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von Margit Heumann, IPZV Trainerin B und Buchautorin "Ein Hobby mit Konsequenzen"

Haltung und Pflege des Islandpferdes

Ein Überblick

Haltung und Pflege unserer Islandpferde muss artgerecht sein, d. h. den Originalbedingungen möglichst nah kommen. Leider ist das nicht so einfach, wie es klingt. Es reicht uns nämlich nicht, das Pferd Pferd sein zu lassen. Wir halten unsere Isländer, um sie zu reiten, wir möchten sie leistungsfähig, ständig verfügbar und dem Zuchtziel entsprechend haben, und nicht zuletzt kommen noch Bequemlichkeit und Geltungsdrang des homo sapiens dazu.

Das Wildpferd

Die Natur hat das Pferd bestens für seine Lebensweise ausgerüstet. Seine Haut verfügt über einen äußerst aktiven Stoffwechsel und kann sich den verschiedensten Witterungs- und Klimabedingungen anpassen. Zusätzlich reagiert es mit Sommer- und Winterpelz auf jahreszeitliche Unterschiede. Auch das Fell, speziell die Unterwolle, stellt sich bei Kälte auf, um mehr isolierende Luftpolster zu bilden, und bei Regen ordnen sich die Haare dachziegelartig an, so dass das Wasser vom Körper weg nach unten abtropft.
Die Mähne ist meist dicht bis üppig, oft beidseitig, und schützt so Genick und Hals. Der Schopf hält Wind, Insekten und Staub von den Augen ab, der Schweif dient der Fliegenabwehr. Am Schweifansatz befinden sich dichte, seitlich abstehende Haare zum Schutz des Genitalbereiches.
Der Huf besteht aus gefühllosem Horn, das ständig nachwächst, und einem sehr sensiblen Hufmechanismus im Inneren. Die Festigkeit des Hufes erlaubt dem Pferd Bewegung auf jeder Art von Untergrund, auch über lange Strecken, und die Aktivität des Hufmechanismus wirkt elastisch und gelenkschonend.
Seine Verhaltenweisen dienen dazu, sich so lange wie möglich gesund (und damit fortpflanzungsfähig) zu erhalten. Es sucht bei Hitze schattige Plätze auf, nimmt Felsen, Hecken oder Baumbewuchs als Windschutz und dreht bei Regen- und Schneestürmen seine Kruppe zur Wetterseite. Auf Futtersuche bewegt sich das Pferd ständig ruhig vorwärts, in der Herde pflegt es Sozialkontakte mit Artgenossen und lernt, sich in eine Rangordnung einzufügen.
Wenn es stimmt – und davon bin ich überzeugt –, dass das Wildpferd in unseren Islandpferden noch weitgehend erhalten ist, gibt es nur eine artgerechte Haltungsform: Robusthaltung! (Zum Glück werden die meisten Islandpferde so gehalten.)
Robusthaltung in der Gruppe kommt den ursprünglichen Ansprüchen unserer Pferde am nächsten. Bei dieser Haltungsform können sie ihren Bedarf an Bewegung, Temperaturunterschieden, verschiedenen Witterungseinflüssen und Schutz davor befriedigen. Sie haben jederzeit Gelegenheit zum Wälzen, Scheuern, Fellkraulen, Spielen und anderen Sozialkontakten, und sie können sich – wenn auch auf begrenztem Raum - frei bewegen.
Eben dieser begrenzte Raum ist der Grund dafür, dass wir robust gehaltene Pferde nicht sich selbst überlassen können. Als Unterkunft brauchen sie einen Offenstall, im Sommer tut es ein Weideschuppen oder dichter Baumbestand als Schattenspender. Neben korrekter Fütterung sind zweckmäßige Haltungsbedingungen und geeignete Pflege nötig. Je artgerechter die Haltung ist, desto geringer ist der Aufwand, die Pferde optimal zu versorgen.

Jungpferde, tragende Stute, unreitbare Senioren, etc.

Auch Islandpferde, die noch nicht, im Moment nicht oder nicht mehr geritten werden haben Anspruch auf zweckdienliche Haltungsbedingungen und benötigen ein bestimmtes Maß an Pflege.

Was brauchen unsere „Halbwilden“?

Zaun:

 

stabil, sicher, Elektrozaun

 

 

Unterstand, Offenstall:

 

ausreichend groß, auch für rangniedere Pferde;

befestigter Boden; Liegeflächen

 

Auslauf:

 

weiche, befestigte und raue Bereiche

 

gefährliche Gegenstände:

 

entfernen

natürlicher Sonnen-/Regen-/ Windschutz:

 

kein Verletzungsrisiko, ausreichend für alle

 

Kontrolle der Anlage:

 

Stromgeräte; Wasserversorgung; Schäden durch Pferde, Witterung, Verrotten, …

 

Kontrolle der Pferde:

 

täglich; auf Verletzungen, Gesundheit, …

 

groben Schmutz:

 

ab und zu entfernen

 

Schweif:

 

kürzen, falls zu lang

 

 

Fellwechsel:

 

ev. kräftiges Striegeln zur Beschleunigung

 

Hufe:

 

Sohle und Strahl regelmäßig kontrollieren, ausgefranste Ränder raspeln, alle 8 – 12 Wochen ausschneiden lassen

 

 

Zusätzliche Pflege für gerittene Islandpferde

Sobald wir größere Ansprüche haben – zum Beispiel so etwas Unnatürliches wie Reiten – ist deutlich mehr Aufwand an Haltung und Pflege nötig, um Gesundheit und Leistungsbereitschaft des Pferdes zu erhalten. Schließlich wird das Pferd nicht mit Sattel auf dem Rücken und Trensengebiss im Maul geboren.

Was also ist zusätzlich nötig?  

 

Kontrolle vor dem Reiten:

 

kleine Verletzungen, Kratzer, „Kampfspuren“

 

Kontrolle nach dem Reiten:

 

Ballentritte, Gurt-/Satteldruck, Scheuerstellen

 

Putzen vor dem Reiten:

 

Vermeidung von Satteldruck, Scheuerstellen, usw.

 

Putzen nach dem Reiten:

 

Anregung der Zirkulation, Massage, Fell glätten

 

Eindecken:

 

erhitzte, verschwitzte Pferde, nach dem Reiten

 

Abspritzen/Abwaschen:

 

Beine ganzjährig, ganzes Pferd nur im Sommer, kein Wasser in Augen, Ohren, Nüstern

 

Waschen für Veranstaltungen:

 

mildes Shampoo, gründlich auswaschen; nicht zu häufig (Schutzschicht der Haut erhalten)

 

Mähne, Schweif einflechten:

 

für Veranstaltungen, ev. zur Entlastung einer Seite

Hufe:

 

vor und nach dem Reiten auskratzen; feucht halten, ev. Kronrand einfetten; regelmäßig berunden; alle
8 – 10 Wo Beschlagen oder Berunden durch Schmied.

 

spezielle Pflege auf längeren Ritten:

 

besonders gründlich putzen, Beine kühlen (in Bach stellen, abwaschen, abspritzen), Bandagieren, Sohle auf eingetretene Steinchen untersuchen, Beschlag kontrollieren, Sattellage waschen ...


Pflege von Boxenpferden

Boxenhaltung ist auch in Islandpferdekreisen nicht immer zu vermeiden. Vor allem Hengste sind betroffen, die nicht ohne weiteres ganzjährig mit anderen Pferden zusammen gehalten werden können. Auch nach Krankheit, während Lehrgängen auf fremden Höfen oder für Gastpferde hat die kurzfristige Unterbringung in einer Box ihre Berechtigung. Was dabei an Artgerechtigkeit fehlt, muss durch erhöhten Pflegeaufwand ersetzt werden.
Ein Islandpferd braucht wenn möglich eine Box mit Paddock, die ihm neben Tageslicht und frischer Luft wenigstens eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit und minimale soziale Kontakte zu den Nachbarn gestattet. Jedes Boxenpferd braucht außerdem täglich mehrere Stunden Bewegung außerhalb seines „Käfigs“, sei es durch Reiten, Longieren und/oder Koppelgang. Gründliches Putzen als kümmerlicher Ersatz für Scheuern, Wälzen und Fellkraulen muss ebenfalls garantiert sein.
In unserer Zeit und unseren Breiten können wir auch bei noch so viel gutem Willen unseren geliebten Vierbeinern keine endlosen Weideflächen mit natürlichem Witterungsschutz und frischem Quellwasser bieten. Die selbständige Nahrungssuche ist längst unmöglich. Futter wird getrocknet, geschrotet, gepresst und rationiert, das Trinkwasser kommt aus der Leitung. Jede Tierhaltung kann daher nur ein verantwortungsvoller Kompromiss zwischen den natürlichen Bedürfnissen der Tiere und der Realität des 21. Jahrhunderts sein. Mehr zum Thema in Ein Hobby mit Konsequenzen …