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witzige Kolumne

von Karen Diehn in mehreren Teilen - Teil 4

Allrounder mit normalen Kenntnissen gesucht!

In unserer Offenstall-Männer-WG war lange Zeit noch ein Platz frei, den wir gerne belegen wollten. Über das Profil des aufzunehmenden Pferdes war sich unsere Stallgemeinschaft schnell einig, es sollte ein Robustpferd sein, nicht zu groß, verträglich und umgänglich. Beim zugehörigen Menschen erwarteten wir eigentlich nur die normalen Fähigkeiten eines Pferdebesitzers, also Grundkenntnisse in Isländisch, Tiermedizin, Naturheilkunde, Landwirtschaft, Fütterung, Gangartenkunde und Facility-Management.
Die aussichtsreichsten Interessenten luden wir zum Bewerbungstest ein. Den Anfang machte eine Mittzwanzigerin, von Beruf Krankenschwester. Die Bewerberin hatte Glitzersteinchen auf ihren Fingernägeln, fuhr einen italienischen Kleinstwagen und hatte nach zwei Tagen Regenwetter Sandalen zur Offenstallbesichtigung angezogen. Das machte uns schon etwas stutzig. Meine Stallkollegin begann den Test mit einer sehr leichten Frage aus dem Bereich Offenstallmathematik: „Wie viele HD-Ballen Heu passen in Ihren Kofferraum?“ Die Dame reagierte pikiert und erwiderte: „Sowas lade ich nicht ins Auto, die Halme kriege ich nie wieder aus den Polstern!“ Diese Antwort gab Abzüge in der B-Note (Realismus und Willen sich zu Engagieren). Beim Zaunlatten-Annageln und T-Pfosten-Setzen erwies sich das Schuhwerk und die pedikürten Hände erwartungsgemäß als unpraktisch. Die Bewerberin verzichtete nach diesem Debakel freiwillig auf den Einzug in unseren Stall und zog mit drei abgebrochenen Fingernägeln von dannen.
Bewerberin Nr. 2, eine Lehrerin, war schon wesentlich robuster. Sie hatte das passende Schuhwerk an, Dreck unter den Nägeln und im Auto und war es gewohnt, sich mit einer Bande pubertierender Teenager auseinander zu setzen. Das verhalf ihr zu einer hohen Bewertung in der A-Note (Umgang mit den Pferden), denn sie lotste unsere Herde souverän nach 20 Minuten Weidegang wieder zurück in den Paddock. Eine volle 250 Liter Karre manövrierte problemlos über das 30cm breite Brett auf unseren Misthaufen und wir wollten sie schon zu ihrem neuen Einstellplatz beglückwünschen. Doch dann disqualifizierte sie sich. Wie hoch denn der zeitliche Aufwand wäre, den die geforderte „Mithilfe“ ausmache, wollte sie wissen. „Ich habe nämlich noch eine Familie und andere Hobbys, die sie nicht vernachlässigen will…“
So luden wir noch Bewerber Nr. 3, einen männlichen Späteinsteiger ein. Er fuhr mit einem zugstarken Geländewagen vor, trug Stahlkappen-Schuhe und war noch dazu in Altersteilzeit. Beste Vorrausetzungen also für das Robustpferdehalter-Dasein! Beim Einstellungstest mussten wir allerdings Abzüge in der A-Note geben, denn der Mann konnte Trölt nicht von Schwölt unterscheiden. Und er erkannte drei von sechs Fliegensprays nicht am Geruch, dafür war er im Umgang mit Hammer und Nagel geübt. Meine Stallkollegin stellte ihm schließlich die entscheidende Frage: „ Wenn Du den Platz bekommst, wie oft willst Du pro Woche reiten?“ Nach einem Blick auf unsere an vielen Stellen renovierungsbedürftige Anlage antwortete der Bewerber: „Reiten wird als Hauptbeschäftigung einfach überbewertet, es gibt so viele andere Beschäftigungen im Stall!“ Das brachte ihm nicht nur die noch fehlenden Sympathiepunkte sondern auch einen neuen Einstellplatz. Und sein Pferd kriegen wir auch noch robust, das ist schließlich das kleinste Problem.