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witzige Kolumne

von Karen Diehn in mehreren Teilen - Teil 2

Immer rein damit!

Kennen sie das Gefühl, das einen beschleicht, wenn man einen Futtermittelprospekt aufschlägt? Eine Mischung aus Fassungslosigkeit, Scham und schlechtem Gewissen: Wie um alles in der Welt konnte das Pferd bislang mit Gras, Heu und Wasser überleben?!

Ich hatte in meinem Kopf irrtümlich die Worte „Genügsamkeit“ und „Leichtfuttrigkeit“ im Zusammenhang mit Islandpferden abgespeichert. Der bunte Katalog, der auf 250 Seiten Pulver, Pasten, Kräuter, Tinkturen und Futtermischungen anbot, zeigte mir aber genau das Gegenteil. Pferde und speziell Isländer konnten gar nicht „einfach so“ gefüttert werden.

Erste Anfälle von Hypochondrie überfielen mich: Hatte sich mein Fuchs nicht wiederholt am Ohr gejuckt? War sein Speichel nicht abnorm dünnflüssig? Sollten Mango-Minz-Leckerlis mit Knoblauch nicht unbedingt zum naturnahen Speiseplan meines Pferdes gehören?

Ehe ich vollends in Panik verfiel, blättere ich in die Abteilung „Isländer Spezialfutter“ und bekam den Durchblick. Die freundliche Futterindustrie hatte für Leute wie mich und die bestehenden und befürchteten Krankheiten meines Pferdes bereits vorgesorgt. Ich griff zum Hörer und bestellte die gesamte Produktpalette vom „Hesta Super“-Pelletfutter, über den isländischen Seetang zur Mineralversorgung bis hin zur Islandgras-Artic-Kur gegen Nasenschnodder und Augenringe.

Mein Fuchs blieb aber seltsamerweise so rot wie eh und je, wieherte mir nicht entgegen und tröltete immer noch. Ich kaufte daher für meinen hochspezialisierten Futterverwerter einen neuen Sack Isländer-Spezial-Futter, diesmal in Müsli-Form, der in etwa doppelt so teuer war wie das vorherige Futter, aber nur die Hälfte wog. Hierin waren aber beste Zutaten und sämtliche dringend gebrauchte Mineralien waren vulkanischen Ursprungs. Fürs länger Kauen gab es außerdem eine Extraportion Islandheu und für die Atmung 25 verschiedene Käruter. Zusammen mit den anderen Ergänzungsfutter-Ergänzungsmitteln füllte sich damit Füchschens Eimer schon recht üppig. Tagtäglich mampfte er nun eine halbe Stunde lang sein Futter und ich beobachtete gespannt die Veränderungen. Nach drei Wochen bemerkte ich erste Rundungen an meinem Vierbeiner. Nach sechs Wochen verschwammen die Konturen seiner Knochen und er wurde wirklich „barock“. Ich erwog, die Heumenge zu reduzieren, denn eigentlich sollte er ja nicht fett sondern nur gesünder werden. Und die Zusatzfutter brauchte er schließlich zum gesunden Überleben, während Heu alleine nur Spurenelemente-Defizite, Ungleichgewichte bei der Vitaminresorption und Überschüsse beim Ca:P-Verhältnis verursachte… Oder vielleicht doch nicht?! Waren Isländer doch nur ganz gewöhnliche Fresser und Verdauer? Ich wälzte wieder die Fütterungs-Büchern. Aber dort gab es seltsamerweise kein Kapitel über physiologische Besonderheiten beim Islandpferde oder Abhandlungen über unterschiedliche Verdauung- oder Verwertungsabläufe.

Nach langem Ringen mit mir und größeren Albträumen kehrte ich zu einer regelrecht spartanischen Fütterung zurück. Und was soll ich sagen, die von mir gefütterten Pferde leben immer noch! Das kann natürlich Zufall sein, das gebe ich. Man sollte sich nie zu sehr in Sicherheit wiegen und besser vorbeugen… Dieser schorfig-sandige Belag im Fell könnte schließlich ein Anzeichen für eine wundgelaufene Wanderniere im Endstadium sein. Und dass mein Pferd gerne in der Sonne ein Mittagsschläfchen macht, könnte man als Symptom des Burnout-Syndroms deuten.

Wenn ich jetzt in den bunten Katalogen blättere, zuckt noch manchmal meine Hand und will zum Telefon greifen, um die Bestellhotline anzurufen. Die Dose „Biotin 2009+“ brächte bestimmt noch festere Hufe. Und vielleicht hat sich mein Pferd schon immer nach Johannisbrot gesehnt und wäre mir so richtig dankbar dafür…?