Sie sind hier: Fachartikel -> Eckart Meyners: 3 teilige Artikelserie

Leistungsgrundlagen des Reiters und Konsequenzen für das Pferd

Teil 3 - von Eckart Meyners

Eckart Meyners war über 38 Jahre lang Dozent für Sportpädagogik an der Universität Lüneburg. Seit 1976 widmet er sich Fragen des Bewegungslernens beim Reiten. Da die Reitlehre als Bewegungslehre für das Pferd gilt, sie aber keine Bewegungslehre des Menschen enthält, hat Meyners in diesem Defizit die Chance gesehen, den Reitern, Ausbildern und Richtern die Vielfältigkeit des menschlichen Bewegungslernens durchschaubar zu machen. Er schult für die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und international Landestrainer, Ausbilder, Richter und Reiter. Er ist der anerkannte Experte auf dem Gebiet der Bewegungslehre. Mittlerweile gibt es über 80 Berufsreitlehrer, die über die Zusatzqualifikation "Eckart Meyners-Bewegungstrainer" verfügen.

Dreiteilige Artikelserie über die Leistungsgrundlagen des Reiters und Konsequenzen für das Pferd

Teil 3: Die komplexen Hintergründe von Schiefen des Reiters

Artikel zum Ausdrucken im .pdf Format

Grundsatzposition: Sichtweisen von Bewegung
Reiten wird heute immer noch als eine in Raum und Zeit ablaufende Veränderung der Bewegungen von Reiter (und Pferd) verstanden. Ausbilder und Richter orientieren sich fast ausschließlich an den ablaufenden Veränderungen des Reiterkörpers (und des Pferdes). Man analysiert, wie sich der Reiterkörper (und Pferdekörper) und seine Teile auf welche Weise und wohin bewegen. Der Blick ist ausschließlich von außen auf das Äußere gerichtet.

Wenn diese Position ausschließlich vertreten wird, dann geht es dem Betrachter einzig um die Form des Sitzes. Sitzt ein Reiter z.B. nach außen, so würde der Reitlehrer ihn anweisen, dass Gewicht nach innen zu verlagern, ohne zu hinterfragen, welche Hintergründe zu dieser falschen Sitzposition geführt haben. Es wird nicht bedacht, dass die Ursachen von Bewegungsproblemen eigentlich nie dort zu finden sind, wo man sie sieht. Verändert man den Reiter an dieser Stelle, hat man kaum Erfolg. Meistens wirkt der Reiter danach noch verkrampfter als vorher, weil er nun Muskeln benutzt, die für diese Veränderung des Sitzes nicht zuständig sind. Die funktionalen Abläufe innerhalb des Reiters werden somit nicht beachtet. Man bedenke: Die Form folgt der Funktion und nicht umgekehrt.

Leider wird eine solche Unterrichtserteilung (anweisungsorientierter Unterricht) und Betrachtungsweise von Bewegung in der Reiterei fast ausschließlich praktiziert, erreicht jedoch nicht das Individuelle der Bewegungen des Reiters und vermag nicht in die Tiefe der eigentlichen Vorgänge einzudringen. Der Reiter bleibt vom Ausbilder abhängig, wird nicht in den Unterrichtsprozess mit einbezogen, lernt nicht die Zusammenhänge zu erkennen, zu erfühlen und kann keine Selbständigkeit entwickeln.

Diese physikalische Sichtweise von Reitbewegung bietet keine Einsicht in die Eigenart der Reiter- (und Pferde-) bewegungen. Den Reiter nur von außen zu betrachten und zu bewegen hat insofern Grenzen, als Begriffe wie Bewegung oder Stellung bestimmter Körperteile (Rumpf, Kopf, Wirbelsäule, etc.) nichts Abstraktes, sondern Ausdrücke des menschlichen Daseins sind. Die äußere Haltung ist immer an das Dasein und die inneren psychischen und physischen Vorgänge gebunden (Meyners 2002, 2003). Innere Probleme des täglichen Lebens spiegeln sich auch an äußeren Bewegungsmerkmalen wieder.

Eine Sichtweise von Bewegung, die die Funktionen des Reiters in den Mittelpunkt rückt, geht davon aus, dass der Reiter nicht anweisungsorientiert bewegt wird, sondern sich bewegt, also selbst Auslöser seiner Bewegungen ist. Beim Reiten als Sich-Bewegen vollzieht der Reiter seine Bewegungen eigenständig nach Absprache mit dem Ausbilder.  Der Reitlehrer orientiert sich an äußeren Abläufen seines Reiters  und inneren Vorgängen, die er mit seinem Schüler in einem Dialog austauscht. Wenn der Reitlehrer nicht erfährt, wie der Reiter sich „von innen sieht“, kann er keine  weiteren Schritte einleiten. Ein solches Konzept nennt man „handlungsorientiert“, führt den Reiter zur aktiven Mitgestaltung des Unterrichts, weil der Ausbilder weniger anweist, sondern berät. Muskuläre, nervale und psychische Prozesse sind insofern von großer Bedeutung, weil sie Teilbedingungen für Funktionen (Absichten/ Intentionen) darstellen. Es werden unter einer solchen Sichtweise von Bewegung nicht nur Körper betrachtet, sondern der Ausbilder nimmt den Reiter als eigenständiges Wesen wahr.

Reiter dürften heute  aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse niemals mehr nur von außen betrachtet werden, sondern die Innenperspektive muss ebenso einbezogen werden. Dabei gewinnen Theoriehintergründe aus unterschiedlichen Sichtweisen von Bewegung (die hier am Problem Schiefe nur ansatzweise einbezogen werden) an Bedeutung.

Bezogen auf das Sitzen des Reiters nach außen würde es bei dieser Sichtweise zunächst darum gehen, die Wahrnehmung des Reiters für dieses Problem zu schärfen. Der Reiter muss es spüren, dass er nach außen sitzt, um es verändern zu wollen und zu können. Danach geht es um das Herausfiltern der Hintergründe für diesen Bewegungsmangel, die unterschiedlich sein können. Wenn der Reitlehrer sie durch einen Dialog mit dem Reiter herausgefunden hat, muss er ihm Bewegungsstrategien an die Hand geben, um dieses Problem lösen zu können. Er muss wissen, warum der Reiter so nach außen sitzt und wie er ihm vermitteln kann, korrekt zu sitzen. Es genügt nicht, das Gegenteil zu formulieren („sitz innen“), weil gemäß Alexander (1988) dann folgende  Aussage greifen würde: „Das Gegenteil zu machen heißt, eine ungünstige Koordination durch eine andere Art schlechter Koordination zu ersetzen!“

Nach Finden der Lösung für den Reiter muss dann der Zusammenhang zu den Bewegungsabläufen des Pferdes hergestellt werden. Auch dieser Bewegungszusammenhang muss vom Reiter erspürt werden. Somit hat der Reitlehrer eine insgesamt andere Funktion. Er weist nicht mehr an, sondern wird zum Unterstützer des Lern- (Umlern-) prozesses. Die Lösungen werden auf einer dialogischen Ebene gemeinsam zwischen Ausbilder und Reiter erarbeitet. Somit wird der Reiter befähigt, auch ohne den Reitlehrer zu Hause alleine für sich und das Pferd Entscheidungen treffen zu können. Wie Schrittfolgen eines solchen Unterrichts aussehen, kann in Veröffentlichungen von Meyners (2013, 2015 a, Niemann 2015) nachgelesen werden.

Somit wird deutlich sein, dass die „Schiefe des Reiters“ auch nicht ausschließlich formal betrachtet werden kann. Um dem Phänomen der Schiefe des Reiters auf den Grund gehen zu können, sollen im Folgenden unterschiedliche Positionen bei der Darstellung einbezogen werden, ohne die gesamte Komplexität erfassen zu wollen.

1. Anatomisch-physiologische Hintergründe

1.1 Skoliose

Weitestgehend einfach kann sich der Reitlehrer die Schiefe erklären, wenn sie sich auf eine Skoliose (seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule) zurückführten lässt. In diesem Zusammenhang ist zu fragen, ob die Skoliose strukturelle oder funktionelle Hintergründe hat. Strukturell bezieht sich auf Vererbung, während funktionelle Skoliosen sich aus einer Vielzahl von Bedingungen ergeben können. Insgesamt ist die Höhe der Prozentwerte nicht so alarmierend. Laut Aussagen der BAG (1)  liegen sie z.B. im Jugendalter unter 10 % eines Jahrgangs, aber in der Reiterei wird diese seitliche Verkrümmung sehr hoch aufgehängt.

1.2 Kopfgelenke und Kreuzdarmbeingelenk

Nicht freie Kopfgelenke (Übergang vom Schädel zum 1. Halswirbel dem Atlas, Übergang Atlas – Axis) können sich so auf die Wirbelsäule auswirken, dass eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule die Folge sein kann. Die Kopfgelenke korrespondieren mit dem Kreuz-Darmbein, das im Bewegungszentrum (Beckenbereich) des Reiters liegt. Es ist der Übergang des Kreuzbeines zum Beckenring. Bei einer Blockade sind die Bewegungen des Reiters nicht mehr dreidimensional und stören somit die Dreidimensionalität der Pferdebewegungen. Die Blockade des Kreuzdarmbein-Gelenks kann dauerhaft zu einer seitlichen Verstellung der Wirbelsäule führen, sodass die beidseitige Gewichtshilfe nicht funktionieren kann. Der Reiter sitzt dann meistens einseitig belastend, ohne es zu spüren und verändern zu können.

1.3 Muskuläre Dysbalancen

Phylogenetisch neigen bestimmte Muskeln zur Verkürzung, während andere zur Abschwächung tendieren. Diese Dysbalancen im Körper des Reiters führen ebenfalls zu Schiefen, weil das menschliche System nicht mehr ausgeglichen funktioniert. Man muss sich den Reiter als Bootsmastmodell vorstellen. Dabei ist der Mast (die Wirbelsäule) im Gegensatz zum Boot nicht starr, sondern sehr labil. Da nun diese muskulären Unterschiede dauerhaft auf das Gesamtsystem Reiter wirken, können unterschiedliche Schiefen die Folge sein.
Das Verschmelzen der Reiter- mit den Pferdebewegungen ist das Ziel des Reitens. Ein flexibles Becken des Reiters ist Voraussetzung. Es muss  sich in alle Richtungen (vor-zurück; rechts-links; oben-unten) gleich weit bewegen können, was nicht immer gegeben ist. Die tiefe Rückenmuskulatur, die „Klemmer“ (Adduktoren) und der Hüftbeugemuskel (Iliopsoas) neigen zur Verkürzung, während die Bauch- und Gesäßmuskeln zur Abschwächung neigen. Dieser Ungleichgewichtszustand aller Muskeln um das Becken herum muss durch Funktionstraining ausgeglichen werden, damit keine Schiefen entstehen.

Weiterhin sind die seitlichen Rumpfmuskeln (die viereckigen Lendenmuskeln) bei vielen Reitern nicht gleichmäßig stark ausgebildet, sodass daraus Hüft- und Schulterschiefstände entstehen, denn besonders beim Reiten auf gebogenen Linien kann keine seitlich stabilisierende Haltung im Oberkörper erzielt werden kann.

1.4 Hüft- und Schulterschiefstände - Kopfneigungen

Schulter- und Hüftschiefstände können weitere Hintergründe haben. Kann der Reiter seinen Kopf nicht aufrecht tragen, weil u.a. die eine Seite der Muskeln des Halses verkürzt ist, führt diese Tatsche zu einer negativen Steuerungsfunktion für den gesamten Reiter. Hintergründe: Eine Neigung des Kopfes zu einer Seite führt zu einer seitlichen Verkrümmung der Wirbelsäule. Daraus kann sowohl ein Schulter- als auch Hüftschiefstand resultieren.

Orientiert sich der Ausbilder vorrangig an der Schulter oder Hüfte als äußerlich deutlich sichtbare Merkmale und versucht, diese Differenzen durch bewusstes Hochziehen oder Senken durch den Reiter zu kompensieren, wird er damit keinen Erfolg haben. Die Balance des Köpers wird gemäß Bootsmastmodell  vom Kopf aus gesteuert. Ist er nicht optimal positioniert, wird das gesamte Verspannungssystem verändert.

Ein seitliches Neigen des Kopfes führt zur seitlichen Verkrümmung der Wirbelsäule (Skoliose). Ein nach vorne gestreckter Kopf erzeugt einen Rundrücken (Kyphose), während ein im Nacken getragener Kopf zu einem Hohlkreuz (Lordose) führt. Der Reiter ist bei allen drei Positionen des Kopfes nicht mehr im Lot, also schief. Man bedenke dabei, dass Becken und Schulter eng miteinander korrespondieren. Bei einer verstellten Schulter kann (muss nicht) es sich auch auf das Becken auswirken und umgekehrt.
Schulter- und Hüftschiefstände können noch weitere Ursachen haben. Wenn  Beinlängenunterschiede beim Reiter bestehen, verstellt sich das gesamte Bootsmastmodell des Reiters. Der Ausbilder darf die Bügellänge nicht entsprechend den Unterschieden der Beine anpassen, weil es zu einer Stabilisierung des Zustands führen würde.

Ein solcher Reiter müsste insgesamt mit kürzeren Bügeln reiten, damit alle Gelenke des Beines (Zehengelenke, Sprunggelenke, Knie- und Hüftgelenk) optimal schwingen können und somit dem Becken größere Freiheit geben, die Beinlängenunterschiede durch erhöhte Beweglichkeit ausgleichen zu können. Ein langer Bügel schränkt die Beckenbeweglichkeit ein, sodass sich der Unterschied in der Beinlänge negativ auswirkt.

1.5 Das Golgi-System

Nicht nur die Muskulatur im Beckenbereich sorgt für Schiefstände, sondern ebenfalls die Golgi-Sehnen-Organe (Muskel-Sehnen-Übergang) der Adduktoren und Hüftbeuger. Während Muskelspindeln die Funktion der Muskellängenanpassung haben, sind Sehnenspindeln (Golgi-Rezeptoren) an der Regulierung der Muskelspannung bei Kontraktionen zuständig und schützen bei schnellkräftigen Belastungen vor Verletzungen. Auf passives und aktiv-dynamisches Dehnen reagiert dieses System kaum. Nur spezielle Dehntechniken, durch Physiotherapeuten angewendet, könnten weiterhelfen. Leider begeben sich Reiter zu wenig in die Hände dieser Fachleute, wie es Sportler anderer Disziplinen tun.

Welche Methode bleibt nun einem Laien übrig? Das Golgi-System reagiert auf starke Erregung, die man durch kurzes Zupfen mit Daumen und Zeigefingern erzeugen kann. Da die Spannungszustände in den Adduktoren und Hüftbeugern durch langandauernde einseitige Fehlbelastungen des Alltags sehr hoch sind, können die Stimulierungen mit den Fingern zu Beginn sehr unangenehm sein. Bei mehrmaliger Erregung  sinken die Spannungszustände schnell und das Unangenehme ist nicht mehr spürbar (Meyners 2005, S. 60/105, 2015 b, S. 44-45).

Auch die Schulterschiefstände können ihre Ursache in den Golgi-Sehnen-Organen von Schulterheber und Brustmuskeln haben. Bei vielen Reitern ist das so genannte Schreckmustersyndrom zu erkennen. Äußere Kennzeichen von Stresszuständen sind hochgezogene Schultern. Die Brustmuskulatur neigt ebenfalls zur Verkürzung, während die Muskulatur des oberen und mittleren Teils des Schultergürtels zur Abschwächung tendiert. Sowohl Schulterheber als auch Brustmuskelbereich können durch
durch zupfende Stimulierung entlastet werden, sodass sich die inneren Spannungen und äußerlich sichtbaren Symptome reduzieren können.

2. Bewegungslehre des Reiters

2.1 Cross-Koordination

Heutige Menschen bewegen sich grundsätzlich zu wenig, haben monotone Sitztätigkeiten, starren stundenlang auf den Computer, etc., sodass der Körper in Stresszustände gerät, die zur Homolateralität führen. Der Mensch wird im Gehirn zum Passgänger, obwohl er grundsätzlich Cross-Koordinierer ist. D.h. die linke Gehirnhälfte ist nicht mehr für die rechte Körperseite und die rechte nicht mehr für die linke zuständig. Die Impulse beider Hemisphären funktionieren nicht für die entgegen gesetzten Körperseiten, sondern für dieselbe Seite. Dies ist ein Stresszustand für den Menschen.

Dieser Zustand wirkt sich natürlich auf den Reiter negativ aus, weil er nicht mehr gegengleich arbeiten kann. Die Schrittbewegung des Pferdes ist wie die Gangbewegung des Menschen. Beim Gehen wird das rechte Bein nach vorne gesetzt, gleichzeitig schwingt der linke Arm vor. Besitzt ein Reiter diese Fähigkeit nicht mehr, ist er nicht imstande, sich als Einheit mit den Pferdebewegungen zu bewegen, d.h. er kann sein Becken nicht mehr gegen seine Schulter verwringen, weil die Gehirnhälften nicht mehr Signale in Richtung der jeweilig gegenüber liegenden Körperseite aussenden.
Der Reiter sitzt also nicht mehr in der Bewegung des Pferdes, d.h. Schulter Reiter – Schulter Pferd und Becken Reiter - Becken Pferd sind nicht mehr parallel. Da die große Masse Pferd die kleine Masse Reiter bewegt, setzt das Pferd den Reiter gemäß seiner eigenen Schiefe auch schief aufs Pferd. Der Reiter muss Lateralität (Überkreuzbewegungen) durch gezielte Bewegungsanregungen herstellen. Hierzu können Übungen aus dem Bereich der Angewandten Kinesiologie dienen, um das gehirngerechtes Lernen wieder zu ermöglichen (Meyners 2010, 2015 b).

2.2 Defizite aus dem Kindesalter

Die abgehandelte fehlende Cross-Koordination hat heute bei vielen Kindern und Jugendlichen ihre Ursache in der frühen Kindheit. Es ist heute davon auszugehen, dass Kinder bis zu 60 % eines Jahrgangs nicht mehr die Krabbelphase vor der Phase des Sich-Aufrichtens und  Gehens durchlaufen. Dadurch fehlt die Koordination der linken mit der rechten Hemisphäre, sodass die Kinder heute mehr Passgänger als Cross-Koordinierer sind. Man erkennt diese Symptome beim Krabbeln und auch beim Vollziehen des Hopserlaufs.

Dadurch entstehen nicht nur Defizite in ihrer Motorik, sondern auch in kognitiven Leistungsbereichen (Lesen, Schreiben, Rechnen). Da die Lauflernindustrie sehr früh durch Hopser, Laufwagen, Lauflernschuhe, etc. in den natürlichen motorischen Entwicklungsprozess eingreift, finden fundamentale Reifungsprozesse des Gehirns nicht mehr statt. Kinder lernen eigentlich nicht Laufen im Sinne der Steuerung der Laufprozesse von außen, sondern reifen Laufen. Gemeint ist damit, dass sich die Muskulatur und das Gleichgewicht durch selbstinitiierte Reize aufgrund einer anregungsreichen Umgebung entwickelt und das Kind selbst spürt, wann es sich auf die Füße relativ gefahrlos stellen kann.

Stattdessen schauen sie zu früh viel Fernsehen oder spielen mit Game-Boys anstatt sich mehr zu bewegen. Dadurch finden immer weniger grundlegende synaptische Verknüpfungen im Gehirn statt, was Berg (1991) mit „digitalem Hirnfraß“ bezeichnet. Es reduzieren sich nicht nur die motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern ebenso die Grundlagen für Lernen schlechthin.

2.3 Gleichgewichtsfähigkeiten

Aufgrund der bereits beschriebenen Reduzierung der Bewegungsumfänge des heutigen Menschen werden seine koordinativen Fähigkeiten nicht genügend ausgebildet, sodass sie sich den auf dem Pferd ständig verändernden Situationen nicht flexibel anpassen können. Vor allem Dingen sind Gleichgewichtsfähigkeiten nicht optimal entwickelt. Annähernd 40 % der Schuleintrittskinder haben Defizite in dieser Fähigkeit.

Sowohl das vestibuläre als auch das kinästhetische System erhalten zu wenige Reize. Sie müssen durch sich ständig  verändernde Tätigkeiten in hohem Maße stimuliert werden, um als Reiter keine Defizite in dieser fundamentalen koordinativen Fähigkeit zu haben. Das funktionierende Gleichgewichtssystem ist insofern fundamental wichtig, weil eine Schwäche im Gleichgewicht alle anderen Sinne negativ beeinträchtigt (Ayres 1984, Ayres/Robbins 1999).

Das vestibuläre Gleichgewicht wird durch Funktionszusammenhänge des Innenohres gesteuert. Wenn Sacculus, Utriculus und Bogengänge nicht optimal funktionieren, kann der Reiter den dreidimensionalen Bewegungen des Pferdes bewegungsmäßig nicht folgen, sodass seine Bewegungen nicht mit dem Pferd verschmelzen können. Er würde gegen die Bewegungen des Pferdes sitzen. 

Diese drei Organe des Innenohres haben unterschiedliche Funktionen. Die Bogengänge dienen zum Registrieren und Ausgleichen von Störungen des Gleichgewichts bei Drehbewegungen. Sacculus in Zusammenarbeit mit Utriculus sind für lineare Beschleunigungen und die Lage des Kopfes im Raum zuständig. An dieser Stelle kann ein Bezug zur Steuerungsfunktion des Kopfes hergestellt werden, denn eine Beeinträchtigung der Kopfstellung (Kopfsteuerung)  könnte auch im Zusammenhang mit Dysfunktionen von Utriculus und Sacculus zu sehen sein.

Das kinästhetische Gleichgewicht bezieht sich auf die Propriorezeptoren an den Muskeln, Sehnen und Gelenken, die die schnellsten Leitungsbahnen unter allen Rezeptoren besitzen (Sie sind mit allen anderen Sinnen eng verknüpft). Feinste Ungleichgewichtssituationen werden von ihnen wahrgenommen und ausgeglichen, wenn sie durch viele Bewegungen im Alltag und Sport ständig sensibilisiert werden.  Funktionieren die Propriorezptoren nicht sensibel genug, werden die Signale in Ungleichgewichtssituationen zu spät wahrgenommen, sodass die Regulierungen von Sitzschiefen, Verdrehungen und stoßenden Bewegungen nicht adäquat vorgenommen werden können.

2.4 Augendominanz

Schiefen des Reiters können auch durch Differenzen im visuellen System entstehen. Wenn nun z.B. das rechte Auge besser Entfernungen und Geschwindigkeiten einschätzen kann als das linke, kann es beim Reiten Konsequenzen vor allem auf gebogener Linie haben. Wenn der Reiter also eine Linkswendung reitet kann dieser Reiter beim Abwenden mit seinem linken Augen die Linkswendung nicht optimal sehen. Durch das schwächere linke Auge wendet der Reiter seinen Kopf nach links stärker ab, um sein besseres rechtes Auge zur Kompensation des schwächeren linken mit einzubeziehen. Er wendet den Kopf also stärker als normal nach links ab. Diese kompensatorische Bewegung des Kopfes zahlt sich bei der nächsten Wendung nach rechts negativ aus, weil der Kopf einen längeren Weg hat, sodass der Körper des Reiters nur noch verspätet folgen kann. Konsequenzen sind daraufhin Bewegungsfehler des Pferdes.
Solche Differenzen der Augen können u.a. durch spezielle Life-Kinetik-Übungen ausgeglichen werden (Neureuther 2009, Lutz 2014). Ebenso kann man das Brain-Gym-Konzept aus der angewandten Kinesologie anwenden, um den Reiter auf die Cross-Koordination (Lateralität), die Bewegungsübertragung vom Kopf bis zu den Füßen (Zentrierung) und die Bewegungen vor und zurück (Fokussierung) zu ermöglichen (Dennison/Dennison 2004, Meyners 2010). Somit kann sich der Reiter mit dem Pferd im Raum in allen Richtungen problemlos bewegen.

2.5 Psychologische Aspekte

Es ist heute unumstritten, dass negative psychologische Zustände sich auf die Haltung des Menschen auswirken (Motto: Angst macht krumm). Deshalb sind bei schiefen Reitern immer auch psychologische Hintergründe mit einzubeziehen. Es beginnt beim so genannten Schreckmustersyndrom, den hochgezogenen Schultern.

Der Mensch ist phylogenetisch ein Lastenträger, doch tragen die Menschen heute in Europa keine Lasten mehr auf dem Kopf. In anderen Kulturen ist es teilweise immer noch so. Für diese konkreten Lasten sind symbolische getreten wie Ängste, Stress, etc., die sich in den Körper „hineinfressen“. Für den Ausbilder sind die Phänomene nicht leicht zu erkennen und zu beheben, weil sich viele Reiter auch nicht genügend „öffnen“. Nur mit der Anweisung „Schultern fallen lassen“ ist es eben nicht getan.

Der Stress erfasst heute bereits die Körper der Kinder und Jugendlichen, weil die gesellschaftlichen Ansprüche an sie schon in jungen Jahren sehr hoch sind. Der Schulabschluss hat heute eine solch hohe Bedeutung gewonnen, dass bereits im 1. Schuljahr die Angst bei Eltern umgeht, dass das Abitur nicht geschafft wird und somit der Karriereweg abgeschnitten ist. Insgesamt determiniert die Schule die heutigen Kinder und Jugendlichen mehr als früher (siehe u.a. Ganztagsschule).

Des Weiteren sind bestimmte Berufe aufgrund der Körperhaltung hochgradig stressend. Dazu gehören u.a. Frisör, Zahnarzt und Sekretärin. Diese monotonen Haltungen aus dem Alltagsleben sind auf dem Pferd nicht so einfach abzuschütteln und wirken sich bezüglich des aufrechten Sitzes und des Mitschwingens mit dem Pferd  negativ aus.

3. Fazit

Die Komplexität des Themas ist hoffentlich deutlich geworden und eine monokausale (nur von einer Sichtweise – Meyners 2014) Betrachtung des Phänomens „Schiefe“ nicht akzeptierbar. Die Abweichungen des Reiters von einer normal aufrechten Körperhaltung ohne Verdrehungen, Vor- oder Zurückneigungen und seitlichen Schiefen sind nicht immer leicht herauszufinden. Der gängige Unterricht bezieht die Entstehungshintergründe nicht vertiefend genug mit ein. Dabei muss festgehalten werden, dass die Ursachenfindung auch nicht leicht ist. Der Reiter ist eben ein hoch komplexes Wesen, zumal die Beeinflussung noch durch das Pferd hinzu kommt.

Literaturangaben:
Alexander, F.M. Der Gebrauch des Selbst. München 1988
Ayres, J. Bausteine der kindlichen Entwicklung. Die Bedeutung der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Berlin/Heidelberg/New York/Tokyo 1984
Ayres, J./Robbins, J. Bausteine der kindlichen Entwicklung. Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Berlin 1998
Berg, Ch. Kinderwelten. Frankfurt a.M. 1991
Dennison, P.E./G. Brain Gym. Kirchzarten 2004, 13. Aufl.
Dennison, P.E./G. Lehrerhandbuch Brain Gym. Kirchzarten 2004, 13. Aufl.
Lutz, H. Gehirntraining durch Bewegung. München 2014, 4. Aufl.
Meyners, E. Lehren und Lernen im Reitsport. Lüneburg 2002, 2. Aufl.
Meyners, E. Das Bewegungsgefühl des Reiters. Stuttgart 2003
Meyners, E. Angewandte Kinesiologie – gehirngerechtes Lernen. In: Lange, H. /Sinning, S. (Hg.) Handbuch Methoden im Sport. Balingen 2010, S. 201 - 217
Meyners, E. Die „Schiefe“ des Reiters. In: FFP (Hg. - Spezialheft) Die natürliche Schiefe des Pferdes. Jülich 2011, S. 112 – 131
Meyners, E. Bewegungsgefühl und Reitersitz. Stuttgart 2012, 2. aktualisierte Aufl.
Meyners, E. Reiten lehren: Ohne Didaktik geht es nicht. In: Dressurstudien 9 (2013) 2, S. 106 - 121
Meyners, E. Grundsatzplädoyer für eine ganzheitliche Sichtweise. In: Meyners, E. Sitzen lehren und lernen. Hennef 2014, 2. Aufl. , S. 166 - 191
Meyners, E./Müller, H./Niemann, K. Reiten als Dialog. Die Verknüpfung von Reit- und Bewegungslehre. Stuttgart 2011
Meyners, E. Statt Kasernenton Empfehlungen: So lernen Reiter am besten. In: Dressurstudien 11 (2015 a) 1, S. 77 - 86
Meyners, E. Aufwärm- und Übungsprogramm für Reiter. Stuttgart 2015 b
Neureuther, F. Mein Training mit Life Kinetik (entwickelt von Horst Lutz). München 2009
Niemann, K. Erziehung zur Selbständigkeit. In: St. Georg (2015) 7, S. 57 - 61

(1) Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e.V. in Wiesbaden

Hier finden Sie den Artikel zum ausdrucken im .pdf Format

Teil 1: Komplexe Leistungsanforderungen an den Reiter

Teil 2: Die Skala der Ausbildung des Reiters

Teil 3: Die komplexen Hintergründe von Schiefen des Reiters