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Blutegeltherapie bei Pferden - Egel oder Ekel

von Tierheilpraktikerin Heike Ponndorf

Blutegeltherapie bei Pferden
Egel oder Ekel?
Wer bei der Erwähnung von Blutegeln lieber schnell weiterblättern möchte, dem sei gesagt, es lohnt sich meist, sich mit scheinbar unangenehmen Dingen auseinander zu setzen, denn vieles verliert seinen Schrecken bei näherer Betrachtung. Im Gegenteil, manch einer erlag schon bald seiner Faszination. Auch mir erging es so als ich mich zum ersten Mal überwunden hatte, einen Blutegel in die Hand zu nehmen. Mir fiel sofort die individuelle und wirklich als schön zu bezeichnende Musterung eines jeden Tieres auf.

Der Begriff „Egel“ stammt von dem griechischen Wort „elchis“ ab und bedeutet kleine Schlange. Tatsächlich erinnern ihre eleganten Schwimmbewegungen an die der Schlangen.  Biologisch betrachtet sind sie jedoch wirbellos und gehören zur Gattung der Ringelwürmer. Sie leben als Zwitter in den Uferregionen klarer, naturbelassener Gewässer und können Sauerstoff sowohl über die Luft als auch aus dem Wasser aufnehmen.

Die Blutegeltherapie gehört zu den ältesten Heilmethoden, die in der Geschichte der Medizin überliefert wurden.  Erste Aufzeichnungen gehen auf bis zu 3000 v. Chr. zurück. Der letzte Höhepunkt in der Nutzung von Blutegeln war im 19. Jhd., als die Egel massenhaft, mit bis zu 100 Egel pro Mensch eingesetzt worden sind. Das diese Behandlungsweise eine hohe Komplikationsrate hatte, ist aus heutiger Sicht einleuchtend und vieler Aversionen und Vorurteile von heute haben ihren Ursprung in dieser Zeit des „Vampyrismus“.  In Deutschland ist die Zahl der freilebenden Blutegel nicht nur aufgrund dieses massiven Einsatzes, sondern auch wegen der sich verändernden Umweltbedingungen so stark zurückgegangen, dass sie unter Naturschutz stehen. Weltweit gibt es ca. 600 verschiedene Blutegelarten. Allerdings werden davon nur sehr wenige für therapeutische Anwendungen genutzt. Die wichtigsten medizinischen Egel sind die Arten Hirudo medicinalis, Hirudo verbana und Hirudo orientalis.

Die heute in der Therapie eingesetzten Blutegel gelten nach §4 Abs. 1 des Arzneimittelgesetzes als Fertigarzneimittel und unterliegen somit den gleichen Anforderungen an Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit, wie alle zulassungspflichtigen Arzneimittel. Deshalb gibt es in Deutschland auch nur sehr wenige Züchter, die medizinische Blutegel züchten, bzw. Blutegel für den medizinischen Gebrauch auf den Markt bringen dürfen. „Wildfänge“ kommen häufig aus Osteuropa und dürfen erst nach einer mindestens 6 monatigen Quarantänezeit zum Einsatz kommen. Die Hygienestandards in der Zucht und Hälterung sind sehr hoch, sodass ein Infektionsrisiko nahezu ausgeschlossen werden kann. Nach ihrem Einsatz müssen die Egel als „medizinscher Abfall“ entsorgt werden.


Ein kleiner Aderlass durch urzeitliche Tiere mit großer Wirkung
Ihr „Biss“, der übrigens nahezu schmerzfrei ist, hat eine immense Wirkung. Drei kleine Zahnleisten mit bis zu 80 winzigen Kalkzähnchen durchdringen die Haut und der Egel setzt über seinen Speichel  (Saliva) eine Kombination aus verschiedenen entzündungshemmenden, gerinnungshemmmenden, durchblutungsfördernden, antimikrobiellen und schmerzstillenden Wirkstoffen frei. Die Hauptbestandteile sind die gerinnungshemmenden Substanzen Hirudin und Calin, entzündungshemmende Egline und die antibiotisch wirksame Hyoloronidase. Mindestens 20 weitere Substanzen werden noch in der Saliva vermutet. Die genaue Zusammensetzung ist zwar noch nicht endgültig geklärt, jedoch geht man in der Naturheilkunde davon aus, dass synthetisch hergestellte Komponenten nicht die komplexe Wirksamkeit des natürlichen Blutegelspeichels haben werden.
Aufgrund dieser komplexen Wirkungsweise lassen sich Blutegel  bei vielen verschiedenen Erkrankungen einsetzen. In der Humanmedizin haben sie längst wieder an Stellenwert gewonnen und werden dort mit großem Erfolg u.a. bei Erkrankungen des Bewegungsapparates, aber z.B. auch in der Wiederherstellungschirurgie eingesetzt.
In der Tiermedizin sind sie im Einsatz bei Arthritis, Arthose, Erkrankungen des Bänder-, Sehnen- und Muskelapparates, Gallen, Wirbelsäulenerkrankungen,  Ekzeme, Narbenprobleme, Hämatome oder auch Zahnerkrankungen vielversprechend. Auch bei typischen Erkrankungen unserer Pferde wie Hufrehe, Hufrollenerkrankungen oder Sommerekzem haben Blutegel schon viel bewirken können. Durch diesen kleinen Aderlass ist häufig rasch eine lindernde Wirkung zu beobachten und die meisten Pferde entspannen deutlich während der Behandlung. Wer diese erstaunlichen Erfolge beobachtet hat und die Dankbarkeit seines Pferdes spürt, das endlich wieder schmerzfrei ist,  hat auch seine Abneigung gegen Blutegel und die zugegeben etwas „blutige Angelegenheit“ bald überwunden.
Ein erwachsener Egel kann das 6-10fache seines Körpergewichtes an Blutmenge aufnehmen. Das sind etwa 20-50 ml. Außerdem blutet die Bissstelle noch 2-24 Stunden nach. In dieser Zeit tritt nochmal etwa die gleiche Menge Blut aus. Diese Nachblutung ist wünschenswert und wichtig für den Heilungsprozess. In vielen Fällen ist bereits eine einmalige Behandlung ausreichend und die Wirkung hält über einen längeren Zeitraum an. Manchmal ist aber auch eine Nachbehandlung notwendig oder es macht Sinn, die Blutegeltherapie mit anderen Therapien, wie z.B. der Homöopathie zu kombinieren.

Wenn Sie Interesse an einer Blutegeltherapie haben, wenden Sie sich am besten an erfahrene Therapeuten. Von einer selbständigen Behandlung rate ich dringend ab, denn auch für die Blutegeltherapie gibt es Kontraindikationen, auch wenn die Komplikationsrate bei sachgerechter Anwendung sehr gering ist.

©2016, Heike Ponndorf, Tierheilpraktikerin für Pferde
www.tierheilpraktikerin-pferde.de

Literatur:
Anke Henne, Blutegeltherapie bei Tieren, Unimedica, 4.Aufl. 2014
Dr. Susanne Hauswirth, Hirudopunktur – Akupunktur mit Blutegeln, Zeitschrift für ganzheitliche Tiermedizin 2014, Sonntag Verlag

 

Heike Ponndorf
Tierheilpraktikerin für Pferde
Johanneswinkel 5
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Bilder: Heike mit ihrer Islandstute Saga
© Heike Ponndorf

Interview: Fleygur