändern und weiterentwickeln. Aber mit den Jahren habe ich gelernt, dass “weniger oft mehr ist”.

Wenn Du eine Erkenntnis deines Erfahrungsschatzes nimmst, die Dir besonders wichtig ist, deinen Studenten zu vermitteln, welche wäre das?

Es ist sehr individuell, wo man bei den jeweiligen Schülern Schwerpunkte setzen muss. Eins kann ich aber sagen, dass ein guter Reiter ein hervorragender Reiter werden kann, wenn er ständig sein Fachwissen über Pferde verbessert sowie seinen Pferden zuhört und auf deren Signale und Feedback achtet. Der Reiter sollte auch immer wieder herumexperimentieren. Mal versuchen schneller, mal langsamer zu reiten, mal leichter oder schwerer zu sitzen, mal mehr Druck mit dem äußeren Schenkel oder dem inneren geben usw. Wenn man sich mit diesen kleinen Versuchen vortastet, bekommt man unterschiedliche Signale bzw. Reaktionen vom Pferd, die entweder positiv oder negativ sind. Wenn der Reiter versteht, wie Pferde funktionieren, kann er diese Signale nutzen, um sich in der Kunst des Reitens weiterzuentwickeln. Am Ende des Tages ist und bleibt das Pferd der beste Lehrer.

Abschließend - was wünscht Du Dir für die Zukunft des Islandpferdes und die Islandpferdereiterei?

Hört den Pferden zu, lernt von ihnen und achtet darauf, dass wir Pferde, Reiterei, Zucht und Pferdehaltung so natürlich wie möglich erhalten. Freude und Leichtigkeit sollten sowohl für Pferd wie Mensch unbedingt beibehalten werden!

Danke für das Interview!

Mit freundlicher Unterstützung von:
-------------------------------------------------------------------------------