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Tonys Interviewecke

 

Klassische Dressur - auch für Islandpferde?

Interview mit Anja Beran

von Veronika Raithel

Fleygur: "Die klassische Reitkunst lässt sofort an stolze Spanier oder elegante Warmblüter denken, wie sie auch in wunderschönen Bildern in Ihrem Buch „Klassische Reitkunst“ abgebildet sind. Aber lässt sich da auch ein Bezug zu den Gangpferden, speziell zu den Isländern finden? Können auch die von der Klassischen Reitkunst profitieren?"

Anja Beran: "Ja selbstverständlich lässt sich ein Bezug zu den Isländern finden, die klassische Dressur ist für alle Pferde da! Laut Definition ist es die Fähigkeit, das Pferd durch Güte und logisch aufgebaute Übungen, die auf Harmonie und dem Naturgesetz von Gleichgewicht basieren, so auszubilden, dass es sich zufrieden und selbstbewusst dem Willen des Reiters unterwirft, ohne dass sein natürlicher Bewegungsablauf auf irgendeine Art darunter leidet.
Das Pferd soll durch die gymnastischen Übungen der klassischen Dressur bis ins hohe Alter gesund und einsatzfähig erhalten werden und den Reiter unbeschadet tragen können. Ein weiteres Ziel ist die Minimierung der Reiterhilfen. Anders sollte man auch einen Isländer nicht ausbilden, oder?"

Fleygur: "Was gilt im Hinblick auf die Islandpferde, die sich im Körperbau und Charakter doch von den „Großen“ zum Teil deutlich unterscheiden? Oft kommen Zweifel, ob dass die Ponies auch können oder können sollten."

Anja Beran: "Es geht in der klassischen Dressur nie darum WAS ein Pferd alles kann, sondern es geht immer darum WIE es etwas macht. Ist es gerade gerichtet, trägt es sich selbst, ist es durchlässig? Das sind wichtige Fragen, die über Gesundheit und Wohlbefinden des Pferdes entscheiden.
Die Lektionen helfen uns diese Ziele zu erreichen und sind niemals Selbstzweck. Sie haben stets einen gymnastischen oder praktischen Hintergrund. Die Piaffe zum Beispiel stärkt den Pferderücken und die Hinterhand wie keine andere Übung, und nachdem wir uns mit unserem Gewicht auf diesen Rücken platzieren, sollten wir ihn stärken. Die Galoppwechsel sind hingegen sehr praktisch, sie sind wichtig um das Pferd im Galopp schnell wenden zu können, sie geben dem Pferd Flexibilität im Hinterbein und machen es flink. Jedes Pferd kann diese gymnastischen Übungen natürlich nur in seinem Rahmen ausführen, das muss der Reiter respektieren und je nach Veranlagung sieht es bei manchen Pferden eben besser bzw. imposanter aus als bei anderen."

Fleygur: " Ein taktklarer Tölt setzt Balance und einen entsprechenden Muskelbau, aber auch Durchlässigkeit voraus. Gibt es Übungen, die sich hierfür besonders eigenen?"

Anja Beran: "Sämtliche Seitengänge helfen uns ein Pferd gerade zu richten und es ins Gleichgewicht zu bringen, daher können sie zur Vorbereitung aller Lektionen und Gangarten wertvolle Dienste leisten. Weitere Übungen sind das Rückwärtsrichten, das entlastet die Vorhand, stärkt den Rücken und macht durchlässig und natürlich die Übergänge, die man permanent in sein Repertoire einbauen sollte."

Fleygur: "Viele (Islandpferde-)Reiter sind nur im Freizeitbereich unterwegs und oft selbst reiterlich nicht so weit ausgebildet, dass z.B. ein Renvers tadellos klappt. Kann generell die Arbeit an der Hand eine sinnvolle Alternative für Pferd und Reiter sein, um doch ein gewissen Maß an Gymnastizierung zu erreichen?"

Anja Beran: " Mit vielen Pferden ist die Arbeit an der Hand in der Tat eine Alternative. Ist man im Sattel nicht sehr versiert, kann man viele Übungen mit dem Pferd auch vom Boden aus erarbeiten. Aber die Handarbeit kann nie die Arbeit unter dem Reiter ersetzen. Außerdem ist sie so einfach auch nicht, sinnvolle und gute Arbeit an der Hand erfordert Geschick, ein gutes Auge und eine solide Schulung des Ausbilders, sonst hat sie keinen gymnastischen Wert."

Fleygur: "Letztlich verbirgt sich hinter dem Begriff der Klassischen Reitkunst die Bemühung, ein Pferd so aus- und lebenslang weiterzubilden, dass es an Körper und Seele gesund bleibt?"

Anja Beran: "Ja richtig!
Und weil wir das heute nur noch selten so vorfinden und viele Pferde zu „Problempferden“ werden, weil sie viel zu hart und viel zu schnell ausgebildet werden sollen, haben wir 2009 die „Anja Beran Stiftung“ gegründet. Es ist so viel Fachwissen verloren gegangen und der Leistungsdruck, sowie der Kommerz im Sport führen zu immer mehr Hilfszügeln und fragwürdigen neuen Methoden, die gar nicht nötig wären, wenn die Reiter mehr fachliche Bildung hätten. Um diese zu gewährleisten genügen nämlich zwei-drei Jahre Berufsausbildung auf keinen Fall.
Unsere Stiftung möchte deshalb vor allem in mehr qualifizierte Ausbilder investieren, um später immer mehr Reitern und Pferden helfen zu können. Wir bieten eine sechsjährige Ausbildung für talentierte Nachwuchsreiter. In dieser Zeit vermitteln wir tiefes theoretisches Wissen, das sonst auszusterben droht und trainieren intensiv einen guten Sitz und eine gefühlvolle Einwirkung. Dafür stehen uns stiftungseigene Lehrpferde zur Verfügung, die weit ausgebildet sind, damit die Eleven erfühlen können wie sich feines Reiten anfühlt, erst dann können sie die Pferde selbständig ausbilden und an die Lektionen heranführen. Unsere Hoffnung ist es, dass wir damit immer mehr Pferde vor rüdem Umgang und Verschleiß bewahren können und ihnen viel mehr ein gesundes, langes Leben in Harmonie mit ihren Reitern ermöglichen können.

 

Interview: Veronika Raithel