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Interview mit Eckart Meyners

 

Eckart Meyners war über 38 Jahre lang Dozent für Sportpädagogik an der Universität Lüneburg. Seit 1976 widmet er sich Fragen des Bewegungslernens beim Reiten. Da die Reitlehre als Bewegungslehre für das Pferd gilt, sie aber keine Bewegungslehre des Menschen enthält, hat Meyners in diesem Defizit die Chance gesehen, den Reitern, Ausbildern und Richtern die Vielfältigkeit des menschlichen Bewegungslernens durchschaubar zu machen. Er schult für die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und international Landestrainer, Ausbilder, Richter und Reiter. Er ist der anerkannte Experte auf dem Gebiet der Bewegungslehre. Mittlerweile gibt es über 80 Berufsreitlehrer, die über die Zusatzqualifikation "Eckart Meyners-Bewegungstrainer" verfügen.


Herr Meyners, Ihre Bewegungslehre hat viel mit dem guten Reitersitz zu tun, beinhaltet aber noch sehr viel mehr. Können Sie uns kurz erklären, was „die Bewegungslehre nach Eckart Meyners“ beinhaltet?

Ich habe auf dem Hintergrund eines bestimmten Menschenbildes (Reiterbildes) und Pferdebildes ein Bewegungskonzept entwickelt, das ganzheitlich geprägt ist und eine Vielzahl von Strukturen aufweist, die man in unterschiedlichen Bewegungstheorien wiederfindet. Ich beziehe Theorien mit ein, die den Reiter nicht nur von außen sehen, sondern vor allem die inneren Vorgänge aufdecken, weil diese entscheidend die äußeren Bewegungsabläufe bestimmen. Man muss eines bedenken: Ein Bewegungsproblem ist selten dort, wo wir es sehen. Da wir es als Ausbilder aber meistens dort verändern wollen, gelingt es uns nicht. Wir müssen also tiefer in den Reiter hineinschauen können.

Sie bezeichnen Reiten als die komplexeste aller Sportarten, warum sehen Sie das so?

Reiten ist insofern sehr komplex, weil sich zwei Wesen miteinander bewegen wollen. Beide Wesen haben aber unterschiedliche Bedingungen, die aufeinander abgestimmt sein wollen. Teilweise gelingt es, teilweise gelingt es nicht, weil es auch nicht funktionieren kann. Beispiel: Ein kleiner Reiter hat ein großes Pferd. Dieses Pferd kann ihn insofern bewegungsmäßig überfordern, weil die Breite seiner Beckengröße nicht entspricht. Der Reiter sitzt fast im Spagat auf dem Pferd und kann also mit seinem Becken dem Pferderücken nicht folgen. Es wird also schwer, einen Harmonie herzustellen, auch wenn sich der Reiter noch so viel Mühe gibt. Dasselbe bezieht sich auf die Größe der Schwingungen beider, etc. Es ist also bereits ein Problem, ein jedem Reiter entsprechend passendes Pferd zu finden. Außerdem sind die Bewegungsabläufe der Pferde einmalig und tauchen in keiner anderen Sportart wieder auf. Der Reiter kann also nicht auf Bewegungsmuster zurückgreifen, die einen Ähnlichkeitscharakter haben, wie es in anderen Sportarten möglich ist (Tennis, Tischtennis, Badminton, Squash). Alle Versuche der Industrie, die Pferdebewegungen in technische Pferde einzubauen, wie man es auf Messen sehen kann, sind vergeblich, weil es nie gelingen kann, die Gesamtbewegung und alle komplexen Teilbewegungen eines Pferdes in ein technisches Gerät einzubauen. Diese Einmaligkeit macht das Reiten ja so spannend und erlebnisreich.

Erfreulicherweise strebt ja heute fast jeder Reiter feines Reiten und harmonische Bewegungsabläufe mit seinem Pferd an. Welche grundlegenden Fähigkeiten muss der Reiter mitbringen, um dies zu erreichen? Kann man diese Fähigkeiten durch Training entscheidend verbessern?

Jeder Reiter versucht sein Bestes, aber jeder Reiter hat auch entsprechend Bewegungsstärken oder -schwächen, die es nicht ermöglichen, harmonische gemeinsame Bewegungen entstehen zu lassen. Reiten ist eine Sportart, die vorrangig koordinative Fähigkeiten fordert. Dazu gehören schwerpunktmäßig Gleichgewicht, Rhythmus, optische Orientierung, gefühlsmäßige Unterscheidungsfähigkeit und Reaktionsfähigkeit. Diese haben untereinander wieder ganz spezifische Verknüpfungen, auf die ich jedoch nicht eingehen kann, denn es würde Seiten füllen.
Da Reiter auf keine Techniken anderer Sportarten zurückgreifen können (siehe Frage 2), müssen sie ihre Gleichgewichts- und Rhythmusfähigkeit nutzen, um das Reiten zu erwerben. Aber durch die reduzierten Bewegungsabläufe heutiger Kinder, Jugendlicher und der Erwachsenen sind diese Fähigkeiten in zu geringem Maße ausgebildet. Daraus entstehen Fehler wie Klemmen, am Zügel festhalten, in den Bügeln stehen, etc. Wenn sich Reiter auf das Reiten vorbereiten wollen, sollten sie viel für die koordinativen Fähigkeiten tun, damit sie es beim Erlernen der Techniken im Reiten leichter haben.

Warum führen denn die altbekannten Anweisungen von Reitlehrern wie „Hacken runter, Kopf gerade, Brust hoch…usw. nicht wirklich zum Erfolg?

Es wird durch diese Anweisungen die Form angestrebt, anstatt die Funktion anzustreben. Die Form folgt der Funktion und nicht umgekehrt. Den Reitern muss vermittelt werden, welche Muskeln sie wann in welcher Situation benutzen müssen, damit sie sich dem Pferd anpassen und danach einwirken können.

Ein zentraler Begriff in Ihrer Lehre ist das „Bewegungsgefühl“. Was ist damit gemeint und ist es als Erwachsener überhaupt noch erlernbar?

Das Bewegungsgefühl möchte ich durch zwei Aspekte verdeutlichen, obwohl die Hintergründe sehr vielschichtig sind. Reiten bedeutet eigentlich folgendes: „Versuche, wenn Du ein Pferd bedienst, zu erfühlen, wie es auf Dich reagiert und was es dann von Dir will. Schwenkst Du zunächst auf seinen Willen ein, wird es danach auch auf Deinen Willen einschwenken“ (nach Tholey). Gemeint ist, dass zunächst der Reiter in sein Pferd hineinhorchen muss, sich also dem Pferd anzupassen hat. Erst nachdem der Reiter erfühlt hat, wie das Pferd sich bewegt, kann er auf es einwirken, um zu harmonischen gemeinsamen Unternehmungen zu gelangen. Leider ist der Weg vieler Reiter genau umgekehrt: Sie wollen dem Pferd ihren Willen aufzwängen, was aufgrund folgender Bedingungen nicht gelingen kann, denn die große Masse bewegt immer die kleine und nicht umgekehrt.

Inwieweit beeinflussen auch Emotionen wie Angst, die ja gerade bei älteren Freizeitreitern weit verbreitet ist, Bewegungsgefühl und Reitersitz?

Generell kann man sagen, dass Angst Lernen und Bewegen behindert, wenn nicht sogar verhindert. Jeder Reiter sollte sich bewusst sein, dass seine eigentlich vorhandenen Fähigkeiten durch Angstzustände ins Negative gekehrt werden können. Wer Angst hat, sollte sich entsprechend ausgebildeten Fachleuten unterziehen, bevor er wieder aufs Pferd steigt. Diese Fachleute können aufgrund ihrer Fachkompetenz entscheiden, ob und wann die Reiter mit entsprechenden psychischen Problemen wieder aufs Pferd steigen sollten. Oder man unterzieht sich einer Angst-Therapie mit Pferd. Auch dafür gibt es heute entsprechend kompetente Fachleute, was sich auch in der Literatur widerspiegelt.

Viele Reiter wärmen zwar ihre Pferde sorgfältig unter dem Sattel auf, bevor sie mit der Arbeitsphase beginnen, setzen sich selbst jedoch völlig unvorbereitet auf das Pferd. Warum ist auch für den Reiter das Aufwärmen so wichtig?

Kein Reiter würde sein Pferd reiten, ohne es zu lösen. Diese Zusammenhänge sind jedem Reiter bewusst. Doch der Reiter benötigt die identischen Prozesse, um mit dem Pferd optimal harmonisieren zu können. Leider laufen diese Prozesse immer noch nicht genügend bei Spitzenreitern und auch den Freizeitreitern ab. Wenn Reiter sich nicht aufwärmen, versündigen sie sich eigentlich an ihren Pferden. Diese müssen ihre körperlichen und koordinativen Unzulänglichkeiten ertragen, die sie durch das fehlende Aufwärmen nicht ausgeglichen haben.


Sie, bzw. die von Ihnen ausgebildeten EM Trainer (Eckart Meyners-Bewegungstrainer), bieten in Kursen detaillierte Übungen zur Lösung des jeweiligen Sitzproblems des Reiters an. Reicht bereits ein Kurs bei einem EM Trainer aus, um nachhaltige Erfolge und somit eine Verbesserung zu erzielen oder ist regelmäßiger Unterricht bei einem EM Trainer nötig?

Die ausgebildeten EM-Trainer werden zweimal im Jahr von Freitag bis Sonntag fortgebildet. Diese Fortbildungen wurden in den ersten zwei Jahren sogar dreimal vorgenommen. In diesen Kursen werden immer wieder neue Erkenntnisse weitervermittelt. Ausbildung ist eine Seite, die Fortbildung ist die entscheidende. Sie erkennen daran, dass wir uns große Mühe geben, den Erkenntnis- und Erfahrungsstand auf einem hohen Niveau zu halten. Letztendlich gebe ich Inhalte und Methoden weiter, die ich an der Uni vermittelt habe. Außerdem machen einige von den EM-Trainern noch zusätzliche Kurse in angrenzenden Bereichen. Die Trainer haben von mir zigmal gehört, dass Professionalität selbstinitiierte Fortbildung ist. D.h. dass sie sich selbst bemühen müssen, ständig Erfahrungen durch Kurse zu sammeln, um in der Anwendung immer sicherer zu werden.
Nun auf den Reiter bezogen: Ein Kurs bei einem EM-Trainer verändert vielleicht die Sichtweise für den Sitz, ansatzweise das Gefühl, um dadurch motiviert zu werden, weiter zu machen. Der gewonnene Erfahrungsschatz muss selbstverständlich durch Eigentätigkeit oder weitere Lehrgänge gesichert werden. Eine regelmäßige Kontrolle durch einen EM-Trainer wäre wünschenswert. Man muss sich stets die Ausführungen vor Augen führen, die ich immer wiederhole: „Es hat Jahre gedauert, es falsch zu machen. Nun muss man nicht glauben, dass man von einem Moment zum anderen sich grundsätzlich verändern kann. Diese Veränderung muss als Konstante über einen längeren Zeitraum gesichert werden."

Sie kennen ja auch Islandpferde und ihre Reiter und haben auch schon Kurse auf Islandpferdehöfen gegeben. In Ihren Büchern schreiben Sie: „Die Größe des Pferdes sollte der Reitergröße entsprechen, weil die Einwirkung vom Schenkel nicht optimal sein kann, wenn die Beine des Reiters weit über den Pferdeleib in Richtung Boden hinausragen“ dies ist bei uns Islandpferdereitern aber fast immer der Fall. Werden dadurch weitere „Problemfelder“ im Reitersitz geschaffen und gibt es ggf. auch Lösungsansätze hierzu?

Es muss nicht sein, wenn die Reiter mit langen Beinen sich nur bewusst machen, mit dem oberen Teil der Wade das Pferd treibend zu beeinflussen. Oft wollen Reiter mit langen Beinen mit dem Absatz treiben, was automatisch zu Verkrampfungen im Bein- und Beckenbereich führt. Außerdem kippt das Becken nach hinten, etc. Ein leichter Impuls mit dem oberen Teil der Wade reicht aus, um den Bauchmuskel des Pferdes zu stimulieren und das Hinterbein zu aktivieren.

Gerade im Tölt ist es ja schwierig für den Reiter eine hohe positive Grundspannung im Körper aufzubauen, ohne in die negative Verspannung zu geraten und z.B. im Becken fest zu werden. Mit diesem Problem schlagen sich viele Islandpferdereiter, die nicht gerade auf einem Naturtölter sitzen, herum. Kann ein Kurs bei einem EM Trainer auch bei dieser Problematik weiterhelfen?

Ich bin sehr sicher, dass ein EM-Trainer die Weichen dafür stellen kann, um den Tölt aus einem Pferd „herauszukitzeln“,  wenn der Reiter entsprechend vorbereitet wird. Es geht ja in meinem Konzept u.a. darum, dass der Reiter muskulär und auch emotional balanciert wird. Wenn der Reiter seine muskulären Schwächen beseitigen kann, funktioniert er rhythmischer. D.h. er kann sich leichter an– und abspannen, um dem Pferd beim Tölten entgegenzukommen.

Bietet Ihr Bewegungstraining noch weitere Vorteile speziell für das Gangpferdereiten?

Diesbezüglich habe ich zu geringe Erfahrungen mit Gangpferden gemacht, aber ich kann es mir vorstellen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft – wie sollten sich der herkömmliche Reitunterricht und somit auch die Reiter weiterentwickeln?

Anweisungsorientierter Unterricht führt seit Jahrzehnten in eine Sackgasse, ohne dass wir es gemerkt haben. Das Ziel ist handlungsorientierter Unterricht, wie er in den Ausbildungsrichtlinien für Pferdewirte seit 2010 gefordert wird. Ich kann in diesem Zusammenhang vorschlagen, dass man zwei Veröffentlichungen von mir liest, um sich eine Vorstellung von den Veränderungen des Unterrichts zu gewinnen:
Meyners, E. Reiten lehren: Ohne Didaktik geht es nicht. In: Dressurstudien 9 (2013) 2, S. 106 – 121
Meyners, E. Statt Kasernenton Empfehlungen geben: So lernen die Reiter am besten. In: Dressurstudien 11 (2015) 1, S. 77 - 86

Zum Abschluss: gibt es eventuell eine einfache Übung oder Übungsfolge mit vielleicht sogar großer Wirkung, die Sie jedem Reiter empfehlen können?

Eine der Voraussetzungen für den Dialog "Reiter-Pferd" ist die Beckenbeweglichkeit. Man kann sie sehr gut mit Hilfe des Balimos erwerben. Es ist ein Bewegungsstuhl, den ich in Kooperation mit meinem Schwager (Jürgen Billich) entwickelt habe.  Er kann die Dreidimensionalität des Menschen testen und erzeugen, die bei vielen nicht mehr aufgrund der Bewegungsreduzierungen gegeben ist. Diese Dreidimensionalität des Beckens (vor-zurück; links-rechts; oben-unten) ist Voraussetzung, um den Dialog Pferderücken-Becken Reiter zu ermöglichen. Alle Bewegungen des Pferdes sind dreidimensional, sodass jede Schwäche der Dreidimensionalität des Reiters das Pferd stören würde. Der Stuhl verbessert aber nicht nur die Beckenbeweglichkeit, sondern regt über die Beckentätigkeit die gesamte Rückenmuskulatur an, sodass sich insgesamt die gesamte Haltung des Reiters natürlich wird.

Herzlichen Dank für das ausführliche Interview.

Anmerkung der Redaktion:
Wir konnten mit diesem Interview natürlich nur einen ersten Einblick in das umfassende Thema
„Bewegungslehre“ geben. Interessierten Lesern möchten wir aus dem Sortiment der Bücher von E. Meyners insbesondere folgende Bücher zur Vertiefung sehr empfehlen:  
„Bewegungsgefühl und Reitersitz“ (mit über 500 Übungen für ein besseres Körper- und Reitgefühl)
und
„Reiten als Dialog“ (Verknüpfung von Reit- und Bewegungslehre anhand von vielen praktischen Beispielen aus der Ausbildung von Reiter und Pferd)


Interview: Fleygur
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