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witzige Kolumne

von Karen Diehn in mehreren Teilen - Teil 1

Aufs Islandpferd gekommen…

Als Kind war ich Reitschüler in einer „normalen“ Reitschule, wo alles irgendwie geordnet, adrett und englisch zuging. Meine reitbaren Untersätze lebten in Boxen, gingen einige Stunden auf Weide und hießen Minor, Pünktchen, Titus oder Suse.

Irgendwann aber erinnerte ich mich an meine Urlaubs-Reiterfahrungen diesen „anderen“ Pferden, mit den Isländern, und daran, dass man mit denen ganz nett durchs Gelände bummeln konnte. Passenderweise fand sich Isi-Hof in der Nähe, der vom Grünkohlritt bis zum Sattel so ziemlich alles rund um die nordischen Gangtalente anbot. Als Großpferde erfahrender Umsteiger begann mein Einstieg in die Isländerwelt an einem Sonntagmorgen 9 Uhr mit einem regelrechten Reitkulturschock: In der Reitschule hätte man um 2 vor 10 die Ausbinder verschnallt, um dann um 1 vor 10 Uhr reitfertig in der Halle aufzumarschieren. Im Isländer-Stall aber war auch um 9.45 Uhr noch niemand zu sehen, geschweige denn ein Pferd fertig. Isländerleute sind sehr… locker mit ihren Zeitangaben, das war eine meiner ersten Lektionen. Sollte ein Ausritt um 10 Uhr beginnen, brauchte man eigentlich nicht vor halb elf zur Pferdeverteilung einzutreffen, die bei einem Becher Kaffee stattfand.

Edle Lederstiefel, luftige Westen und Reithosen in farbenfrohen Tönen wurden auf dem Isi-Hof nicht getragen. Als Neu-Islandpferdereiter schaffte ich mir also schnell einen schlammfarbenen Wachsmäntel an (besonders bewährt für Wattritte), wählte Gummi- statt Lederstiefel und gedeckte, schmutzunempfindliche Töne bei den Reithosen, um nicht allzu sehr aufzufallen. Von den heute allgegenwärtigen Jodphurhosen mit Zipp oder gar Schlag war man in meiner Umstiegszeit übrigens noch weit entfernt… Das waren schließlich die robusten 80er!

Die Großpferde in meiner Ex-Reitschule kamen gerne mit mir aus ihrer Box, während die Isländer mir auf ihrem Paddock oft nur ihr zottiges Hinterteil zeigten, wenn ich in die Herde trat, um das zugeteilte Tier zum Reiten zu holen. Schmusebürsten und Lammfellputzhandschuh suchte ich im Putzkasten vergeblich. Stattdessen kamen beim Krustenkratzen derbe Wurzelbürsten und Fellkratzter zum Zuge, mit denen man die Haut von Warmblütern wohl wundgerieben hätte.

Und „bummelig“ ging es ganz und gar nicht zu beim Ausritt. Ich war feste Hufschlagfiguren, Kommandos wie „Teeerrrrab“ und einen Tête-Reiter gewohnt, der wusste, wann man abbiegen musste. Bei den Isis hieß es „Tölt, Marsch“ ohne Ankündigung sobald man Sandboden erreicht hatte. Vorne ritt derjenige mit dem schnellsten Pferd oder wer (angeblich) den Weg kannte.

Auch die isländischen Namen waren Neuland für mich. Irgendwann wurde mir ein Pferd namens „Rapp“ zugeteilt. Ich stiefelte in die Sattelkammer, konnte aber nur die Ausrüstung von „Jarpur“, „Skolli“ und „Perla“ finden. Das Namensschild „Hrafn“ war für mich unaussprechlich und ich dachte, es müsse sich wohl um einen Schreibfehler handeln…

Neulich fand ich im Keller eingestaubt meinen alten Wachsmantel. Der Geruch war noch der alte und erinnerte mich an früher. Ich habe das gern genutzte Stück bei Ebay verkauft. Vielleicht infiziert er ja noch jemanden mit dem Isi-Virus. Ich habe absichtlich einige Haare im Futter gelassen…